{"id":3885,"date":"2007-07-03T13:54:40","date_gmt":"2007-07-03T13:54:40","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=3785"},"modified":"2007-07-03T13:54:40","modified_gmt":"2007-07-03T13:54:40","slug":"eutiner_festspiele_wer_erinnert_sich_an_waltraud_koch_hier_ein_gesprch_mit_ihr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/eutiner_festspiele_wer_erinnert_sich_an_waltraud_koch_hier_ein_gesprch_mit_ihr\/","title":{"rendered":"Eutiner Festspiele: Wer erinnert sich an Waltraud Koch? Hier ein Gespr\u00e4ch mit ihr"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"EutFestspielLogo\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/EutFestspielLogo.jpg\" alt=\"EutFestspielLogo\" \/><br \/>\nAls &#8222;Festspiel-Institution&#8220; wurde sie bezeichnet und als &#8222;Urgestein auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel&#8220;: Waltraud Koch, die 41 Jahre lang im Chor sang, l\u00e4nger als alle anderen vor (und vermutlich auch nach) ihr. Ein Rekord! Jedoch ein schwerer Schicksalsschlag beendete vor 10 Jahren diese ganz spezielle Eutiner Karriere.<!--more-->Die geb\u00fcrtige Kielerin (dort ausgebombt im 2. Weltkrieg) wuchs in Eutin auf (ihr Gro\u00dfvater war einst das &#8222;K&#8220; bei &#8222;LMK&#8220;, dem Kaufhaus &#8222;L\u00f6ffler, Menke &#038; Koch&#8220;). 1956, sie war gerade 18 geworden und verf\u00fcgte \u00fcber eine sch\u00f6ne Altstimme und hohe Musikalit\u00e4t, machte Waltraud Koch erstmals bei den Festspielen mit. Nach dem Abitur am Weber-Gymnasium zog es die sprachbegabte junge Frau jedoch in die Ferne: England, Frankreich, sp\u00e4ter Spanien, wo sie ihren Mann kennen lernte. Doch in jedem Sommer flammte ihre Leidenschaft f\u00fcr die Eutiner Freilichtoper auf. Sie fehlte nie, in keinem einzigen Jahr zwischen 1956 und 1997! Bei den ersten Proben durfte sie zwar noch &#8222;schw\u00e4nzen&#8220;, weil sie die iberische Halbinsel nicht f\u00fcr die gesamte Proben- und Auff\u00fchrungszeit verlassen konnte, aber wenn&#8217;s ernst wurde, sp\u00e4testens zu den Endproben, war sie stets in der alten Heimat.<\/p>\n<p>Ihr Lebensweg f\u00fchrte sie nach sechs spanischen Jahren wieder zur\u00fcck nach Deutschland. Die Sprachkenntnisse zahlten sich aus. In der renommierten Hamburger Konzertagentur Dr. Rudolf Goette war Waltraud Koch von 1971-98 f\u00fcr die K\u00fcnstlervermittlung zust\u00e4ndig: Telefonate, Vertr\u00e4ge in vielen Sprachen, Tourneeplanung und Betreuung der K\u00fcnstler, meist international gefeierte Stars. Mit Martha Argerich, der weltber\u00fchmtem Klaviervirtuosin, steht sie noch heute in freundschaftlichem Kontakt. Doch als Ausgleich zum anstrengenden Agenturmanagement zog es die begabte Laiens\u00e4ngerin immer wieder auf die B\u00fchne, auch im damaligen Wohnort Hamburg, erst noch als Statistin in der Staatsoper, bald schon als Mitglied im Sonderchor (zwar nicht 41 Jahre lang, wie in Eutin, aber immerhin 14 Jahre im renommierten Haus in der Dammtorstra\u00dfe). Das war Waltraud Kochs aufregendes Leben: beruflich hinter den Kulissen gro\u00dfer B\u00fchnen, privat auf den Brettern, die auch ihre Welt bedeuteten!<\/p>\n<p>Nach dem Festspielsommer 1997 dann der Schicksalsschlag: Die Parkinsonkrankheit machte der einst agilen, lebenslustigen Waltraud Koch schon bald so zu schaffen, dass sie Beruf und Hobby schweren Herzens an den Nagel h\u00e4ngen musste.<br \/>\nMit bewundernswerter Gelassenheit und ansteckendem, ja, fr\u00f6hlichem Optimismus lebt Waltraud Koch heute ganz allein in Eutin, nur von einem Pflegedienst betreut.<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt Schlimmeres als diese Krankheit, und vor allen Dingen habe ich gl\u00fccklicherweise keine Schmerzen!&#8220;, erz\u00e4hlt sie jetzt Rainer Wulff. Er erlebte bereits als Kind (und damaliger Eutiner Vo\u00df-Sch\u00fcler) Waltraud Koch auf der Schlossgartenb\u00fchne. Jahre sp\u00e4ter interviewte er sie als Rundfunkredakteur f\u00fcr den NDR. Wulff  (inzwischen Pension\u00e4r) ist Mitarbeiter der Festspiele und besuchte die langj\u00e4hrige Chors\u00e4ngerin in ihrer Wohnung: <\/p>\n<p>Wulff: Frau Koch, woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die Anfangszeit der Eutiner Festspiele denken?