{"id":6224,"date":"2008-05-18T12:21:21","date_gmt":"2008-05-18T12:21:21","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=6124"},"modified":"2008-05-18T12:21:21","modified_gmt":"2008-05-18T12:21:21","slug":"dr_phil_peter_guttkuhn__wasserschaden_in_der_knigstrae_oder_lbsche_nachbarschaftshilfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_phil_peter_guttkuhn__wasserschaden_in_der_knigstrae_oder_lbsche_nachbarschaftshilfe\/","title":{"rendered":"Dr. phil. Peter Guttkuhn:  Wasserschaden in der K\u00f6nigstra\u00dfe oder l\u00fcb&#8217;sche Nachbarschaftshilfe?"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.-Guttkuhn-1-freundl\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.-Guttkuhn-1.jpg\" alt=\"Dr.-Guttkuhn-1\" \/><br \/>\nAuch f\u00fcr heute hat der in L\u00fcbeck arbeitende Privatgelehrte und Historiker Dr. Peter Guttkuhn in der hier-luebeck-Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; eine interessante Geschichte ausgesucht, der er folgendes voranstellt: &#8222;In den  Rahmen des Stadtprojekts &#8222;Mensch B\u00fcrger. Wir sind die Stadt&#8220; geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch ein deutlicher Hinweis auf &#8222;b\u00fcrgerliche Tugenden&#8220;.<\/p>\n<p>Foto (RB): Dr. Peter Guttkuhn<br \/>\n<!--more-->Tugenden wie Nachbarschaftshilfe, Kompromissbereitschaft und Respekt vor der Person und dem Eigentum des Mitb\u00fcrgers. <br \/>\nIn diesem Sinne die heutige l\u00fcbsche Sonntags-Geschichte, auch wenn sie w\u00e4hrend der kalten Jahreszeit sich zutrug&#8220;:<\/p>\n<p>Wasserschaden in der K\u00f6nigstra\u00dfe oder l\u00fcb&#8217;sche Nachbarschaftshilfe?<\/p>\n<p>Es war einmal ein t\u00fcchtiger, weitbekannter und streitbarer l\u00fcbeckischer Senator namens Georg Christian Tegtmeyer, ehemals \u00c4ltester der Schonenfahrer. Seine Wohlweisheit, der Herr Senator, standen zahlreichen l\u00fcbischen Staatsverwaltungen vor, so unter anderem der Brandbeh\u00f6rde und dem Milit\u00e4rdepartement, dem Finanz- und dem Forstdepartement. Und nat\u00fcrlich auch der eigenen, privaten Handlungsfirma; die hatte ihr Comptoir in der L\u00fcbecker K\u00f6nigstra\u00dfe bei der H\u00fcxstra\u00dfe, just neben dem Haus der Ernestinischen Schule (1830-1904), K\u00f6nigstra\u00dfe Nr. 867, heute Nr. 77.<\/p>\n<p>Vor lauter Regierungst\u00e4tigkeit geno\u00df der Mann des Hohen Senats nur sporadisch h\u00e4uslich-famili\u00e4re Mu\u00dfestunden. Und die wurden ihm seit Jahren schon &#8211; besonders zu Zeiten der damals noch schneereich-kalten und finsteren Winter &#8211; m\u00e4chtig verg\u00e4llt. Bereits seit langem hatte er sich \u00fcber die Angelegenheit ge\u00e4rgert und beschwert; doch nun, im Januar 1861, war der Zorn mit dem 68-j\u00e4hrigen agilen Greis durchgegangen, er hatte Anzeige erstattet, und zwar ganz f\u00f6rmlich: beim Polizei-Amt des Freistaats L\u00fcbeck.<\/p>\n<p>Er gab zu Protokoll, da\u00df von oben Wasser in sein Haus dringe, welches von den obern Stuben bis in sein unten an der Diele belegenes Comptoir laufe und davon herr\u00fchre, dass der auf dem Dach des Nachbarhauses, der Ernestinischen Schule, sub Nr. 867 in der K\u00f6nigstra\u00dfe, liegende Schnee, entweder weil der Schornstein zu nahe unter diesem Dach liege oder weil die Dachstuben zu warm gehalten werden, schmelze, die Dachrinne mit Wasser f\u00fclle und dieses dann \u00fcberlaufe und in sein Haus dringe, da die Ablauftrumme bei der jetzigen strengen K\u00e4lte g\u00e4nzlich zugefroren sei, obgleich h\u00e4ufig hei\u00dfes Wasser in dieselbe gegossen werde, wodurch sich gro\u00dfe Eiszapfen bildeten, die selbst der Passage gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>In der Tat handelte es sich um schwerwiegende Gef\u00e4hrdungen privater und \u00f6ffentlicher Einrichtungen, so da\u00df man umgehend zu einer \u00f6rtlichen Besichtigung schritt.