{"id":174329,"date":"2015-05-05T09:07:56","date_gmt":"2015-05-05T07:07:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/?p=174329"},"modified":"2015-05-05T09:07:56","modified_gmt":"2015-05-05T07:07:56","slug":"inklusion-ein-ueberfluessiges-wort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/inklusion-ein-ueberfluessiges-wort\/","title":{"rendered":"Inklusion \u2013 ein \u00fcberfl\u00fcssiges Wort?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Bericht von Dr. Carsten Dethlefs<\/strong> &#8211; Das Wort \u201eInklusion\u201c wird in der heutigen Zeit vielfach im Munde gef\u00fchrt. In den meisten F\u00e4llen wird damit gemeint \u2013 so ist der Eindruck \u2013 dass behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam eine allgemeinbildende Schule besuchen k\u00f6nnen. Doch Inklusion ist viel mehr.<!--more-->Das Ziel der Inklusion wird aus der UN-Behindertenrechtskonvention abgeleitet, die Deutschland im Jahr 2009 ratifizierte. Es will sagen, dass kein Mensch wegen einer unfreiwilligen Einschr\u00e4nkung anderen Menschen gegen\u00fcber benachteiligt werden darf. W\u00f6rtlich hei\u00dft es auf der Seite <a href=\"http:\/\/www.behindertenrechtskonvention.info\/\">www.behindertenrechtskonvention.info<\/a> \u201eDie UN-Behindertenrechtskonvention beinhaltet \u2014 neben der Bekr\u00e4ftigung allgemeiner Menschenrechte auch f\u00fcr behinderte Menschen \u2014 eine Vielzahl spezieller, auf<\/p>\n<p>die Lebenssituation behinderter Menschen abgestimmte Regelungen.<\/p>\n<p>(vgl. <a href=\"http:\/\/www.behindertenrechtskonvention.info\/\">www.behindertenrechtskonvention.info<\/a>, zuletzt konsultiert am 13. April 2015). Hier werden Themen angesprochen wie \u201eArbeit und Besch\u00e4ftigung\u201c, Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch, sowie die Barrierefreiheit im allt\u00e4glichen Lebennn (vgl. ebd.).<\/p>\n<p>Inklusion leitet sich sprachlich vom lateinischen includere ab und hei\u00dft so viel wie \u201eeinschlie\u00dfen \u2013 mit einbeziehen\u201c. Doch macht der Gebrauch eines solchen Spezialwortes die zwischenmenschliche \u2013 auf dem christlichen Menschenbild \u2013 dem Subsidiarit\u00e4tsprinhzip basierende Hilfsbereitschaft nicht erst zu einem Sonderfall? In der durch Oswald von Nell-Breuning inspirierten Enzyklika Quadragesimo Anno aus dem Jahr 1931 hei\u00dft es beispielsweise: \u201eJedwede Gesellschaftst\u00e4tigkeit ist ja ihrem Wesen und Begriff nach sub\u00adsidi\u00e4r; sie soll die Glieder des Sozialk\u00f6rpers unterst\u00fctzen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen\u201c (aufgerufen \u00fcber: http:\/\/www.theol.\u200cuni-frei.de\/institute\/ipt\/cgl\/sozenzy, zuletzt konsultiert am 1. M\u00e4rz 2015).<\/p>\n<p>Zu jener Zeit war das Wort \u201eInklusion\u201c noch nicht in Ans\u00e4tzen am Horizont zu erkennen und eine andere Hilfe f\u00fcr behinderte Menschen als die zwischenmenschliche oder paternalistische\u00a0\u00a0 &#8211; beispielsweise durch wohlmeinende Stifter praktizierte Unterst\u00fctzung \u2013 nicht vorstellbar.<\/p>\n<p>Doch war diese Hilfe nicht sehr viel zielgerichteter und weniger anf\u00e4llig f\u00fcr Missbrauch als die heutige \u2013 oftmals exklusiv durch den Staat geleistete? War die F\u00f6rderung behinderter Menschen damals nicht aber viel mehr dem Zufall \u00fcberlassen und somit nicht f\u00fcr jedermann erh\u00e4ltlich?<\/p>\n<p>Diese entggegengesetzten Meinungen k\u00f6nnte man hinsichtlich des Wortes \u201eInklusion\u201c vertreten.<\/p>\n<p>Es ist richtig, dass Menschen, die mit k\u00f6rperlichen und\/oder geistigen Einschr\u00e4nkungen leben m\u00fcssen, Hilfe ben\u00f6tigen, die ein einzelner Mensch oder eine einzelne Familie nicht immer aus sich heraus zu geben im Stande ist. Gleichwohl darf sich durch die heutzutage praktizierte erg\u00e4nzende staatliche Hilfe niemand dazu veranlasst sehen, die eigene Hilfffsbereitschaft in konkreten Situationen einzuschr\u00e4nken. Zudem hilft alle im Alltag gepriesene Inklusion nichts, wenn man sie nicht im menschlichen Miteinander auch am Arbeitsplatz aus\u00fcbt und die kreativen und sch\u00f6pferischen Ressourcen, die ein jeder in uns tr\u00e4gt durch Vorurteile, \u00c4ngstlichkeit oder Eitelkeit\u00a0\u00a0 nicht verwirklicht werden k\u00f6nnen. Mit \u201eEitelkeit\u201c ist gemeint, dass nicht behinderte Menschen oftmals Probleme damit haben, die \u00dcberlegenheit von behinderten Menschen, die es in einzelnen F\u00e4llen und bestimmten Situationen geben mag, anzuerkennen.