{"id":436395,"date":"2024-06-24T14:33:07","date_gmt":"2024-06-24T12:33:07","guid":{"rendered":"https:\/\/hier-luebeck.de\/?p=436395"},"modified":"2024-06-24T14:33:07","modified_gmt":"2024-06-24T12:33:07","slug":"eu-agrarpolitik-gefaehrdet-lebensgrundlagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/eu-agrarpolitik-gefaehrdet-lebensgrundlagen\/","title":{"rendered":"EU-Agrarpolitik gef\u00e4hrdet Lebensgrundlagen"},"content":{"rendered":"<p>Symbolfoto: Landwirtschaft<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Verb\u00e4nde aus Landwirtschaft, Umwelt-, Tier- und Naturschutz in Schleswig-Holstein fordern Beibehaltung der Umweltstandards in der europ\u00e4ischen Agrarf\u00f6rderung<\/strong><\/li>\n<li><strong>F\u00f6rderung f\u00fcr \u00d6kosystemdienstleistungen statt Rolle r\u00fcckw\u00e4rts<\/strong><\/li>\n<li><strong>Brachfl\u00e4chen m\u00fcssen erhalten bleiben<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p><!--more-->Die Verw\u00e4sserung \u00f6kologischer Grundanforderungen in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU bringt erhebliche Gefahren f\u00fcr Biodiversit\u00e4t, B\u00f6den und Gew\u00e4sser mit sich \u2013 auch in Schleswig-Holstein. Ein B\u00fcndnis aus mehreren Verb\u00e4nden im n\u00f6rdlichsten Bundesland appelliert deshalb eindringlich an die schleswig-holsteinische Politik, sich f\u00fcr eine \u00f6kologisch und sozial orientierte Reform der Agrarpolitik einzusetzen und die weitere Aufweichung der landwirtschaftlichen Umweltstandards zu stoppen. Nur wenn \u00f6ffentliche Gelder konsequent f\u00fcr \u00f6ffentliche Leistungen verwendet werden, sind die Ziele im Biodiversit\u00e4tsschutz, Bodenschutz, Gew\u00e4sserschutz und Klimaschutz noch erreichbar und eine b\u00e4uerliche Landwirtschaft kann erhalten bleiben.<\/p>\n<p>Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen in den aktuellen GAP-\u00c4nderungen mit der Absenkung der Umweltstandards ein Politikversagen von erheblichem Ausma\u00df. Der Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Friedhelm Taube, ehemaliger Direktor des Instituts f\u00fcr Pflanzenbau und Pflanzenz\u00fcchtung der CAU Kiel, kritisierte k\u00fcrzlich die geplanten \u00c4nderungen als \u201eabrupte, diametrale Abwendung von gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur guten fachlichen Praxis und zum Schutz der Biodiversit\u00e4t in Agrarlandschaften.\u201c Taube \u00e4u\u00dferte sich auf Einladung des Ausschusses f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft im Bundestag.<br \/>\nDr. Pia Turowski, Sprecherin des Landesarbeitskreises Land und Natur des BUND SH, stellt klar: \u201eDie einseitige F\u00f6rderung von einigen wenigen Produkten, die auf dem Weltmarkt verscherbelt werden, ist einseitige Wirtschaftsf\u00f6rderung zulasten der Allgemeinheit und keine Ern\u00e4hrungssicherung! Die F\u00f6rderung muss an Leistungen f\u00fcr das \u00d6kosystem gekoppelt werden. Daf\u00fcr gibt es bereits Modelle wie das Punktesystem des Deutschen Verbands f\u00fcr Landschaftspflege. Dadurch w\u00fcrde zudem B\u00fcrokratie vereinfacht und langfristige Planung erm\u00f6glicht. So w\u00fcrden Betriebe entlastet.\u201c<\/p>\n<p>Anhand der EU-\u00d6koregelung \u201eGuter Landwirtschaftlicher und \u00d6kologischer Zustand von Ackerfl\u00e4chen\u201c (GL\u00d6Z 8) zeigt Prof. Dr. Holger Gerth, Schleswig-Holsteins Landesnaturschutzbeauftragter, wie das Umweltniveau hinter das der letzten EU-F\u00f6rderperiode zur\u00fcckf\u00e4llt: Geplant war, dass Landwirte vier Prozent ihrer Ackerfl\u00e4chen brach liegenlassen. Diese Vorgabe der EU ist jetzt weggefallen. \u201eDiese ungenutzten Fl\u00e4chen sind in einer intensiv bewirtschafteten Landschaft wichtige R\u00fcckzugsr\u00e4ume f\u00fcr Feldv\u00f6gel wie Lerche und Goldammer. Auch Insekten profitieren von der Vielfalt an bl\u00fchenden Pflanzen. Auf deren Best\u00e4ubung ist auch die Landwirtschaft angewiesen\u201c, erkl\u00e4rt Holger Gerth und sagt weiter: \u201eLandwirtinnen und Landwirte aus Schleswig-Holstein h\u00e4tten lediglich zwei Prozent an neuen ungenutzten Fl\u00e4chen einbringen m\u00fcssen, denn Knicks k\u00f6nnen als Brachfl\u00e4che mit einbezogen werden. Sie machen weitere zwei Prozent aus.