{"id":6388,"date":"2008-06-01T00:41:38","date_gmt":"2008-06-01T00:41:38","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=6288"},"modified":"2008-06-01T00:41:38","modified_gmt":"2008-06-01T00:41:38","slug":"dr_peter_guttkuhn_leopold_jacobsohn__der_erste_lbecker_jdische_rechtsanwalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_peter_guttkuhn_leopold_jacobsohn__der_erste_lbecker_jdische_rechtsanwalt\/","title":{"rendered":"Dr. Peter Guttkuhn: Leopold Jacobsohn &#8211; der erste L\u00fcbecker j\u00fcdische Rechtsanwalt"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.-Guttkuhn\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.-Guttkuhn.jpg\" alt=\"Dr.-Guttkuhn\" \/><br \/>\nDie Vorstellung der Publikation des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historiker Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; in hier-luebeck  wird mit Dank an den Wissenschaftler fortgesetzt. Heute:  Leopold Jacobsohn &#8211; der erste L\u00fcbecker j\u00fcdische Rechtsanwalt.<\/p>\n<p>Foto (RB): Dr. Peter Guttkuhn<br \/>\n<!--more-->Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nLeopold Jacobsohn &#8211; der erste L\u00fcbecker j\u00fcdische Rechtsanwalt<br \/>\nLeopold Jacobsohn, geboren am 20. September 1877 in L\u00fcbeck, war Ostern 1884 in die Vorschule des Katharineums, der ber\u00fchmten Staatsschule, eingetreten. 42 Sch\u00fcler befanden sich in der Klasse des Ordinarius A. Lichtwark, unter ihnen Erich M\u00fchsam und der sp\u00e4tere Sozius und Freund Martin Meyer. Nach dem Tod der Eltern wurde der Vollwaise im Baruch Auerbach&#8217;schen Institut in Berlin, einer j\u00fcdischen Waisenstiftung, untergebracht und erzogen. Seine Schulbildung empfing er sowohl auf dem traditionsreichen Katharineum zu L\u00fcbeck als auch dem prominenten Friedrichsgymnasium zu Berlin.<\/p>\n<p>Zum Ostertermin 1896 schrieb er sich in der juristischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Berlin ein. Nach vier Berliner Semestern bezog er die Christian-Albrechts-Universit\u00e4t Kiel, die ihn Ostern 1899 exmatrikulierte. Er hatte insgesamt sechs Semester Jura studiert, was damals die Norm und vollkommen ausreichend war. Am 12. Juli 1899 bestand Jacobsohn die erste juristische Pr\u00fcfung am K\u00f6niglich Preu\u00dfischen Oberlandesgericht in Kiel. Einen Monat sp\u00e4ter wurde er in L\u00fcbeck zum Referendar ernannt.<\/p>\n<p>Vom 1. Oktober 1899 an kam er seiner einj\u00e4hrig-freiwilligen Milit\u00e4rpflicht nach.<br \/>\nAm 4. November 1903 wurde Jacobsohn zum zweiten juristischen Staatsexamen in Hamburg zugelassen, das er am 27. Februar 1904 bestand. Daraufhin erhielt er am 23. M\u00e4rz 1904 vom L\u00fcbecker Senat die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft beim Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg und beim Landgericht der Freien und Hansestadt L\u00fcbeck und des Gro\u00dfherzoglich Oldenburgischen F\u00fcrstentums L\u00fcbeck; am 31. 03. 1904 fand seine Vereidigung statt.