{"id":244964,"date":"2017-11-03T10:20:22","date_gmt":"2017-11-03T09:20:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/?p=244964"},"modified":"2017-11-07T10:24:40","modified_gmt":"2017-11-07T09:24:40","slug":"vortrag-von-bischof-andreas-v-maltzahn-zur-konfessionslosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/vortrag-von-bischof-andreas-v-maltzahn-zur-konfessionslosigkeit\/","title":{"rendered":"Vortrag von Bischof Andreas v. Maltzahn zur Konfessionslosigkeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vortrag von Bischof Andreas v. Maltzahn zur Konfessionslosigkeit &#8211;\u00a0<\/strong>\u201eSind Sie religi\u00f6s oder Atheistin?\u201c \u201eWeder, noch \u2013 ich bin normal.\u201c Mit diesem Umfrage-Beispiel vom Leipziger Hauptbahnhof, nahm Bischof Dr. Andreas v. Maltzahn seine Zuh\u00f6rer Hamburg-Eidelstedt mitten in sein Thema hinein. \u201eGott, den haben wir glatt vergessen\u201c, so hatte der Theologe seinen Vortrag am\u00a0 Donnerstag den 2. November im Gemeindehaus an der Elisabethkirche \u00fcberschrieben.<!--more--><\/p>\n<p>Der Bischof unterstrich, dass Konfessionslosigkeit im Osten Deutschlands sich f\u00fcr viele inzwischen \u00fcber Generationen hinweg als Normalit\u00e4t vererbt habe. \u201eAber auch in Hamburg nimmt die Zahl der Menschen mit s\u00e4kularer Lebenshaltung zu\u201c, so Andreas v. Maltzahn. Zugleich machte er klar, dass es ,den\u2018 oder \u201adie\u2018 typische Konfessionslose\/n nicht gibt. Zu verstehen, wie diese verschiedenen Menschen ohne Glauben an Gott \u201aticken\u2018, ist f\u00fcr den Schweriner Bischof ein wichtiger Ansatz f\u00fcr den Dialog: Was erf\u00fcllt ihr Leben? Was tr\u00e4gt sie in Krisen und im Gedanken an den Tod? Wonach sehnen sie sich in der Tiefe ihres Herzens?<\/p>\n<p>In seinem Vortrag f\u00e4cherte er drei Aspekte auf: Zum einen, was Christen unter Menschen mit s\u00e4kularer Lebenshaltung wahrnehmen k\u00f6nnen. Zum Zweiten: Was dazu f\u00fchrt, dass Gott Menschen fremd geworden ist, dass sie ihn verloren haben? Und Drittens: Was wir tun k\u00f6nnen, damit die Frage nach Gott lebendig bleibt oder wieder lebendig wird \u2013 unter uns wie unter den Menschen mit denen wir leben.<\/p>\n<p>Wahrnehmungen unter Menschen mit s\u00e4kularer Lebenshaltung<\/p>\n<p>Zugespitzt formulierte Bischof v. Maltzahn im Blick darauf, was f\u00fcr die Ostdeutschen an die Stelle einer religi\u00f6sen Weltanschauung tritt: \u201eDie neue \u201aReligion\u2018 der Ostdeutschen ist das zum Ideal erhobene Leben f\u00fcrs Private, f\u00fcr das nahe Umfeld ihrer Existenz.\u201c Deren Weltanschauung sei eine Art \u201aWissenschaftsgl\u00e4ubigkeit\u2018, die sich auf Wissenschaftlichkeit beruft, aber \u00fcber deren Deutungsanspruch weit hinausgeht. \u201eIn Kursen \u201aGlaube zum Kennenlernen\u2018 war der Durchbruch meist geschafft\u201c, berichtete der Bischof aus seiner Zeit als Gemeindepastor, \u201ewenn das Verh\u00e4ltnis von Glaube und Naturwissenschaft gekl\u00e4rt war \u2013 als nicht sich ausschlie\u00dfend, sondern einander erg\u00e4nzend.\u201c<\/p>\n<p>Zudem gebe es nach wie vor eine Menge Vorurteile \u2013 auf beiden Seiten: Binnenkirchlich w\u00fcrden Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angeh\u00f6ren, vielfach als defizit\u00e4r wahrgenommen. Und Konfessionslose wiederum sehen Christinnen und Christen oft mit einem gewissen Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit in Sachen der wissenschaftlichen Erkenntnis, formulierte der Bischof. \u201eDie atheistische Bildungspolitik der DDR, die jede Religion unter den Generalverdacht der Unwissenschaftlichkeit stellte, ist hierin erfolgreich gewesen.