<\/p>\n<p>Koch: 1951 ging&#8217;s ja los hier. Die Begeisterung war enorm. Es war etwas Einmaliges f\u00fcr alle, f\u00fcr ganz Eutin: gro\u00dfe Oper in einer Kleinstadt! Ich ging nat\u00fcrlich auch in die Vorstellungen. Wie wohl alle! Aber selbst mitmachen durfte ich noch nicht, obwohl ich schon in einem Eutiner Chor sang. Erst als ich 18 geworden war, erlaubten meine Eltern mir, im Festspielchor mitzusingen. Freisch\u00fctz, Zauberfl\u00f6te, H\u00e4nsel und Gretel, das waren 1956 meine ersten Opern, gleich alle drei Produktionen: Wenn schon, denn schon!<\/p>\n<p>Wulff: Wie sah es denn auf dem Festspielgel\u00e4nde damals aus?<\/p>\n<p>Koch: Zwar spielten wir an derselben Stelle wie heute, allerdings gab es nur eine unbequeme Holztrib\u00fcne ohne R\u00fcckenlehnen. Das Orchester sa\u00df nicht in einem Graben, sondern direkt vorm &#8222;Kinderberg&#8220;, so wurde der kleine gr\u00fcne H\u00fcgel genannt, weil die Kinder hier im Winter Schlitten fuhren. Bis Mitte der 50-er Jahre kamen die Orchestermitglieder aus Eutin und Umgebung, oft Berufsmusiker, die als Fl\u00fcchtlinge im Krieg bzw. in den Nachkriegsjahren hier Fu\u00df gefasst hatten. Viele fanden dann wieder Engagements in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten und standen Eutin nicht mehr zur Verf\u00fcgung. Und deswegen engagierte man vor 50 Jahren die Hamburger Symphoniker, die ja noch heute jeden Sommer dabei sind.<\/p>\n<p>Wulff: Wie waren denn damals die Arbeitsbedingungen?<\/p>\n<p>Koch: Es war noch alles sehr primitiv. Die Scheinwerfer waren in den B\u00e4umen versteckt, und da oben hockten auch die Beleuchter. Und hinter der B\u00fchne gab&#8217;s f\u00fcr die Mitwirkenden nur ein durchl\u00f6chertes Zelt. Da regnete es auch schon mal durch. M\u00e4nnlein und Weiblein wurden beim Umziehen durch aufgeh\u00e4ngte Decken getrennt. Aber meistens haben wir uns schon zu Hause umgezogen und sind dann in unseren B\u00fchnenkost\u00fcmen durch die Stadt und den Schlossgarten zur Oper gegangen. Da wurden wir nur noch geschminkt. Der Inspizient fuhr \u00fcbrigens mit dem Fahrrad hin und her, weil die Entfernungen hinter der B\u00fchne zu gro\u00df waren und es noch keine Funkkontakte gab.<\/p>\n<p>Wulff: Mussten sie Ihre Kost\u00fcme denn auch selber waschen und b\u00fcgeln?<\/p>\n<p>Koch: Wohl schon. Ich wei\u00df das nicht mehr so genau. Wenn, dann hat das sicher meine Mutter gemacht! (lacht)<\/p>\n<p>Wulff: Gab es damals schon ein kleines Honorar f\u00fcr den Chor?<\/p>\n<p>Koch: Nein, daran war nicht zu denken. Wir bekamen bei der Generalprobe und der Premiere eine Bockwurst mit Br\u00f6tchen und ein Getr\u00e4nk. Umsonst. Bei allen anderen Vorstellungen mussten wir die Verpflegung mitbringen oder aus eigener Tasche bezahlen. Erst sp\u00e4ter gab es ein wenig Geld f\u00fcr uns. Das war ja auch ein sehr gro\u00dfer Chor, weit \u00fcber hundert waren wir, in den ersten Jahren noch Laien, alles Eutiner. Da machte es die Masse, und es klang auch gut. Manche sind dadurch sogar motiviert worden, Gesang zu studieren. Allerdings wurden es bald immer weniger Eutiner. Vor allem bei den M\u00e4nnern hatten wir Probleme. Es gab nie genug Ten\u00f6re! Darum kamen Mitte der 60-er Jahre Profichoristen aus ganz Deutschland dazu, die irgendwann auch die Mehrheit hatten, &#8211; bis heute.<\/p>\n<p>Wulff: Gab es denn auch Kontakte mit den Solisten, den zum Teil ja ber\u00fchmten S\u00e4ngern?<\/p>\n<p>Koch: Ja, bereits w\u00e4hrend der Probenzeiten entwickelten sich private Kontakte. Man ist schlie\u00dflich schon vor der Premiere wochenlang zusammen. Wir sind dann zwischendurch mal zum Strand gefahren, z.B. mit der inzwischen weltber\u00fchmten Hanna Schwarz. Auch Hans Sotin, sp\u00e4ter ein gro\u00dfer Star auf allen Opernb\u00fchnen weltweit, war dabei und Hans-Dieter Bader von der Staatsoper in Hannover. Man hat sich richtig angefreundet. Und abends sa\u00dfen wir nach den Vorstellungen noch in der Kantine, die es auch bald gab, manchmal bis es hell wurde! So etwas gibt&#8217;s heute wohl kaum noch. Aber heute ist ja auch die Verantwortung, die auf den Mitwirkenden lastet, gr\u00f6\u00dfer geworden. Da muss man wohl sehr diszipliniert sein. Aber die Solisten waren damals am n\u00e4chsten Abend trotzdem gut&#8230;und unser Chor auch!