<\/p>\n<p>Der konservativ-alldeutsche Pr\u00e4sident des Landgerichts, Karl Hoppenstedt (1834-1910), schrieb am 8. April 1904 in seinem Gutachten \u00fcber Jacobsohn, da der &#8211; wie im Freistaat L\u00fcbeck \u00fcblich &#8211; mit dem Gesuch um Zulassung zur Rechtsanwaltschaft zugleich auch die Ernennung zum Notar erbeten hatte: <br \/>\n&#8222;Der bisherige Brauch, jeden Referendar nach Bestehen der 2. Pr\u00fcfung zugleich mit der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft auch zum Notar zu ernennen, hat den zwiefachen Nachteil: da\u00df die Zahl der Notare zu gro\u00df wird und auch ungeeignete Anw\u00e4lte zu Notaren ernannt werden. Gegenw\u00e4rtig gibt es in [der Kleinstadt] L\u00fcbeck 23 Anw\u00e4lte, au\u00dfer Jacobsohn sind alle Notare. Den Rechtsanwalt Jacobsohn halte ich zur Zeit nicht f\u00fcr geeignet zum Amte eines Notars&#8220;.<\/p>\n<p>Die Anw\u00e4lte seien nicht &#8222;Hoppenstedts Freunde&#8220;, hie\u00df es hinter vorgehaltener Hand auf den Wandelg\u00e4ngen des L\u00fcbecker Landgerichts. Oder war es etwa Judengegnerschaft, Antisemitismus? Gleichviel, Jacobsohn schaltete die staatliche Justizkommission ein, die am 16. 04. 1904 beschlo\u00df, dessen Bestallung beim Senat zu bef\u00fcrworten. Und nach zwei Jahren war es so weit: Am 23. April 1906 wurde er zum Notar ernannt.<\/p>\n<p>Unterdessen hatte er &#8222;der erste j\u00fcdische Rechtsanwalt L\u00fcbecks &#8220; in der Breiten Stra\u00dfe seine Kanzlei eingerichtet, in die er sp\u00e4ter Dr. jur. Martin Meyer und Dr. jur. et rer. pol. Karl Br\u00fcndel aufnahm. Man f\u00fchrte einen modernen B\u00fcrobetrieb mit 14 Angestellten. Und von Anfang an besa\u00df der energische und durchsetzungsf\u00e4hige Jacobsohn eine zahlreiche j\u00fcdische Klientel.<\/p>\n<p>Am 24. April 1905 fand seine b\u00fcrgerliche d. h. standesamtliche Trauung in Mohrin \/ Neumark, dem Geburtsort der Ehefrau, statt. Am Sonntag, dem 30. April 1905, wurden die Eheleute Jacobsohn von dem eigens angereisten, hochgesch\u00e4tzten neo-orthodoxen L\u00fcbecker Gemeinderabbiner Dr. Salomon Carlebach (1845-1919) in der Reichshauptstadt Berlin getraut.<\/p>\n<p>Als Mitglied &#8211; sp\u00e4ter auch als Pr\u00e4sident  -der 1904 gegr\u00fcndeten L\u00fcbecker Esra-Loge des internationalen Ordens Bnei Brith (S\u00f6hne des Bundes), den Freimaurern nachgebildet, setzte sich Jacobsohn engagiert ein f\u00fcr die F\u00f6rderung h\u00f6chster Ziele und Ideale der Menschheit: f\u00fcr Wohlt\u00e4tigkeit, Bruderliebe und Eintracht als Leitsterne menschenfreundlicher Lebensf\u00fchrung \u00fcberall auf der Welt. Umso schmerzhafter traf ihn der Ausbruch des weltweit mechanisierten Vernichtungskriegs, die pure Barbarei.<\/p>\n<p>Leopold Jacobsohns Einberufung in den gro\u00dfen Krieg der V\u00f6lker wurde auf den 26. Oktober 1916 zur Feld-Intendantur des IX. Armeekorps festsetzt; am 11. Juli 1917 erfolgte seine Abkommandierung zum Landsturm-Infanterie-Regiment Nr. 9 an die deutsche Ostfront. F\u00fcr seine soldatisch-patriotischen Verdienste in diesem Krieg erhielt der 39-j\u00e4hrige Feldwebel, wie alle l\u00fcbeckischen Soldaten, am 18. Juli 1917 das Hanseatenkreuz des Senats (Inf. Reg. 426). Er wurde Inhaber des Eisernen Kreuzes II. Klasse, des Frontk\u00e4mpferkreuzes und der Landwehrdienstauszeichnung II. Kl.<\/p>\n<p>Das ersehnte Kriegsende erlebte er im Baltikum.