{"id":5923,"date":"2008-04-13T12:19:51","date_gmt":"2008-04-13T12:19:51","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=5823"},"modified":"2008-04-13T12:19:51","modified_gmt":"2008-04-13T12:19:51","slug":"dr_peter_guttkuhn_abbele_und_malchen__lbecks_erste_jdischchristliche_liebesehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_peter_guttkuhn_abbele_und_malchen__lbecks_erste_jdischchristliche_liebesehe\/","title":{"rendered":"Dr. Peter Guttkuhn: &#8222;Abbele und Malchen &#8211; L\u00fcbecks erste j\u00fcdisch-christliche (Liebes-)Ehe&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.-Guttkuhn\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.-Guttkuhn.jpg\" alt=\"Dr.-Guttkuhn\" \/><br \/>\nAm vorigen Sonntag haben wir mit der Vorstellung von Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historiker Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; in hier-luebeck zu Dr. jur Alfred Cantor begonnen. Die Resonanz darauf hat gezeigt, dass gro\u00dfes Interesse an dieser Reihe besteht. Heute wird mit Dr. Peter Guttkuhns Publikation &#8222;Abbele und Malchen &#8211; L\u00fcbecks erste j\u00fcdisch-christliche (Liebes-) Ehe&#8220; fortgesetzt.<\/p>\n<p>Foto (RB): Dr. Peter Guttkuhn<br \/>\n<!--more-->Zun\u00e4chst zu Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei. <\/p>\n<p>&#8222;Abbele und Malchen &#8211; <br \/>\nL\u00fcbecks erste j\u00fcdisch-christliche (Liebes-)Ehe&#8220; <\/p>\n<p>Der L\u00fcbecker Kaufmann Eisak Jacob Schlomer (1845-1914) erz\u00e4hlt in seinen &#8222;Erinnerungen aus dem &#8218;alten Moisling&#8216; von 1822-1860&#8220; unter anderem auch die anr\u00fchrende Liebesgeschichte von dem gesetzestreuen Juden Abraham Levy &#8211; dem Abbele &#8211; und der evangelisch-lutherischen Christin Amalia Levens &#8211; dem sch\u00f6nen Malchen:<\/p>\n<p>Der Moislinger Arzt und Apotheker Dr. Wilhelm Levens (1803-1859) &#8222;hatte eine sehr h\u00fcbsche Schwester Malchen, in die sich der Abbele Levy sterblich verliebt hatte; auch sie wollte ihn absolut heiraten, aber der Doktor bestand darauf, da\u00df er Christ werden m\u00fc\u00dfte, sonst gab er seine Zustimmung nicht. Am Gr\u00fcndonnerstag [1845] lie\u00df Abbele sich in der Marienkirche zu L\u00fcbeck taufen; dies wurde sehr rasch ruchbar in Moisling, und als mein sel. Gro\u00dfvater ihm am Charfreitag in L\u00fcbeck auf dem Markt begegnete und ihn fragte: &#8222;Was hast Du gemacht, Abbele?&#8220; antwortete er: &#8222;Rebbe Mottche, wenn Sie w\u00fc\u00dften, was das f\u00fcr eine Narrischkeit ist, t\u00e4ten Sie es auch&#8220;.<\/p>\n<p>Ob nun Narrischkeit oder Skandal, m\u00e9salliance oder ticket d&#8217;admission in die b\u00fcrgerliche St\u00e4ndegesellschaft des evangelisch-lutherischen l\u00fcbeckischen (Stadt-)Staates &#8211; das kam auf den Standpunkt des Betrachters an. Fest stand, da\u00df es sich bei dieser j\u00fcdisch-christlichen Liebesheirat um einen bislang einmaligen Vorgang handelte, sowohl in L\u00fcbeck als auch in Moisling. Denn Menschen, die sich zum j\u00fcdischen Glauben bekannten, galten in der freien Hansestadt L\u00fcbeck als rechtlose Fremde, die in ihrem d\u00f6rflichen Moislinger Getto bestenfalls geduldet wurden.<\/p>\n<p>Es hie\u00df (ganz amtlich): Juden l\u00e4hmen den Handelsbetrieb der Protestanten, untergraben allen Wohlstand der christlichen B\u00fcrger und Einwohner, demoralisieren  die Kaufleute, insonderheit die Kr\u00e4mer, Manufakturisten, Kleinkaufleute. Ihnen d\u00fcrfe unter keinen Umst\u00e4nden Wohnrecht, Handels- und Gewerberecht sowie das Recht auf Erwerb von Grundeigentum gew\u00e4hrt werden; vor allem aber k\u00f6nnten sie nicht zum B\u00fcrgerrecht zugelassen werden.<\/p>\n<p>&#8222;L\u00fcbeck ist ein christlicher Staat. Nichtchristliche Menschen: Muselm\u00e4nner, Feuer-Anbeter und namentlich Juden sind der Aufnahme in das hiesige B\u00fcrgerthum und der Erwerbung solcher b\u00fcrgerlicher Rechte unf\u00e4hig&#8220;, lautete z. B. das Fazit eines Gutachtens des Rechtsanwalts und Niedergerichts-Prokurators Dr. Paul Christian Nicolaus Lembke (1760-1848) vom 2. Dezember 1840 zu der Frage, &#8222;ob z\u00fcnftige Amtsmeister angeweist&#8220; werden d\u00fcrften, &#8222;Judenknaben in die Lehre zu nehmen&#8220;, was bis dato in L\u00fcbeck v\u00f6llig ausgeschlossen war.  <\/p>\n<p>Dementsprechend besa\u00df auch der j\u00fcdische Handelsmann Abraham Joseph Levy aus dem L\u00fcbecker Landgebiet keine b\u00fcrgerlichen Rechte. Er war am 11. April 1807 im l\u00fcbeckischen Moisling geboren. Seine Eltern, Joseph Levy und Frau Rahel geb. Meyer, lebten seit langem bereits im Dorf. Man hausierte im Lauenburgischen, Holsteinischen und im Mecklenburgischen. Die Levys waren fromme und gesetzestreue Juden, aktive Mitglieder der orthodoxen Gemeinde. Besonders die Entwicklung der 1837 gegr\u00fcndeten j\u00fcdische Elementarschule lag ihnen am Herzen. Als sein \u00e4lterer Bruder Moses Joseph Levy am 27. Januar 1844 gestorben war, lie\u00df sich Abraham kurz darauf an des Bruders Stelle zu einem der drei Schulvorsteher w\u00e4hlen. Zur gleichen Zeit wuchsen dem Abbele Sehnsucht und Liebe zu jener vollreifen, leider Gottes aber evangelisch-lutherischen Sch\u00f6nheit, Malchen.<\/p>\n<p>Amalia Christina Luise Maria Levens war ebenso wie Abbele am 11. April in Moisling geboren, allerdings f\u00fcnf Jahre fr\u00fcher, 1802, noch zu k\u00f6niglich-d\u00e4nischer Zeit. Sie war das erste Kind des Chirurgen Joachim Carl Levens (1759-1830), der vier Jahre zuvor die Jungfrau Magdalena Margaretha Link, ebenfalls Chirurgentochter, in der Geniner Kirche geheiratet hatte. Hier wurde Amalia am 19. April getauft, sp\u00e4ter auch konfirmiert. Dann schweigen die Quellen \u00fcber das Leben der sch\u00f6nen Amalia Levens aus dem kleinen j\u00fcdisch-christlichen Flecken am Zusammenflu\u00df von Trave und Stecknitz, der Dom\u00e4ne au\u00dferhalb der Landwehr, Landwehr-Bezirk M\u00fchlentor, Kirchspiel Genin. Nichts offenbaren sie \u00fcber das schicksalhafte Jahr 1844.<\/p>\n<p>Doch um die Mitte des darauffolgenden Jahres kommt &#8211; vorerst &#8211; r\u00e4tselhaftes Tempo in die Aktionen. Es begann damit, da\u00df am vierten Sonntag nach Trinitatis, am 15. Juni 1845, der Moislinger Jude Abraham Joseph Levy mit der christlichen Taufe in der Kirche St. Marien Mitglied der L\u00fcbecker evangelisch-lutherischen Gemeinde wurde. Abbele erhielt den Namen Adolph Johannes Levy. Taufzeuge war neben Dr. med. Wilhelm Levens, Malchens argw\u00f6hnisch-strengem Bruder, auch Carl Johann Friedrich Burghard Unruh, der P\u00e4chter des Moislinger Hofes. Sogleich erwarb Adolph in L\u00fcbeck ein Haus und lie\u00df sich in die Zunftrolle der Kr\u00e4mer-Kompanie eintragen. Das Wette-Aktuariat, die Gewerbepolizei-Beh\u00f6rde, bescheinigte ihm, da\u00df er zum B\u00fcrger dieser Stadt angenommen sei.<\/p>\n<p>Am Sonnabend, dem 21. Juni 1845, begab er sich zur Rats-Kanzlei: &#8222;Es erschien der hiesige Kr\u00e4mer Adolph Johannes Levy, in der Braunstra\u00dfe wohnhaft und gab zu vernehmen: Er sey gewilliget, sich allhier mit Amalia Christina Luise Maria Levens ehelich zu verbinden, erbitte sich daher den erforderlichen Proclamationsschein&#8220;.<\/p>\n<p>Gegen eine Geb\u00fchr von drei Courantmark und acht Schilling erhielt er den Konsens. Nur einen einstweiligen Vorbehalt machte der Kanzlei-Sekret\u00e4r Dr. Georg Wilhelm Dittmer noch: &#8222;Dem Comparenten wurde aufgegeben, sich mit seiner Braut auch in der Geniner Kirche aufbieten zu lassen und sowohl das Document der dort geschehenen Proclamation als auch den von ihm zu l\u00f6senden B\u00fcrgerbrief zu produzieren&#8220;.<\/p>\n<p>Der Br\u00e4utigam eilte nach Genin, an die f\u00fcr Amalia bislang zust\u00e4ndige Kirche.  Wunschgem\u00e4\u00df bot Pastor Carl Gustav Plitt das Paar am 22. und 29. Juni auf, k\u00fcndigte es ab. Ein gleiches geschah an jenem 5. und 6. Sonntag nach Trinitatis in St. Marien zu L\u00fcbeck. Sowohl Pfarrer Plitt als auch der Archidiaconus M\u00fcnzenberger stellten ein entsprechendes Pastoralattest aus. Damit begab sich Levy am 30. Juni erneut auf die L\u00fcbecker Kanzlei und erhielt nunmehr den ersehnten Kopulationsschein.