{"id":5978,"date":"2008-04-20T10:46:49","date_gmt":"2008-04-20T10:46:49","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=5878"},"modified":"2008-04-20T10:46:49","modified_gmt":"2008-04-20T10:46:49","slug":"dr_phil_peter_guttkuhn_von_zhnen_warzen_und_leichdrnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_phil_peter_guttkuhn_von_zhnen_warzen_und_leichdrnern\/","title":{"rendered":"Dr. phil. Peter Guttkuhn: &#8222;Von Z\u00e4hnen, Warzen und Leichd\u00f6rnern&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.-Guttkuhn-1-freundl\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.-Guttkuhn-1.jpg\" alt=\"Dr.-Guttkuhn-1\" \/><br \/>\nK\u00fcrzlich haben wir mit der Vorstellung der Publikation des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; in hier-luebeck  begonnen. Heute wird mit Dr. Peter Guttkuhns Publikation &#8222;Von Z\u00e4hnen, Warzen und Leichd\u00f6rnern&#8220; fortgesetzt, einer Geschichte um den L\u00fcbecker Zahnarzt Jacob Levy (1784-1840).<\/p>\n<p>Foto (RB): Dr. Peter Guttkuhn<br \/>\n<!--more-->Von Z\u00e4hnen, Warzen und Leichd\u00f6rnern <br \/>\nAus der Praxis des L\u00fcbecker Zahnarztes Jacob Levy (1784-1840)<br \/>\nvon  Dr. P e t e r  G u t t k u h n<\/p>\n<p>Seit dem 6. M\u00e4rz 1751 erschienen die &#8222;L\u00fcbeckischen Anzeigen von allerhand Sachen, deren Bekanntmachung dem gemeinen Wesen n\u00f6thig und n\u00fctzlich ist&#8220;  &#8211;  von 1759 an immer mittwochs und sonnabends: &#8222;unter hoher Obrigkeitlicher Genehmigung&#8220;. 140 Jahre lang. L\u00fcbecks erste &#8211; und vorerst einzige &#8211; Tageszeitung hielt und las &#8222;man&#8220; an der Trave; und wer etwas mitzuteilen hatte, der mu\u00dfte in den L\u00fcbeckischen Anzeigen inserieren, um seine Mitmenschen zu informieren.<\/p>\n<p>In der Beylage zu Nr. 14 der Anzeigen vom 18. Februar 1809 gab&#8217;s sie erstmals in franz\u00f6sischer Sprache &#8211; seit 21\/4 Jahren war die freie Hansestadt von napoleonischen Soldaten besetzt &#8211; , die Werbe-Information von Levy &#038; Sohn, am 22. M\u00e4rz und 5. April 1809 auch auf deutsch:<\/p>\n<p>&#8222;Die Kunst des Zahnarztes ist eben so sehr der Sch\u00f6nheit als der Gesundheit dienlich; und je mehr man die N\u00fctzlichkeit dieser Kunst einsehen lernet, desto mehr wird man sie liebgewinnen. Erwachsene und Kinder haben gleiche Anspr\u00fcche an die H\u00fclfsleistungen dieser Kunst; durch selbige werden Zwecke erreicht, welche ebenso auffallend sind, als solche dauernde Vorteile bew\u00fcrken. Ohne Reinlichkeit gibt es keinen Putz; die Reinheit des Mundes bleibt die gr\u00f6\u00dfte Zierde des Menschen, und ist nichts zur\u00fccksto\u00dfender und widriger als der \u00fcble Geruch des Athems, welcher durch Schmutz, Weinstein, Eiterung und dergleichen \u00dcbel der Z\u00e4hne oder des Zahnfleisches entspringt.<\/p>\n<p>Unterzeichnete empfehlen sich wiederholend <br \/>\nals erfahrne Zahn\u00e4rzte dem geehrten Publicum bestens.