\u201c<\/p>\n<p>Zudem verwies Andreas v. Maltzahn darauf, dass Menschen mit s\u00e4kularer Lebenshaltung sich \u201eRituale f\u00fcr ihr Leben leihen\u201c und nannte als Beispiel die \u201aSunday-Assembly\u2018 in Hamburg. Dort tr\u00e4fen sich Leute jeden Sonntag zu einer Art Gottesdienst f\u00fcr Menschen ohne Konfession. Zugleich fehle es in der Gesellschaft weithin an religi\u00f6ser Pr\u00e4gung, was \u201enicht nur einen Mangel an Wissen, sondern auch an religi\u00f6ser Vorstellungskraft und Sprachf\u00e4higkeit\u201c bedeutet. Und dann gibt es noch das Ph\u00e4nomen, das \u201emanche Menschen unserer Tage sich reflektiert als religi\u00f6s \u201aunmusikalisch\u2018 begreifen\u201c, skizzierte der Theologe. Hier stelle sich die Frage, ob sie erst religi\u00f6s werden m\u00fcssten, um in Beziehung zu Gott treten zu k\u00f6nnen oder ob sich nicht andere Wege finden lassen.<\/p>\n<p>Interessant: In den Untersuchungen der Nordkirchen-Arbeitsstelle \u201aKirche im Dialog\u2018 sei deutlich geworden, dass drei Themen inhaltlich besonders bedeutsam sind f\u00fcr das Gespr\u00e4ch mit Menschen, die ohne Gott leben: \u201eDas Leben nach dem Tod, das Verh\u00e4ltnis von Naturwissenschaft und Glauben sowie \u2013 im Osten \u2013 die Frage nach der G\u00fcte Gottes angesichts der Ungerechtigkeiten der Welt\u201c, berichtete Bischof v. Maltzahn und erg\u00e4nzte: \u201eKnapp die H\u00e4lfte aller befragten Konfessionslosen sch\u00e4tzt an unserer Kirche, \u201edass man (in der Kirche) nicht perfekt sein muss, um angenommen zu werden\u201c. Sein Fazit: \u201eWir brauchen also keine falsche Scheu zu haben, den christlichen Glauben ins Gespr\u00e4ch zu bringen.\u201c<\/p>\n<p>Gr\u00fcnde f\u00fcr die Entfremdung von Gott, f\u00fcr die Gottvergessenheit<\/p>\n<p>Zu den vielf\u00e4ltigen Gr\u00fcnden f\u00fcr die Abwendung von Religionen z\u00e4hlt im Osten, dass das Leben unter zwei Diktaturen mit antikirchlicher Ausrichtung Spuren hinterlassen hat und im Westen die 68er-\u201aKulturrevolution\u2018 den Lebensstil der Menschen dauerhaft beeinflusst und die Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber religi\u00f6sen Fragen wachsen lassen. Dar\u00fcber hinaus h\u00e4tten \u201edie Kirchen in Deutschland selbst, manches getan bzw. unterlassen, wodurch ihre Glaubw\u00fcrdigkeit besch\u00e4digt wurde\u201c, so Bischof v. Maltzahn und nannte als Beispiele, die Kriegspredigten oder die \u00dcbergriffe sexualisierter Gewalt von kirchlichen Amtstr\u00e4gern:<\/p>\n<p>Ebenso liegen manche Gr\u00fcnde dagegen eher in der biographischen Entwicklung der jeweiligen Menschen. \u201eNach meiner Beobachtung verlieren viele ihr Zutrauen zu Gott in der Phase des Erwachsenwerdens\u201c, sagte Andreas v. Maltzahn. \u201eDie Bilder der Kinderzeit tragen dann nicht mehr so ohne weiteres.\u201c Es brauche neue Vorstellungen von Gott. Der Glaube m\u00fcsse durch Fragen und Zweifel hindurchgehen, \u201eum auch denken zu k\u00f6nnen, was man glaubt.\u201c<\/p>\n<p>Wege, Gott neu zu entdecken<\/p>\n<p>Der Schweriner Bischof ermunterte Christen dazu, auf dem Weg zu und mit den Suchenden unserer Zeit zu sein. Als Beispiele nannte er die \u201eerstaunlich bunte Truppe\u201c, die auf den Pilgerwegen unterwegs sei oder ebenso die Fu\u00dfballfans mit ihrer Sehnsucht nach Zugeh\u00f6rigkeit zu einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen. \u201eOder denken wir an die wachsende Bewegung der modernen \u201aIlluminati\u2018: Kaum ein Haus, das im Winter nicht durch Leuchtketten oder wenigstens einen leuchtenden Stern geschm\u00fcckt w\u00e4re\u201c, erinnerte der Bischof seine Zuh\u00f6rer und f\u00fcgte hinzu: \u201eIch kann dieses Ph\u00e4nomen auch wahrnehmen als ein vieltausendfaches Zeichen unausgesprochener Sehnsucht nach Licht in der Dunkelheit, nach Harmonie in der Zerrissenheit \u2013 und nach einem Leben, das dem entspricht.