<\/p>\n<p>In der weiteren Konsequenz f\u00fchren diese Gedanken sogar dazu, dass menschliches Leben beispielsweise bei Sp\u00e4tabtreibungen, die im \u00a7 218a des Strafgesetzbuches geregelt sind, als weniger Wert erachtet wird, wenn der Mensch eine Behinderung hat. So hei\u00dft es im Paragrafen 218a, Absatz 2: \u201e<\/p>\n<p>(2) Der mit Einwilligung der Schwangeren von einem Arzt vorgenommene Schwangerschaftsabbruch ist nicht rechtswidrig, wenn der Abbruch der Schwangerschaft unter Ber\u00fccksichtigung der gegenw\u00e4rtigen und zuk\u00fcnftigen Lebensverh\u00e4ltnisse der Schwangeren nach \u00e4rztlicher Erkenntnis angezeigt ist, um eine Gefahr f\u00fcr das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeintr\u00e4chtigung des k\u00f6rperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden, und die Gefahr nicht auf eine andere f\u00fcr sie zumutbare Weise abgewendet werden kann (vgl. \u00a7 218a des Strafgesetzbuches, aufgerufen \u00fcber: <a href=\"http:\/\/bundesrecht.juris.de\/bundesrecht\/ihkg\/index.html\">http:\/\/bundesrecht.juris.de\/bundesrecht\/stgb\/index.html<\/a>, zuletzt konsultiert am 14. April 2015<\/p>\n<p>). Leider reicht es f\u00fcr diese Praxis bereits aus, wenn die\u00a0\u00a0 schwangere Frau mit der Selbstt\u00f6tung droht, sollte sie\u00a0\u00a0 ein behindertes Kind zur Welt bringen m\u00fcssen. Der Stellenwert behinderten Lebens in unserer Gesellschaft wird hier sehr deutlich.<\/p>\n<p>Der behinderte Mensch k\u00f6nnte ja im weiteren Leben kein produktives Mitglied der Gesellschhhaft sein und\u00a0\u00a0 w\u00fcrde \u2013 so werden diese Ma\u00dfnahmen h\u00e4ufig entschuldigt \u2013 eventuell sogar selbst nur leiden. Doch, wer will von au\u00dfen schon ermessen, ob ein Leben lebenswert ist oder nicht?<\/p>\n<ul>\n<li>Eine Behinderung liegt nach \u00a7 2 des Sozialgesetzbuches IX bei Menschen vor,<\/li>\n<li>wenn \u201eihre k\u00f6rperliche Funktion, geistige F\u00e4higkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit l\u00e4nger als sechs Monate<\/li>\n<\/ul>\n<p>von dem f\u00fcr das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeintr\u00e4chtigt ist. Sie sind von Behinderung<\/p>\n<p>bedroht, wenn die Beeintr\u00e4chtigung zu erwarten ist.<\/p>\n<p>Um die vorhin geschilderten lebensfeindlllichen Prakkktiken, die wir uns im allt\u00e4glichen Leben vielleicht gar nicht bewusst machen, zu vermeiden, gibt es somit verschiedene Dinge zu tun, bei denen gerade das christliche Menschenbild, nach dem der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde, sehr hilfreich sein kann.<\/p>\n<p>Diese Gedanken betreffen in der heutigen Zeit im \u00dcbrigen nicht nur behinderte Menschen. Auch die Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me nach Europa lassen uns ein inklusives Denken einfordern, das vor dem christlichen Glauben im Abendland allerdings kaum des Wortes \u201eInklusion\u201c bedarf. Wie kann vor diesen aktuellen Umst\u00e4nden ein\u00a0\u00a0 friedliches und inklusssives Miteinander gelingen?<\/p>\n<p>Gewiss kann es nicht gelingen, wenn man sich hinter einem blo\u00dfen Wort, dem der Inklusion versteckt und die praktische Aus\u00fcbung zur Nebensache verkommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der erste Schritt ist jedoch tats\u00e4chlich eine Art Inklusion. Wir m\u00fcssen dazu \u00fcbergehen, Menschen mit Behinderung und anderen selbst nicht zu verantwortenden Andersartigkeiten in unseren Alltag zu integrieren. Dabei sollten wir Begegnungsst\u00e4tten schaffen, bei denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsame Aktivit\u00e4ten vollf\u00fchren. Die Schule ist hier ein treffliches Beispiel. Der Autor ist selbst physisch erblindet und stets Absolvent von Bildungseinrichtungen gewesen, die nicht speziell f\u00fcr behinderte Menschen gedacht waren. Nat\u00fcrlich h\u00e4ngt\u00a0\u00a0 diese Entscheidung aber stets von der Auspr\u00e4gung und dem Grad der Behinderung ab. In letzter Instanz soll eine solche Entscheidung somit weitestm\u00f6glich von der betroffenen Person selbst getroffffen werden.