<\/p>\n<p>Sie schaffen den Schmutz und Weinstein der Z\u00e4hne mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht und besondrer Leichtigkeit weg und bieten, wegen der zu unterhaltenden Reinlichkeit der Z\u00e4hne und Conservation des Zahnfleisches, ihr sehr fein pr\u00e4parirtes Zahnpulver, <br \/>\n\u00e0 1 Courant-Mark die Schachtel, und ihre sehr vortheilhaft bekannte Zahntinctur, <br \/>\n\u00e0 1 Courant-Mark das Glas, an, welche Mittel durch die K\u00f6nigl. Medicinische Facult\u00e4t in Kiel approbirt sind und wodurch die Z\u00e4hne wei\u00df gemacht werden, auch das Zahnfleisch gest\u00e4rkt wird.<br \/>\nWir ziehen mit besondrer Geschwindigkeit und ohne gro\u00dfe Schmerzen zu verursachen die Z\u00e4hne aus und nehmen auf \u00e4hnliche Art selbst die verfaulten Splitter der Z\u00e4hne weg; wir erg\u00e4nzen die zum Theil schadhaften Z\u00e4hne und setzen an deren Stelle ebenso starke, wei\u00dfe und ganz so brauchbare Z\u00e4hne, als wie die nat\u00fcrlichen sind, wieder ein; wir verfertigen ebenfalls einzelne Z\u00e4hne mit Federn oder mit R\u00f6hren, \u00e0 canons genannt, so wie ganze Reihen von Z\u00e4hnen, ganze vollst\u00e4ndige Gebisse mit Spiralfedern, welches alles wir aufs geschickteste anbringen und welches man viele Jahre ebenso gut und zweckm\u00e4\u00dfig gebrauchen kann, als wenn es durch die Natur hervorgebracht w\u00e4re.<\/p>\n<p>Da viele hiesige Hausv\u00e4ter, die es sich zur Pflicht machen, f\u00fcr die Bildung ihrer Kinder zu sorgen, uns mit ihr besonderes Zutrauen beehrt und uns beauftragt haben, die Z\u00e4hne ihrer Kinder zu bestimmten Zeiten zu reinigen und ihnen die Wechselz\u00e4hne auszunehmen, welches alles mit dem besten Erfolg gekr\u00f6nt worden ist, so machen wir hiemit noch bekannt: da\u00df wir dieses Gesch\u00e4fte auch ferner mit gr\u00f6\u00dfter Aufmerksamkeit, Vorsicht und P\u00fcnktlichkeit fortzusetzen gesonnen sind und wir uns ebenfalls hierinnen aufs angelegentlichste empfehlen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens werden wir uns eifrigst bem\u00fchen, in Hinsicht reeller und billiger Behandlung, der Erwartung eines jeden zu entsprechen, und appelliren wir, in diesem Betracht, an dasjenige Publicum, dessen Zutrauen wir uns, durch unsere demselben bereits geleisteten Dienste, w\u00fcrdig gemacht zu haben glauben.<\/p>\n<p>Levy &#038; Sohn, von der K\u00f6nigl. medicin. Facult\u00e4t in Kiel<br \/>\napprobirte Zahn\u00e4rzte.<br \/>\nWahmstra\u00dfe Nr. 458 [heute: Nr. 74]&#8220;.<\/p>\n<p>Gemeinsamkeit macht stark<\/p>\n<p>Vater Philipp, 1750 in Strelitz und seine Frau Fanny geb. Moses, 1751 in Schwerin <br \/>\ngeboren, hatte sich 1780, nach Berufs-Anfangs-Jahren in Gadebusch, mit seinen Kindern in der L\u00fcbecker Dankwartsgrube niedergelassen. Hier wurde dem Ehepaar am 8. Mai 1784 Sohn Jacob geboren, der seit 1808 gemeinsam mit dem Vater die Zahn- und Leichdorn-Operateur-Praxis in der Wahmstra\u00dfe f\u00fchrte. Philipp Levy, wiewohl als Fremder an der Trave nur geduldet, hatte mit seiner Kunst so erfolgreich in L\u00fcbeck gewirkt, da\u00df ihm Ein Hochedler Rath bereits am 16. September 1789 Wohlverhalten und Geschicklichkeit im Ausnehmen von Leichd\u00f6rnern und Warzen attestierte.