\u201c<\/p>\n<p>Fritz Heydemann, stellvertretender Landesvorsitzender des NABU SH, pflichtet ihm bei: \u201eWir appellieren an unseren Landwirtschaftsminister, sich f\u00fcr die Beibehaltung der bisherigen Quantit\u00e4ten bei GL\u00d6Z 8 einzusetzen. Zumal er damals als Vertreter f\u00fcr den Bauernverband in der Zukunftskommission Landwirtschaft zugestimmt und unterschrieben hat, dass sogar zehn Prozent nicht produktive Fl\u00e4che im Ackerland geboten sind.\u201c<\/p>\n<p>Bundesweit gibt es bereits konstruktive Vorschl\u00e4ge der Verb\u00e4ndeplattform. Mit Bezug auf deren aktuelle Position sagt Kirsten Wosnitza, konventionelle Milchb\u00e4uerin und Sprecherin der AbL Schleswig-Holstein: \u201eSeit 2021 ist klar, dass klassische Gr\u00fcnlandbetriebe mit Milchvieh und Weidehaltung die Verlierer der aktuellen GAP sind \u2013 trotz ihrer wertvollen Leistungen f\u00fcr den Umwelt- und Tierschutz! Bund und L\u00e4nder sollten daher der Forderung Schleswig-Holsteins nach einer bundesweiten F\u00f6rderung der Weidehaltung von Milchk\u00fchen folgen. Angesichts der aktuellen Aufweichungen der Grundanforderungen muss das Budget der \u00d6ko-Regelungen ausgeweitet werden.\u201c<\/p>\n<p>Anne Hamester, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von ProVieh e. V., erg\u00e4nzt b\u00fcndig: \u201eAuch mehr Tierwohl geht nur mit einer krisenfesten, \u00f6kologischeren und gerechteren Agrarpolitik. Au\u00dferdem brauchen wir \u00d6koreglungen f\u00fcr das Tierwohl.\u201c<br \/>\nProf. Dr. Ulrich Irmler, Vorsitzender des LNV, betont abschlie\u00dfend, dass durch die jetzt geplante GAP-Regelung die Umverteilung der \u00f6kologischen Schadwirkungen weiterhin auf die Allgemeinheit abgew\u00e4lzt wird, da die Folgewirkungen der Sch\u00e4den irgendwann beseitigt werden m\u00fcssen. Besonders bei der Trinkwassergewinnung sei dies bereits sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Die unterzeichnenden Verb\u00e4nde empfehlen eindringlich allen politischen Akteurinnen und Akteuren in Schleswig-Holstein, sich gegen die agrarpolitische Rolle r\u00fcckw\u00e4rts zu stemmen und sich f\u00fcr eine st\u00e4rker \u00f6kologisch orientierte Landwirtschaftsreform einzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Die unterzeichnenden Verb\u00e4nde sind:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Arbeitsgemeinschaft b\u00e4uerliche Landwirtschaft e. V. (AbL)<\/li>\n<li>Bund f\u00fcr Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Schleswig-Holstein e. V. (BUND SH)<\/li>\n<li>Landesnaturschutzverband Schleswig-Holstein e. V. (LNV)<\/li>\n<li>Naturschutzbund Deutschlang, Landesverband Schleswig-Holstein e.V. (NABU SH)<\/li>\n<li>PROVIEH e. V.<\/li>\n<li>Holger Gerth, Landesnaturschutzbeauftragter Schleswig-Holstein<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Hintergrundinformation<br \/>\n<\/strong><br \/>\nAuf EU-Ebene werden die Umweltstandards bei der GAP abgesenkt. Die Mitgliedsstaaten k\u00f6nnen diese jetzt ebenfalls zur\u00fcckfahren. Landwirt*innen erhalten von der EU eine finanzielle F\u00f6rderung f\u00fcr ihre genutzten landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen. Diese Fl\u00e4chenpr\u00e4mien gab es bislang nur unter der Voraussetzung, dass bestimmte Umweltstandards eingehalten werden. Nach den europaweiten Protesten der Landwirt*innen wurden diese Vorschriften gelockert. Das hat negative Folgen f\u00fcr die Biodiversit\u00e4t sowie und f\u00fcr die N\u00e4hr- und Schadstoffbelastungen der Gew\u00e4sser und B\u00f6den. Gleichzeitig setzt sich der Biodiversit\u00e4tsverlust und der Zusammenbruch maritimer und terrestrischer \u00d6kosysteme und einzelner Arten unver\u00e4ndert fort. Der schlechte Zustand der Lebensraumtypen ist laut FFH-Bericht von 2019 im \u00f6stlichen Landesteil Schleswig-Holsteins sogar noch ausgepr\u00e4gter als im Rest Deutschlands. In den vergangenen Jahren sind bis zu 50 Prozent der Biotopfl\u00e4chen in Schleswig-Holstein verschwunden, wie die Biotopkartierung ergab.<\/p>\n<p>Wie wichtig die Bindung der Direktzahlungen an die gesellschaftlichen Ziele ist, zeigen die Zahlen: In Schleswig-Holstein dominieren die Fl\u00e4chenf\u00f6rderungen mit 259 Millionen Euro. F\u00fcr Umwelt und Klimaschutzma\u00dfnahmen hingegen erhalten die Landwirt*innen j\u00e4hrlich nur 40 Millionen Euro.