<\/p>\n<p>In der Weimarer Zeit geh\u00f6rte Jacobsohn, wie zahlreiche j\u00fcdische Intellektuelle, der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an, die sich zur Republik und zum parlamentarischen System bekannte. Die Partei erreichte bei den L\u00fcbecker B\u00fcrgerschaftswahlen am 9. Februar 1919 hinter der SPD die zweith\u00f6chste Stimmenzahl und bekam 29 von insgesamt 80 Sitzen in der B\u00fcrgerschaft, dem Parlament des Stadtstaats. Der \u00fcberzeugte Demokrat und Republikaner Jacobsohn blieb auch Mitglied dieser Partei, als die sich 1930 in Deutsche Staatspartei umbenannte und mit kleineren Gruppierungen fusionierte.<\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte der Weimarer Republik schlo\u00df er sich zeitweilig der Ortsgruppe L\u00fcbeck des &#8222;Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Bund der republikanischen Kriegsteilnehmer e. V.&#8220; an, einer SPD-nahen Schutzorganisation gegen Monarchisten, V\u00f6lkische und Nationalsozialisten.<\/p>\n<p>Bis 1933 war er Vorsitzender des &#8222;Reichsbundes j\u00fcdischer Frontsoldaten&#8220; in L\u00fcbeck, dessen Ortsgruppe er 1919 gegr\u00fcndet hatte. Dieser Verein diente der Abwehr antisemitischer Angriffe auf das &#8222;vaterl\u00e4ndische Verhalten&#8220; der l\u00fcbeckischen deutsch-j\u00fcdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Nach der Reichstagswahl vom 5. M\u00e4rz 1933 &#8211; bei der die NSDAP in L\u00fcbeck 42,8 % und die SPD 38,4 % der Stimmen (bei 43,9 % bzw. 18,3 % reichsweit) erzielten &#8211; zwangen die Nationalsozialisten den Senat zum R\u00fccktritt; die &#8222;Gleichschaltung&#8220;, d. h. die unumschr\u00e4nkte, alleinige Gewaltherrschaft der Hitler-Partei, begann auch in L\u00fcbeck. S\u00e4mtliche j\u00fcdischen Rechtsanw\u00e4lte und Notare, die am 2. April 1933 gemeinsam aus dem L\u00fcbecker Anwaltsverein ausgetreten waren &#8211; um ihrem Ausschluss zuvorzukommen -, wurden seitdem nicht mehr als Armenanw\u00e4lte, Offizialverteidiger, Konkursverwalter usw. zugelassen bzw. bestellt.<\/p>\n<p>Am 11. September 1933 entlie\u00df der Senat sie alle aus dem Amt des Notars, ebenfalls Leopold Jacobsohn, der einen Monat zuvor seine letzte notarielle Beurkundung vollzogen hatte. Jacobsohn legte als Sprecher (gew\u00e4hlter &#8222;Wortf\u00fchrer&#8220;) seiner gedem\u00fctigten, ausgegrenzten und entrechteten Kollegen Widerspruch ein, leistete Widerstand, soweit es dazu noch einen gesetzlichen Spielraum gab. Doch auch der am 09. 07. 1934 angerufene Reichsstatthalter lie\u00df mitteilen, dass es bei der vom L\u00fcbecker NS-Senat verf\u00fcgten Regelung verbleibe.<\/p>\n<p>Dr. jur. Georg W\u00e4hrer (1893-1941), Rechtsanwalt und Notar, NS-Vorsitzender des L\u00fcbecker Anwaltsvereins und oberster F\u00fchrer der SA-Standarte 162, rechtfertigte die Entlassung des Kollegen Jacobsohn damit, dass der allein schon wegen seiner &#8222;Rassezugeh\u00f6rigkeit&#8220; gegen den Nationalsozialismus sei. Schlimmer noch: In der &#8222;Systemzeit&#8220;, habe er Reichsbanner-Leute verteidigt, damit das Reichsbanner moralisch und materiell unterst\u00fctzt, das doch der SA &#8222;schweren k\u00f6rperlichen Schaden&#8220; zugef\u00fcgt habe: &#8222;Im Dritten Reich darf Juden das Notariat nicht wieder verliehen werden&#8220;.