{"id":3099,"date":"2006-11-24T23:26:44","date_gmt":"2006-11-24T23:26:44","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=2999"},"modified":"2006-11-24T23:26:44","modified_gmt":"2006-11-24T23:26:44","slug":"am_rande_sechs_kapitel_ber_aids_in_der_ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/am_rande_sechs_kapitel_ber_aids_in_der_ukraine\/","title":{"rendered":"&#8222;Am Rande. Sechs Kapitel \u00fcber AIDS in der Ukraine&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Aids-Slawa\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Aids-Slawa.jpg\" alt=\"Aids-Slawa\" \/><br \/>\nIn der Ukraine ist ein Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung HIV-infiziert, das sind eine halbe Million Menschen<\/p>\n<p>Interview mit dem Filmemacher Karsten Hein<\/p>\n<p>Frage:<br \/>\nWas hat Sie bewogen, nach &#8222;So wollen wir nicht sterben&#8220; \u00fcber Aids in Odessa einen weiteren Film \u00fcber die Krankheit, ihre Folgen und Ursachen im ukrainischen Donezk zu drehen? <\/p>\n<p>Nachdem wir die Umst\u00e4nde, unter denen die Aidskranken in Odessa leben, im ersten Film dargestellt haben, hatten wir das Gef\u00fchl, dass wir es dabei nicht bewenden lassen k\u00f6nnen. Wir wollten versuchen zu verstehen, wie diese Epidemie tats\u00e4chlich funktioniert. Wir wollten sie quasi in ihre Bestandteile zerlegen. Um zu sehen, wie sie entstanden ist, mit welchen gesellschaftlichen Umst\u00e4nden sie verkn\u00fcpft ist, welche Auswirkungen sie hat &#8211; um letztendlich auch zu erforschen, wie man dort etwas ver\u00e4ndern kann.<!--more-->Frage<br \/>\nWas wollen Sie konkret ver\u00e4ndern?<\/p>\n<p>Wir sind in die Ukraine gekommen, weil wir geh\u00f6rt haben, wie die Aidskranken dort leben. Je mehr wir uns damit besch\u00e4ftigt haben, desto deutlicher haben wir gesehen, dass die Epidemie ein Symptom einer gesellschaftlichen Lage ist, einer humanit\u00e4ren Katastrophe letztendlich.<\/p>\n<p>In unsrem neuen Film haben wir das Problem in Kapitel aufgef\u00e4chert:<br \/>\n1. Die Drogen: Die meisten Menschen infizieren sich dort ja nach wie vor \u00fcber Spritzen &#8211; welche Drogen gibt es dort \u00fcberhaupt? Es gibt in der Ukraine eine halbe Million Drogens\u00fcchtige. Wie leben die? Dann Drogenhandel und Korruption &#8211; es ist da \u00fcbrigens ein offenes Geheimnis, dass die Miliz in den Drogenhandel verwickelt ist.<br \/>\n2. Prostitution:  Fast alle Frauen, die drogenabh\u00e4ngig sind, gehen auf den Strich.<br \/>\n3. Zwangsarbeitslager:  In der Ukraine sitzen immer noch 200.000 Menschen in Lagern ein. Und da drinnen herrschen immer noch verheerende Zust\u00e4nde und in den Lagern gibt mehr Drogen als drau\u00dfen.<br \/>\n4. Die Armut:  Der Anfang der epidemischen Drogensucht liegt 1991. Mit der Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine begann der wirtschaftliche Niedergang.<br \/>\n5. TBC:  Das ist die dritte Epidemie! Drogensucht, AIDS, Tuberkulose &#8211; diese Drei gehen zusammen. Und das ukrainische Gesundheitswesen ist v\u00f6llig \u00fcberlastet.<br \/>\n6. Die Waisen:  Es gibt dort sehr viele Familien, in denen die Erwachsenengeneration weggestorben ist. Wo nur noch Gro\u00dfeltern und Kleinkinder leben. Und viele Kinder sind selbst infiziert<\/p>\n<p>Es gibt kein eigenes AIDS-Kapitel, denn in all diesen Bereichen haben wir Aids-Kranke getroffen. Genauso wie die Menschen in allen Kapiteln arm sind und drogens\u00fcchtig oder betroffen von Angeh\u00f6rigen, die drogens\u00fcchtig sind. Und sehr viele von ihnen haben auch das Lager hinter sich.<\/p>\n<p>Die Ukraine ist eine Gesellschaft im Umbruch, im Zerfall.<br \/>\nMan kann in all diesen Bereichen aktiv werden.<br \/>\nAids als Thema bietet sich deshalb an, weil es ein Problem ist, das bis in den Westen Europas reicht und es hier auch starkes Interesse geben m\u00fcsste, der Epidemie Einhalt zu gebieten.<\/p>\n<p>FRAGE<br \/>\nWie war die Reaktion auf Ihren ersten Film in punkto Hilfsma\u00dfnahmen f\u00fcr die Kranken in der Ukraine?