<br \/>\nNachdem Jacob Levy in die Praxis des Vaters eingetreten war, ging&#8217;s weiter aufw\u00e4rts mit der &#8222;Firma&#8220;. Das brachte die Konkurrenz auf den Plan. Am Mittwoch, dem 30. Januar und Sonnabend, dem 2. Februar 1811, machten die L\u00fcbeckischen Anzeigen auf mit dem Artikel &#8222;Gute Z\u00e4hne zu erhalten&#8220; &#8211; von einem ungenannten offizi\u00f6sen Zahnarzt &#8222;K.&#8220; Der hatte nicht nur die Gesundheit der L\u00fcbecker, sondern vor allem die erfolgreiche Levy&#8217;sche Gemeinschaftspraxis im Blickfeld:<br \/>\n&#8222;Auch ohne R\u00fccksicht auf Eitelkeit und Gefallsucht w\u00fcnscht gewi\u00df jeder,  dem der Einflu\u00df gesunder Z\u00e4hne auf das Verdauungsgesch\u00e4ft und das  Wohlbefinden des ganzen K\u00f6rpers nicht unbekannt ist, die Erhaltung  derselben bis ins h\u00f6chste Alter. Aber nur durch unertr\u00e4gliche Schmerzen gezwungen, l\u00e4\u00dft man gew\u00f6hnlich den Wundarzt oder Zahnarzt kommen,  selten um seines Raths sich zu bedienen, gew\u00f6hnlich nur um den schmerzenden Zahn ohne weiteres ausziehen zu lassen. <\/p>\n<p>L\u00fcbeck verdirbt die Z\u00e4hne<\/p>\n<p>Das hiesige Klima bef\u00f6rdert das Verderben der Z\u00e4hne au\u00dferordentlich. Selten findet man hier Personen, die nicht bereits in ihrem zw\u00f6lften Jahre mehrere hohle Z\u00e4hne haben &#8230; Zuckerb\u00e4cker und Conditor haben, wie die Erfahrung lehrt, niemals gute Z\u00e4hne &#8230; Der \u00f6ftere Gebrauch der Zahnb\u00fcrste ist vorz\u00fcglich dem Zahnfleisch sch\u00e4dlich, es wird hiedurch gereizt und locker. Ein m\u00e4\u00dfiger Gebrauch derselben, etwa alle vierzehn Tage, zur Anwendung eines guten Zahnpulvers, ist zur Reinlichkeit n\u00f6thig &#8230; jedoch alle, welche grobe,  scharfe, fressende Materien enthalten, sind zum gew\u00f6hnlichen Gebrauch  h\u00f6chst sch\u00e4dlich &#8230; Zahnpulver von verkohlten K\u00f6rpern, als gebranntem Brode, gebrannte  Caffebohnen, gebranntes Hirschhorn, geh\u00f6rig fein gerieben, sind die  besten &#8230; Es gibt noch eine Ursache, welche die Zerst\u00f6rung der Z\u00e4hne nach und nach, jedoch ganz gewi\u00df veranla\u00dft. Es sind die k\u00fcnstlichen Z\u00e4hne&#8220;.<\/p>\n<p>Und dann griff der Kollege &#8222;K.&#8220; die Levys frontal an:<br \/>\n&#8222;Die gew\u00f6hnliche Befestigung eines oder mehrerer k\u00fcnstlicher Z\u00e4hne  geschieht dadurch, da\u00df man die Nachbaren des fehlenden Zahns anbohrt,  um die Zapfen der k\u00fcnstlichen darin anzubringen. Hiedurch wird der  Schmelz der gesunden Z\u00e4hne zerst\u00f6rt, ihre innere Substanz der Einwirkung der Luft ausgesetzt, deshalb es nicht ausbleiben kann, da\u00df,  trotz aller angewandter Vorsicht, der Knochenbrand sie an dieser  Stelle ergreift, die gemachte \u00d6ffnung dadurch gr\u00f6\u00dfer wird, bis keine Befestigung mehr in selbiger h\u00e4lt &#8230; Der Wahrheitsliebende kann deshalb nicht anders, als recht sehr vor  dem unvorsichtigen Einsetzen k\u00fcnstlicher Z\u00e4hne warnen;  es w\u00e4re dann, da\u00df die Zahn\u00e4rzte es sich zur Pflicht machten, niemalen einen gesunden Zahn deshalb anzubohren&#8220;.