<\/p>\n<p>Tags darauf, am Dienstag, dem 1. Juli 1845, traten Adolph und Amalia vor den Traualtar der Marienkirche. Seine Wohlehrw\u00fcrden Dr. phil. Peter Hermann M\u00fcnzenberger nahmen die eheliche Einsegnung vor.<\/p>\n<p>Dann dauerte es volle vier Wochen, bis wir wieder von den Levys h\u00f6ren. Die hektische Eile war angespannter Ruhe gewichen. Mit einiger Verz\u00f6gerung erschien Adolph Johannes erst am 28. Juli wieder auf der Kanzlei der Stadt L\u00fcbeck &#8222;und zeigte an: da\u00df seine Ehefrau am 23. Juli [1845], vormittags eilf Uhr, ein M\u00e4dchen geboren habe, welches die Vornamen Annette Juliane Margaretha erhalten solle&#8220;. <\/p>\n<p>Das freudige Ereignis erkl\u00e4rte das Aktionstempo der letzten Wochen. Die Taufe fand am 12. August in St. Petri statt. Sie wurde von dem 42-j\u00e4hrigen Archidiaconus Franz Ulrich Theodor Meyer vorgenommen, der neun Jahre zuvor auch den j\u00fcdischen Zahnarzt Jacob Levy aus L\u00fcbeck getauft hatte. Annette blieb das einzige Kind von Adolph und Amalia Levy. Das 43-j\u00e4hrige Malchen war mit ihrer Erstgeburt sicherlich ein lebensgef\u00e4hrliches Risiko eingegangen.<\/p>\n<p>Es folgten gute Jahre f\u00fcr die kleine Familie. Abbele betrieb anfangs eine &#8222;Manufacturwaaren-Handlung und Cigarren-Fabrike&#8220;, brachte es bald darauf zum Seidenkr\u00e4mer. Er kaufte 1848 das (Giebel-)Haus Holstenstra\u00dfe 176 (heute: Nr. 18) und baute es von Grund auf um. Doch acht Jahre sp\u00e4ter hatten wohl Gesundheit und gesch\u00e4ftliche Erfolge den Kaufmann Adolph Johannes Levy verlassen, er mu\u00dfte sein modernes, gro\u00dfes Haus ver\u00e4u\u00dfern, lebte zuletzt in der Marlesgrube, Ecke der Trave 505 (heute: Nr. 68). Hier starb er &#8211; 52-j\u00e4hrig &#8211; am 28. August 1859.<\/p>\n<p>Witwe Malchen mu\u00dfte nun Annette alleine durchbringen und erziehen &#8211; das Liebeskind gl\u00fccklicherer Tage jener j\u00fcdisch-christlichen Verbindung von Moisling. Zwei Freunde des verstorbenen Vaters \u00fcbernahmen die Vormundschaft f\u00fcr das minderj\u00e4hrige, h\u00fcbsche M\u00e4dchen: Abbeles Taufzeuge Asmus Joachim Friedrich Matthiessen und Georg Joachim Christian Fontaine, beide erfolgreiche und bekannte Kaufleute in L\u00fcbeck, beide auch Mitglieder der L\u00fcbecker B\u00fcrgerschaft. <\/p>\n<p>Gemeinsam erschienen sie am 21. April 1864 auf der Kanzlei &#8222;und baten um Ertheilung des Proclamationsscheins zum Behuf der Verehelichung ihres M\u00fcndels mit dem Assessor Karl Albert Knauff in Naumburg&#8220;. Annettes Br\u00e4utigam war der am 17. Juli 1837 in Stolp geborene Sohn des Berliner Stadtgerichtsdirektors. Welch ein gesellschaftlicher Aufstieg!<\/p>\n<p>Die Prozedur f\u00fcr Annette Levy und Karl Knauff war im Wesentlichen die gleiche wie f\u00fcr Malchen und Abbele: Auf den am 21. April erteilten Konsens wurde das Brautpaar am Sonntag Rogate, am 1. Mai 1864, in der L\u00fcbecker Marienkirche abgek\u00fcndigt. Die Hochzeit fand am 8. Mai im monumentalen Dom zu Naumburg statt. Elf Monate sp\u00e4ter starb die 19-j\u00e4hrige Tochter von Abbele und Malchen bei der Geburt ihres ersten Kindes im fernen Naumburg an der Saale. Danach verliert sich auch die Spur von Malchen.<\/p>\n<p>\nhier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vorigen Sonntag haben wir mit der Vorstellung von Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historiker Dr. Peter Guttkuhn<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-5923","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5923","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5923"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5923\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5923"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5923"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5923"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}