<\/p>\n<p>&#8222;Man&#8220;, das waren neben dem Senator Tegtmeyer (1792-1878) der Dirigent des Polizeiamtes, der Senator Dr. Johann Carl B\u00f6se (1802-1870). Als technischen Beirat hatte er mitgebracht den Staats-Baudirektor Anton Ferdinand Benda (1817-1893), den sp\u00e4teren Eisenbahndirektor und Parlamentarier, sowie den Polizeikanzlisten Johann Heinrich Georg Eisenbl\u00e4tter (1826-1893), der f\u00fcrs Protokoll zust\u00e4ndig war.<\/p>\n<p>Die beklagte Partei, die Ernestinenschule, vertrat der Staatsarchivar Carl Friedrich Wehrmann (1809-1898), der die Privatschule bis 1854 geleitet hatte und nach wie vor in der Kurtzhals-Stiftung t\u00e4tig war, der die Ernestinenschule geh\u00f6rte. Der Lokaltermin des hochkar\u00e4tigen B\u00fcrger-Quintetts im und vor dem Schulgeb\u00e4ude fand am 15. Januar 1861, 14.30 Uhr, statt, einem bitterkalten Wintertag.<\/p>\n<p>Die Besichtigung der obern Localit\u00e4t ergab, dass der Schornstein hart unter dem Dach l\u00e4ngs geschleppt und dass auch in der stra\u00dfenw\u00e4rts belegenen Bodenabteilung eine angenehme W\u00e4rme vorherrschend war, welche haupts\u00e4chlich von einem aus einer an diese Localit\u00e4t angrenzenden Kammer in den Schornstein geleiteten eisernen ca. 4 Fu\u00df (1,16 m) langen Ofenrohr herzur\u00fchren schien.<\/p>\n<p>Guter Rat, das hie\u00df Abhilfe des \u00dcbelstands, war tats\u00e4chlich teuer: Eine Verlegung des inkriminierten Ofenrohres durfte nach der geltenden staatlichen Bauordnung nicht ins Auge gefa\u00dft werden. Der klagende Senator, damals noch Inhaber der legislativen, exekutiven und judikativen Staatsgewalt, mu\u00dfte sich an Gesetz und Recht halten. Das tat er. Die Alternative &#8211; eine Neu-Verschalung des gesamten Daches der Ernestinenschule &#8211; erschien ihm nicht nur zu beschwerlich und unangemessen, sondern vor allem zu kostspielig.<\/p>\n<p>So einigten sich beide Seiten denn auf eine wahrhaft genialische L\u00f6sung des Problems: Nach jedem (gr\u00f6\u00dferen) Schneefall wolle man die Dachrinne vom Schnee befreien!<\/p>\n<p>Und: Der kl\u00e4gerische Senator Tegtmeyer fand sich bereit, zu den Reinigungskosten der Ernestinenschule beizutragen, was bis an sein Lebensende auch geschah. Die Ernestinenschule ihrerseits trug noch ein weiteres zu diesem schiedlich-friedlichen Kompromi\u00df bei: Behufs der bessern Fortschaffung des Schnees aus der Rinne \u00fcbernahm es der Staatsarchivar Wehrmann, das in dem Vordergiebel \u00fcber der Rinne befindliche Loch so viel vergr\u00f6\u00dfern zu lassen, dass selbiges eine H\u00f6he von 2 Fu\u00df (0,58 m) und eine Breite von 1\/2 Fu\u00df (0,145 m) bekomme.<br \/>\nFazit: Nachhaltige Nachbarschaftshilfe ist wahrlich kein &#8222;Schnee von gestern&#8220;.<\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn<\/p>\n<p>\nhier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch f\u00fcr heute hat der in L\u00fcbeck arbeitende Privatgelehrte und Historiker Dr. Peter Guttkuhn in der hier-luebeck-Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; eine interessante<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-6224","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6224"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6224\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}