<\/p>\n<p>In seinem Beitrag im Bundestag fordert Prof. Dr. Friedhelm Taube, dass die vier Prozent Brachen als Teil der guten fachlichen Praxis ohne zus\u00e4tzliche Transferzahlungen an den Sektor wiederhergestellt werden. Dar\u00fcber hinaus sollten attraktive \u00d6koregeln anstelle von Fl\u00e4chenpr\u00e4mien etabliert werden. Als Beispiele f\u00fcr solche \u00d6koregeln f\u00fchrt er die Weidepr\u00e4mie f\u00fcr Milchvieh sowie den Zweij\u00e4hrigen Kleegrasanbau an. Diese Anbauform liefert hochwertiges Eiwei\u00df, Wasserschutz und Biodiversit\u00e4t und bindet CO2 im Boden. Der Beitrag kann hier abgerufen werden: <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/ausschuesse\/a10_ernaehrung_landwirtschaft\/anhoerungen\/1004134-1004134\">https:\/\/www.bundestag.de\/ausschuesse\/a10_ernaehrung_landwirtschaft\/anhoerungen\/1004134-1004134<\/a><br \/>\nErst k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte die bundesweit agierende Verb\u00e4ndeplattform die angeh\u00e4ngte Positionierung \u201eVerb\u00e4nde-Plattform fordert: Die Agrarpolitik weiterentwickeln statt zur\u00fcckdrehen\u201c.<br \/>\nHier die wichtigsten Forderungen aus dem aktuellen Verb\u00e4ndepapier in K\u00fcrze:<\/p>\n<ul>\n<li>Das Budget der \u00d6ko-Regelungen sowie der Agrar-, Umwelt-, und Klimama\u00dfnahmen (AUKM) kurzfristig um mindestens 10 Prozentpunkte erh\u00f6hen<\/li>\n<li>Schnellstm\u00f6glich zus\u00e4tzliche \u00d6ko-Regelungen f\u00fcr Gr\u00fcnlandbetriebe mit Milchvieh und Weidehaltung einf\u00fchren, St\u00e4rkung der Biodiversit\u00e4t im Ackerbau sowie der Betriebe mit besonders ausgeglichenen N\u00e4hrstoffbilanzen<\/li>\n<li>Die in Deutschland bereits bestehenden Grundanforderungen zur Fruchtfolgegestaltung (GL\u00d6Z 7) sowie zum Gew\u00e4sserschutz (GL\u00d6Z 4) ambitioniert weiterentwickeln statt verw\u00e4ssern<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Das Papier ist auch abrufbar unter: <\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.verbaende-plattform.de\/fileadmin\/Dokumente_u._Grafiken\/Stellungnahmen\/2024-05-21_Verb%C3%A4nde-Plattform_fordert_Die_Agrarpolitik_weiterentwickeln_statt_zur%C3%BCckdrehen.pdf\">https:\/\/www.verbaende-plattform.de\/fileadmin\/Dokumente_u._Grafiken\/Stellungnahmen\/2024-05-21_Verb%C3%A4nde-Plattform_fordert_Die_Agrarpolitik_weiterentwickeln_statt_zur%C3%BCckdrehen.pdf<\/a><\/p>\n<p><strong>Ein ausf\u00fchrliches Statement der Verb\u00e4ndeplattform zur GAP nach 2027 ist au\u00dferdem hier zu finden:<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.verbaende-plattform.de\/fileadmin\/Dokumente_u._Grafiken\/Stellungnahmen\/ZUKUNFT_GESTALTEN_Die_Verb\u00e4nde-Plattform_zur_GAP_nach_27_Doppelseite.pdf\">https:\/\/www.verbaende-plattform.de\/fileadmin\/Dokumente_u._Grafiken\/Stellungnahmen\/ZUKUNFT_GESTALTEN_Die_Verb\u00e4nde-Plattform_zur_GAP_nach_27_Doppelseite.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Symbolfoto: Landwirtschaft Verb\u00e4nde aus Landwirtschaft, Umwelt-, Tier- und Naturschutz in Schleswig-Holstein fordern Beibehaltung der Umweltstandards in der europ\u00e4ischen Agrarf\u00f6rderung F\u00f6rderung<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":436397,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[5],"tags":[23426],"class_list":["post-436395","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politik-wirtschaft","tag-eu-agrarpolitik-gefaehrdet-lebensgrundlagen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/436395","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=436395"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/436395\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":436398,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/436395\/revisions\/436398"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/436397"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=436395"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=436395"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=436395"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}