<br \/>\nDie Zahnoperateure aus der Wahmstra\u00dfe konterten umgehend, indem sie erkl\u00e4rten, da\u00df nicht nur ihre eigenen Zahnpulver und Tinkturen &#8222;durchaus nichts fressendes, scharfes, den Z\u00e4hnen und dem Zahnfleisch nachtheiliges enthalten&#8220;. Und was vor allem ihre Gebisse mit den omin\u00f6sen Spiralfedern und deren Befestigung anlangte, so stellten sie fest, man befestige sie, &#8222;ohne da\u00df die nat\u00fcrlichen Nachbaren brauchen angebohrt zu werden, wie man hin und wieder f\u00e4lschlich glaubt. Dies Verfahren w\u00fcrde um so unzweckm\u00e4\u00dfiger seyn, da die k\u00fcnstlichen Z\u00e4hne nicht allein zur Zierde und zur Ausf\u00fcllung der Zahnl\u00fccken, als vielmehr zur Unterst\u00fctzung und zum Schutz der noch brauchbaren nat\u00fcrlichen dienen sollen&#8220;.1 <\/p>\n<p>\nJacob und die sch\u00f6ne M\u00fcllerin<\/p>\n<p>Da\u00df die flei\u00dfig-erfolgreichen Levys einige Futterneider hatten, das lag zweifellos auch darin begr\u00fcndet, da\u00df sie Juden waren. Vater Philipp lebte als gesetzestreuer Mann. Dementsprechend wurde sein Sohn Jacob ordnungsm\u00e4\u00dfig in die orthodoxe j\u00fcdische Gemeinschaft aufgenommen: Die Beschneidung fand in der kleinen Betstube im Hause des Schutzjuden Stern statt, die Bar-Mizwa ebenso. Doch Jacob konnte nur in christlichen Schulen unterrichtet werden, weil&#8217;s j\u00fcdische in L\u00fcbeck gar nicht gab, nicht  geben durfte. So entfremdete er sich dem Glauben der V\u00e4ter. Zwar heiratete er nach seinen Kieler Lehrjahren die zwei Jahre \u00e4ltere Esther Isaac, ein j\u00fcdisches M\u00e4dchen aus Moisling2, bildete sie auch zur hilfreichen Leichdornschneiderin f\u00fcr die eigene Praxis heran, doch das Jahr 1812 \u00e4nderte den Lauf seines Lebens von Grund auf: Er lernte die ledige Mariane Louise Lisette M\u00fcller kennen, 23 Jahre jung, aus Schwerin geb\u00fcrtig, eine evangelisch-lutherische Christin.<\/p>\n<p>Die M\u00fcllerin hatte am 31. M\u00e4rz 1812 ihrem ersten Sohn &#8211; Martin August Christian &#8211; das Leben geschenkt.3  Als Vater des &#8222;unehrlich&#8220; gezeugten Kindes gab sich Adolph Bertning zu erkennen, ein franz\u00f6sischer Doktor. Die freie Hansestadt L\u00fcbeck war seit einem guten Jahr Bestandteil des franz\u00f6sischen Kaiserreichs! Am 12. April lie\u00df man in St. Aegidien taufen 4 &#8211; dann verschwand der franz\u00f6sische Kavalier auf Nimmerwiedersehen. Tief entt\u00e4uscht \u00fcber das Verhalten seines Sohnes gab Vater Philipp sowohl Praxis als auch Wohnung in L\u00fcbeck auf und zog mit seiner Frau ins holsteinisch-d\u00e4nische Altona.5 <br \/>\nJacob teilte der erstaunten \u00d6ffentlichkeit \u00fcber die &#8222;Anzeigen&#8220; mit: <br \/>\n&#8222;Ich zeige meinen G\u00f6nnern und Freunden hiemit ergebenst an, da\u00df ich von k\u00fcnftigem Montag den 13. July an nicht mehr in der Wahmstra\u00dfe, sondern bey Herrn J. D. Schultz in der H\u00fcxstra\u00dfe Nr. 306 [heute: Nr. 50] wohne.