<\/p>\n<p>Es gab verschiedene kleinere Hilfslieferungen, wo Medizintechnik und Versorgungsgegenst\u00e4nde geschickt wurden. Und es gab vor allen Dingen in der Politik eine Richtungs\u00e4nderung. Noch vor zwei, drei Jahren haben sich die europ\u00e4ischen L\u00e4nder mit Hilfe sehr zur\u00fcck gehalten.<br \/>\nWohl auch, weil es um das Gesundheitswesen eines fremden Landes ging.<br \/>\nInzwischen betrachtet die Bundesregierung Aids in Ost-Europa als eine der Herausforderungen der Zukunft. Sie hat jetzt auch endlich angefangen, Geld daf\u00fcr auszugeben. Und man plant im Rahmen der EU-Ratspr\u00e4sidentschaft Ma\u00dfnahmen dagegen zu ergreifen. Also bilaterale Vertr\u00e4ge mit der Ukraine zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nWas ist Ihre Hoffnung nach dem neuen Film?<\/p>\n<p>Wir versuchen ja zu zeigen, dass Aids kein Problem ist, das man isoliert betrachten kann. Nach unserer Meinung war es ein Fehler der EU, die Mitgliedschaft der Ukraine grunds\u00e4tzlich kategorisch abzulehnen. Anstatt ihr zumindest eine Perspektive zu signalisieren. Wenn die EU das im Sinne einer Partnerschaft revidieren k\u00f6nnte, w\u00e4re schon etwas getan.<br \/>\nZur Zeit br\u00e4uchten rund 60.000 Patienten die antiretrovirale Therapie, um ihr Leben zu verl\u00e4ngern. Nur 4000 bekommen sie, 6000 sollen es bis 2008 sein &#8211; und das nur aus Mitteln des Global Fund, dar\u00fcber hinaus ist absolut nichts geplant. Konkret hei\u00dft das, es werden sehr sehr viele Menschen sterben.<br \/>\nEs m\u00fcsste also realisiert werden, dass man viel mehr Medikamente braucht. Es sollte verst\u00e4rkt auch auf billigere Generika gesetzt werden. Lebenswichtig f\u00fcr die Kranken w\u00e4ren insgesamt mehr Finanzmittel &#8211; sowohl von internationaler, als auch von ukrainischer Seite.<br \/>\nNotwendig ist auch eine erweiterte Ausbildung der Mediziner im Einsatz der Anti-Retroviralen-Therapie.<br \/>\nDa das alles relativ lange brauchen wird, ist es ratsam, parallel die Strategie einiger realistischer Mediziner und humanit\u00e4rer Organisationen weiter zu verfolgen, Aids in Gestalt der opportunistischen Krankheiten zu behandeln. Diese zu behandeln, um den Kranken ein m\u00f6glichst langes, Beschwerde freies Leben zu erm\u00f6glichen, ist im Moment wahrscheinlich der realistischere Ansatz.<br \/>\nDazu geh\u00f6rt dann aber auch, in der Ukraine eine Pflegeausbildung einzuf\u00fchren. Es gibt in der russischen Tradition n\u00e4mlich \u00fcberhaupt keine Krankenpflege &#8211; das machen da die Angeh\u00f6rigen. Da ist AIDS vielleicht ein sehr guter Ansatzpunkt, um das \u00fcberhaupt einzuf\u00fchren.<br \/>\nSchlie\u00dflich braucht es auch Hospize. Die Leute sterben ja schlie\u00dflich.<\/p>\n<p>FRAGE<br \/>\nWie gehen Sie pers\u00f6nlich mit den schockierenden Erlebnissen mit den Menschen in der Ukraine um?<\/p>\n<p>Je mehr wir versucht haben dort etwas zu verbessern &#8211; und es sind ja nicht nur die beiden Filme, sondern auch unsere humanit\u00e4ren Projekte, die ihren Beitrag leisten -je mehr man also etwas dagegen tut, desto weniger schwer ist es, das alles auch zu ertragen.<br \/>\nDie gute Erfahrung ist: Wenn man gegen ein solches Leid angeht und etwas dazu beitr\u00e4gt, es zu lindern, ist es schlicht und ergreifend weniger schwer, als wenn man daneben steht und ein Gef\u00fchl hat, nichts tun zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<div align=\"center\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Aids-Slawa_400.jpg\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Ukraine ist ein Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung HIV-infiziert, das sind eine halbe Million Menschen Interview mit dem Filmemacher Karsten<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-3099","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lubeck-lupe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3099","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3099"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3099\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3099"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3099"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3099"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}