<\/p>\n<p>Wulff: Haben Sie heute noch Kontakte zu den fr\u00fcheren S\u00e4ngern?<\/p>\n<p>Koch: Zu Chormitgliedern nat\u00fcrlich, zumindest zu Eutinern. Aber auch noch zu zwei Solisten. Der eine ist Franz Grundheber, der bei uns Escamillo in &#8222;Carmen&#8220; sang, auch noch Marcel in &#8222;La Boh\u00e8me&#8220; und den Belcore im &#8222;Liebestrank&#8220;. Er war ja immer wieder hier, viele Jahre. Er ist in meinem Alter, war damals schon an der Hamburger Staatsoper. Wir telefonieren heute noch miteinander! Und ich habe noch Kontakt mit Richard Paul Fink, der bei uns 1989 und 1990 der Don Carlos in Verdis &#8222;Macht des Schicksals&#8220; war, ein amerikanischer Bariton, der jetzt zu den ganz gro\u00dfen Wagners\u00e4ngern geh\u00f6rt. Er singt inzwischen an der Met und oft auch in Berlin. Er hat mir \u00fcbrigens erz\u00e4hlt, dass er sehr gerne mal wieder nach Eutin zur\u00fcckkehren und hier singen w\u00fcrde. Er hat nur die besten Erinnerungen!<\/p>\n<p>Wulff: Es gab hier auch mal einen kleinen &#8222;Opernskandal&#8220;. Kritiker hatten geschrieben, in Eutin werde &#8222;zu viel kulinarische Behaglichkeit&#8220; geboten, &#8222;zu wenig geistige Anst\u00f6\u00dfe&#8220;. Und dann kam 1971 eine &#8222;Boh\u00e8me&#8220;,- erinnern Sie sich noch daran?<\/p>\n<p>Koch (lacht): Ja, in der Regie unseres Intendanten Ulrich Wenk von der Hamburger Staatsoper. Diese Boh\u00e8me war f\u00fcr die damalige Zeit recht modern, und so was kannte man in Eutin ja gar nicht. Wir mussten unsere private Garderobe mitbringen, weil man die damals aktuelle Mode im Fundus nicht hatte. Statt Pariser Quartier Latin eine Party auf einem norddeutschen Campingplatz. Musette (in Hosen!) fuhr mit einem kleinen roten Fiat vor, und das Publikum meinte wohl: &#8222;Wenn sie schon so sp\u00e4t ins Geschehen eingreift (sie tritt ja erst im 2. Akt auf), dann ist sie wohl so in Eile, dass sie mit dem Auto vorfahren muss&#8230;.(lacht). Aber das war dann doch zu viel f\u00fcr die Eutiner!<\/p>\n<p>Wulff: Jeder, der in Eutin mal dabei war, redet im Nachhinein sogleich \u00fcbers Wetter. Sie nicht!<\/p>\n<p>Koch: Weil es doch selbstverst\u00e4ndlich ist, dass es auch im Sommer mal regnet. Uns hat das nichts ausgemacht, und das Publikum war dann immer besonders enthusiastisch bei der Sache. Wir hatten f\u00fcr solche F\u00e4lle immer Gummistiefel in allen Farben in der Garderobe, &#8211; jeweils passend zum Kost\u00fcm, was wohl heute nicht mehr denkbar w\u00e4re.<\/p>\n<p>Wulff: Trotz Ihrer Krankheit, die Ihre Bewegung so stark einschr\u00e4nkt, sind Sie noch immer den Festspielen nicht nur treu verbunden, sondern als inzwischen zahlender Gast auch dabei. Ist das eine &#8222;Liebe f\u00fcrs Leben&#8220;, gewisserma\u00dfen &#8222;lebensl\u00e4nglich&#8220;?<\/p>\n<p>Koch: Ja, ich bin sogar ganz nahe dran! Die Rollstuhlpl\u00e4tze vor der ersten Reihe garantieren den besten Blick auf die B\u00fchne. Im vorigen Jahr hat mir vor allem der Troubadour gefallen, eine sehr sch\u00f6ne Auff\u00fchrung mit tollen Stimmen, &#8211; nat\u00fcrlich ganz ohne Regen! Und auch jetzt bin ich bestimmt wieder dabei&#8230;selbstverst\u00e4ndlich &#8222;nur&#8220; im Publikum!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als &#8222;Festspiel-Institution&#8220; wurde sie bezeichnet und als &#8222;Urgestein auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel&#8220;: Waltraud Koch, die 41 Jahre lang im Chor<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-3885","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3885","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3885"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3885\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3885"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3885"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3885"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}