<br \/>\nJ. Levy, Zahnarzt&#8220;.6<\/p>\n<p>Ein j\u00fcdisch-christliches Konkubinat<\/p>\n<p>Was er nicht mitteilte: da\u00df in die neue Wohnung nicht die Ehefrau, sondern die M\u00fcllerin einzog. Jacob mu\u00dfte nun den Unterhalt f\u00fcr vier Personen erwirtschaften und seine &#8222;Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit&#8220; erweitern:<br \/>\n&#8222;Zugleich feile ich die hohlgewordenen Vorderz\u00e4hne mit sehr feinen Feilen, und ohne den geringsten Schmerz zu verursachen, aus; plombire auch hohle, egalisire die schief gewachsenen Z\u00e4hne und bringe sie wieder in die geh\u00f6rige Ordnung.<\/p>\n<p>Auch sind bey mir, nach Beschaffenheit der Z\u00e4hne, Zahnb\u00fcrsten zu haben.<br \/>\nSchlie\u00dflich f\u00fcge ich noch hinzu, da\u00df ich Leichd\u00f6rner auf eine behende und geschickte Art behandle und dem schmerzhaften \u00dcbel eingewachsener Fu\u00dfn\u00e4gel abhelfe und ihnen die nat\u00fcrliche Form wieder zu geben verstehe.<br \/>\nIn allen vorgenannten Gesch\u00e4ften empfehle ich mich bestens und verspreche prompte und reelle Bedienung, wobey ich mich dreist auf das Zeugni\u00df derjenigen berufen zu d\u00fcrfen glaube, die mich Ihres Zutrauens bisher gew\u00fcrdigt haben.<br \/>\nDenjenigen, welche mich zu sprechen verlangen, zeige ich noch ergebenst an, da\u00df ich jeden Mittag von 12 bis 2 Uhr zu Hause zu treffen bin.<br \/>\nL\u00fcbeck, im October 1812<br \/>\nLevy junior,<br \/>\nvon der K\u00f6nigl. medizinisch-chirurgischen Facult\u00e4t in Kiel approbirter Zahnarzt,<br \/>\nwohnhaft in der H\u00fcxstra\u00dfe Nr. 22 [heute: Nr. 50]&#8220;.7 <\/p>\n<p>Jahr f\u00fcr Jahr wuchs die Schar der hungrigen M\u00e4uler, die Jacob Levy zu versorgen hatte. Zuletzt waren es sieben Kinder, die dem Konkubinat entstammten. Alle wurden sie evangelisch-lutherisch erzogen. Mehrfach mu\u00dfte er die viel zu kleinen Wohnungen wechseln. Dazu gesellte sich die drohende Gefahr einer Ausweisung aus den Ringmauern der Stadt. Er war doch Jude! Unentwegt erforschte und erfand er neue Salben, Pulver, Tinkturen und Techniken. Aus England lie\u00df er sich (1815) &#8222;mit den feinsten mechanischen Instrumenten&#8220; versehen und brachte modernste englische Zahnb\u00fcrsten unter seine Patienten.8 Der Lohn: Per Senats-Dekret vom 22. Mai 1816 erhielt er das amtliche Privileg &#8222;zur Aus\u00fcbung der Zahnarzeneykunst&#8220;, die obrigkeitliche Konzession. Das gab Sicherheit in einer Zeit wirtschaftlicher und politischer Depression.<\/p>\n<p>Aus \u00c4rger wird Jacob Christ<\/p>\n<p>Um die Haushalts-Kasse weiter aufzubessern, verlegte sich Jacob Levy zus\u00e4tzlich noch aufs Lotterie-Spiel. Man spielte zu viert, jeder 1\/8 Los: au\u00dfer Jacob Levy der Schustermeister Jochim Hinrich Faasch, der Golddrahtzieher August Eduard Anthon und der Kneip-Wirt Johann Gottlieb Franz Grampp. Letzterer gewann, und die drei anderen wollten nun &#8211; verabredungsgem\u00e4\u00df, wie sie meinten &#8211; ihren Anteil von 22. 