<\/p>\n<p>Niemandem ist damit geholfen, wennnn ein behinderter Mensch in ein Gemeinwesen inkludiert wird, ohne die\u00a0\u00a0 Anforderungen desselben auch letztlich erf\u00fcllen zu k\u00f6nnnnen. Das Ausbleiben von Erfolgserlebnissen und ein Minderwertigkeitsgef\u00fchhhl k\u00f6nnnnten die Folge sein.<\/p>\n<p>Umgekehrt gilt aber das Gleiche, wenn man sich n\u00e4mlich in einer Spezialeinrichtung unterfordert f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chster Schritt ist die Einnngliederung behinderter Menschen in die Berufswelt zu fordern. Auch dieses sollte nach M\u00f6glichkeit kein Ergebnis staatlichen\u00a0\u00a0 Zwangs sein, sondern Ausdruck von Vertrauen und unternehmerischer Kreativit\u00e4t. So k\u00f6nnte man \u2013 w\u00fcrde man behinderte Menschen st\u00e4rker\u00a0\u00a0 als Zielgruppe, denn als Belastung ansehen \u2013 ganz neue M\u00e4rkte erschlie\u00dfen. So sind beispielsweise viele autistische Menschen im Bereich der Computerprogrammierung und anderer EDV\u2014T\u00e4tigkeiten viel besser geeignet allls Menschen, die diese Einschr\u00e4nkung nicht besitzen. Authismus bedingt h\u00e4ufig eine gr\u00f6\u00dfere F\u00e4higkeit, sich zu fokussieren, was gerade bei mathematischen L\u00f6sungsvorg\u00e4ngen von Vorteil ist. Blinde Menschen k\u00f6nnen in der Regel besser h\u00f6ren und haben ein besseres Ged\u00e4chtnis, was ebenfalls bei vielen T\u00e4tigkeiten besser genutzt werden sollte. Allen Menschen mit Behinderung ist aber gemeinnn, dass sie in einer schwierigen Situation\u00a0\u00a0 zurechtkommen m\u00fcssen und daher oftmals sehr viel besser improvisieren k\u00f6nnnnen als andere.<\/p>\n<p>Ende 2013 gab es hierzulande 7,5 Millionen schwerbehinderter Menschen.<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/...\/ZahlenFakten\/...\/Behinderte\/BehinderteMenschen.html\">https:\/\/www.destatis.de\/&#8230;\/ZahlenFakten\/&#8230;\/Behinderte\/BehinderteMenschen.html,<\/a> zuletzt konsultiert am 14. April 2015). Die se Zahl birgt sicher ein gro\u00dfes Potential an nicht nur f\u00fcr den deutschen Arbeitsmarkt wertvollen Menschen. Es handelt sich um Individuen, die in das gesellschaftliche Miteinander einbezogen werden wollen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der dritte und letzte Schritt besteht schlie\u00dflich darin, das Wort \u201eInklusion\u201c \u00fcberfl\u00fcssig werden zu lassen. Denn, kein Mensch darf vergessen, dass man von der einen zur n\u00e4chsten Minute selbst dieser Gruppe \u2013 der Gruppe der behinderten Menschen \u2013 angeh\u00f6ren kann. Eine unvorsichtige Aktion im Alltag kann hier gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Es erscheint h\u00f6chst seltsam, warum man von einem Tag auf den anderen einen Sonderstatus wie dem der Inklusion unterliegen muss. Aus diesem Grund bleibt zu fordern, die Gesellschaft von vornherein als ein inklusives Konstrukt zu begreifen und die Einzigartigkeit eines jeden Menschen anzuerkennen. Damit w\u00e4re uns gerade in der heutigen Zeit sehr geholfen, auch ohne das Wort \u201eInklusion\u201c explizit zu gebrauchen.<\/p>\n<p>Inklusion ist n\u00e4mlich erst dann vollst\u00e4ndig erreicht, wenn das eigene Handicap zur Nebensache wird und damit selbiger Begriff \u00fcberfl\u00fcssig ist.<\/p>\n<p>Der Autor ist selbst seit seinem vierten Lebensjahr blind und hat dennoch im Bereich der Wirtschaftswissenschaften promoviert. Er ist Altstipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Publizist und Blogger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bericht von Dr. Carsten Dethlefs &#8211; Das Wort \u201eInklusion\u201c wird in der heutigen Zeit vielfach im Munde gef\u00fchrt. 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