\u201c<\/p>\n<p>Weitere Schlaglichter seien die \u201ehochspannende Auseinandersetzung mit dem Thema ,Tod\u2018 in unserer Gesellschaft\u201c oder all jene, die \u201eallen Ernstes Lebensberatung bei Wahrsagerinnen und Bildschirm-Astrologen suchen, denn auch sie sp\u00fcren: Ich kann mein Leben nicht allein aus mir heraus gewinnen und gestalten\u201c.<\/p>\n<p>Bischof v. Maltzahn erinnerte daran, dass die Nordkirche neue Begegnungsr\u00e4ume entwickelt, damit Dialog entstehen kann. Dazu z\u00e4hlte das Sch\u00fclerprojekt TEO \u2013 Tage ethischer Orientierung. Oder die Passionsandachten, die eine mecklenburgische Pastorin an Orten heutigen Leidens gestaltet und zu der viele kommen &#8211; auch jene, die mit der Kirche eigentlich nichts am Hut h\u00e4tten. Die Andachten finden z. B. \u201ean einer Kreuzung mit t\u00f6dlichen Unf\u00e4llen; am ehemaligen Konsum, der als Ort der Kommunikation vermisst wird; oder an einer Bushaltestelle, an der nur noch selten ein Bus h\u00e4lt und die daf\u00fcr steht, dass Menschen sich von der gesellschaftlichen Entwicklung abgeh\u00e4ngt f\u00fchlen\u201c, so Andreas v. Maltzahn.<\/p>\n<p>Zudem machte der Theologe \u201aAlt\u00e4re des unbekannten Gottes\u2018 aus, obgleich Menschen in unserem Land Gott ganz und gar fremd sei und sie ihn nicht vermissten. \u201eDa ist beispielsweise der ,Altar der ,Liebe\u2018, der ,Sch\u00f6nheit\u2018 oder der \u201aAltar der Freiheit\u2018: \u201eVielen Menschen geht Freiheit \u00fcber alles. Sie ist ihnen geradezu \u201aheilig\u2018, auch wenn sie das vielleicht nicht in einen religi\u00f6sen Zusammenhang stellen w\u00fcrden.\u201c Dennoch habe das Thema der Freiheit eine religi\u00f6se Dimension und sei mit dem Thema Verantwortung verbunden. \u201eWem ist da eigentlich zu antworten? Wer ist das Gegen\u00fcber, das uns zur Antwort ruft: Das Leben? Die Geschichte? Gott? Der Dialog am Fu\u00dfe des \u201aFreiheits-Altars\u2018 ist zumindest offen f\u00fcr eine Dimension, die das Geheimnis der Welt ber\u00fchrt\u201c, so Dr. v. Maltzahn.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund erinnerte der Bischof an Martin Luther, der umgetrieben war von der Frage: \u201eWie kann ich bestehen \u2013 vor Gott, vor seinem Gericht?\u201c Diese sei hochaktuell, auch wenn sie sich heute vielen in anderer Form stellt: Ein Beispiel seien die beruflichen Leistungsanspr\u00fcche, die einen mehr und mehr unter Druck setzen, ebenso wie der Erwartungsdruck, unter dem M\u00e4nner und Frauen in Partnerschaft und Familie stehen.<\/p>\n<p>Die befreiende Antwort auf seine Fragen fand Luther in der Bibel, erinnerte der der Bischof. So entscheidet in Gottes Augen \u201ekein Tun, kein Werk, nicht einmal das Lebens-Werk \u00fcber den Wert eines Menschen. Seine W\u00fcrde, der Sinn insgesamt seines Lebens, ist leistungsunabh\u00e4ngig.\u201c F\u00fcr Andreas v. Maltzahn ist dies eine hochaktuelle Zusage, die deutlich macht: \u201eUnser Wert als Mensch ist nicht abh\u00e4ngig von Leistung! Unsere W\u00fcrde ist gottgeschenkt! Wir m\u00fcssen unser Lebensrecht nicht erst erarbeiten \u2013 in Schule und Beruf, Partnerschaft und Familie.\u201c<\/p>\n<p>Die Frage nach Gott wichtig sein lassen<\/p>\n<p>Es ist eine gro\u00dfe Herausforderung, so Bischof v. Maltzahn am Schluss seines Vortrages, \u201edie Frage nach Gott wachzuhalten \u2013 f\u00fcr Menschen auf der Suche genauso wie f\u00fcr unsere Gesellschaft, die auf das soziale und ethische Potential von Religion nicht verzichten kann\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag von Bischof Andreas v. Maltzahn zur Konfessionslosigkeit &#8211; \u201eSind Sie religi\u00f6s oder Atheistin?\u201c \u201eWeder, noch \u2013 ich bin normal.\u201c Mit diesem Umfrage-Beispiel vom Leipziger Hauptbahnhof, nahm Bischof Dr. Andreas v. Maltzahn seine Zuh\u00f6rer Hamburg-Eidelstedt mitten in sein Thema hinein. \u201eGott, den haben wir glatt vergessen\u201c, so hatte der Theologe seinen Vortrag am  Donnerstag den 2. 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