000 Courant-Mark. Der Wirt weigerte sich. Man zog vor den Kadi. Das L\u00fcbecker Landgericht entschied am 16. Januar 1835 gegen Levy, Faasch und Anthon: Zwischen den Kl\u00e4gern und dem Beklagten sei &#8222;nicht allgemein verabredet worden, da\u00df, wer von ihnen in der ganzen zu der fraglichen Zeit im Spielen begriffenen Frankfurter Lotterie auf sein ? Loos mehr als 100 Courant-Mark gewinnen werde, von jeden gewonnenen 1.000 Courant-Mark dem andern Theil 100 Courant-Mark abgeben solle&#8220;.9<br \/>\nUnd aus alter Gewohnheit zahlte er nach wie vor die w\u00f6chentlichen Gemeindebeitr\u00e4ge an die Moislinger j\u00fcdische Armen-Kasse &#8211; bis 1826. Erst neun Jahre sp\u00e4ter &#8211; nachdem eine Schuld-Summe von 197 Courant-Mark und 4 Schilling aufgelaufen war &#8211; schalteten sich die \u00c4ltesten der israelitischen Gemeinde zu Moisling (wohin die neun in L\u00fcbeck wohnenden j\u00fcdischen Familien geh\u00f6rten) ein und zeigten Jacob Levy beim L\u00fcbecker Landgericht an. Der weigerte sich, zu zahlen bzw. wieder der Gemeinde beizutreten.10 Lie\u00df sich vielmehr am Pfingstsonntag, am 22. Mai 1836, im Hause des Predigers Franz Ulrich Theodor Meyer von St. Petri taufen.11<\/p>\n<p>Der t\u00fcchtige Zahnarzt Jacob Levy starb als protestantischer Christ, verarmt, in seiner armseligen Bude in der Aegidienstra\u00dfe Nr. 4, &#8222;verheyrathet mit Esther geborene Isaac, am 23. Juni 1840, morgens sechs Uhr&#8220;.12<\/p>\n<p>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br \/>\n1   L\u00fcbeckische Anzeigen (LA), 23. 2. und 27. 2. 1811.<br \/>\n2   Sie starb, 71-j\u00e4hrig, am 21. 12. 1853 in L\u00fcbeck. Archiv der Hansestadt L\u00fcbeck (AHL). <br \/>\n    Sterbebuch 1853. Nr. 830.<br \/>\n3   AHL, Registre de l&#8217;\u00e9tat civil pour la Mairie de L\u00fcbeck, pour l&#8217;an 1812. Naissances. Nr. 238.<br \/>\n4   AHL, Taufbuch St. \u00c4gidien, 1811 bis 1835.  1812: 13, Nr. 37.<br \/>\n5   Dort starb er, 71-j\u00e4hrig, im April 1821. Fanny Levy geb. Moses starb am 13. 7. 1822, 71-j\u00e4hrig, ebenda.  AHL, Genealogisches Register, Bd 10.<br \/>\n6   LA, 11. 7. und 15. 7. 1812.<br \/>\n7   LA, 17. 10. und 24. 10. 1812, jeweils franz\u00f6sich und deutsch.<br \/>\n8   LA, 27. 10. 1815.<br \/>\n9   AHL, Actum L\u00fcbeck im Landgericht, 3. 7. 1834 bis 29. 5. 1835.<br \/>\n10  AHL, Actum L\u00fcbeck im Landgericht, Mai, Juni, Juli 1835.<br \/>\n11  AHL, Taufbuch St. Petri, 1836: 50.<br \/>\n12  AHL, Sterbebuch 1840: 93, Nr. 322.<\/p>\n<p>hier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich haben wir mit der Vorstellung der Publikation des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-5978","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5978","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5978"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5978\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5978"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5978"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5978"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}