<\/p>\n<p>Jacobsohn stellte sich nun ganz und gar der bedrohten j\u00fcdischen Gemeinschaft zur Verf\u00fcgung. Am 13. Mai 1937, nachdem seine Heimatstadt ihre politische Selbstst\u00e4ndigkeit und seine Religionsgemeinde mehr als die H\u00e4lfte ihrer Mitglieder durch Emigration bzw. Binnenwanderung in den letzten vier Jahren verloren hatte, lie\u00df er sich in den 8-k\u00f6pfigen Vorstand der L\u00fcbecker j\u00fcdischen Gemeinde w\u00e4hlen, wo er f\u00fcr juristische Anliegen verantwortlich war. Und davon gab es mehr als zu bew\u00e4ltigen waren.<\/p>\n<p>Am 22. August 1938 wandte er sich an seinen ehemaligen jungen Berufskollegen Dr. jur. Hans B\u00f6hmcker (1899-1942), seinerzeit Amtsrichter, derzeit NS-B\u00fcrgermeister in L\u00fcbeck und Chef der Finanzverwaltung. In der respektlos-zynischen Diktion des &#8222;Herrenmenschen&#8220; B\u00f6hmcker gegen\u00fcber dem &#8222;rassisch minderwertigen&#8220; Anwalt ging es um folgendes: &#8222;Der Jude Jacobsohn ist an die Finanzverwaltung herangetreten, weil nach Meinung Jacobsohns das Synagogengrundst\u00fcck zu hoch bewertet sei. Die j\u00fcdische Gemeinde sei nicht in der Lage, die Grundsteuer aufzubringen, auch dann nicht, wenn infolge anderer Bewertung des Grundst\u00fccks eine Grundsteuer in geringerer H\u00f6he zu zahlen sei. Jacobsohn fragt an, ob die Stadt bereit sei, das Grundst\u00fcck zu kaufen. Die j\u00fcdische Gemeinde wolle, wenn m\u00f6glich, das Grundst\u00fcck St.-Annen-Stra\u00dfe 11 (Asyl) behalten&#8220;.<\/p>\n<p>Ein letztes Mal vermochte es Jacobsohn zu organisieren, dass die j\u00fcdische Gemeinde die f\u00e4llige Rate der Grund- und Hauszinssteuer am 31. 08. 1938 zahlte. Seine Vorstandskollegen konnten sich in ihrer Mehrheit noch nicht zum Verkauf der Synagoge entschlie\u00dfen, w\u00e4hrend er auf ein Kaufangebot der Stadt hoffte, um die Immobilie zu retten. B\u00f6hmcker seinerseits nutzte die unklare Situation, wohl wissend, dass er den l\u00e4ngeren Atem habe, dass die Zeit f\u00fcr ihn arbeitete: &#8222;Ich bin \u00fcberzeugt, da\u00df die Frage alsbald wieder akut wird&#8220;. <\/p>\n<p>Kurz nach der Reichspogromnacht war es so weit. Am 14. November 1938 verlautete aus dem L\u00fcbecker Rathaus: &#8222;Hinsichtlich des Ankaufs der Synagoge teilt B\u00fcrgermeister Dr. B\u00f6hmcker mit, da\u00df f\u00fcr den Fall, da\u00df die morgen f\u00e4llige Steuerrate nicht eingehe, sofort die Zwangsversteigerung in die Wege geleitet werden solle, um das Haus m\u00f6glichst bald preiswert zu erwerben&#8220;. Die Steuerrate ging nicht mehr ein: Alle j\u00fcdischen M\u00e4nner L\u00fcbecks &#8211; namentlich auch die des Vorstands der Gemeinde &#8211; sa\u00dfen seit dem fr\u00fchen Morgen des 10. November im Gef\u00e4ngnis bzw. bereits im KZ, und die Synagoge war verw\u00fcstet.<\/p>\n<p>Auf Grund des Gesetzes vom 05. 01. 1938 \u00fcber \u00c4nderung von Familiennamen und Vornamen (RGBl I, S. 9 f) sowie der zweiten Verordnung zur Durchf\u00fchrung des Gesetzes (RGBl I, S. 1044) vom 17. 08. 1938 waren auch die Jacobsohns gezwungen, die als identit\u00e4tszerst\u00f6rende Dem\u00fctigung gemeinten Bezeichnungen &#8222;Sara&#8220; und &#8222;Israel&#8220; als weitere Vornamen anzunehmen. Der Jurist Jacobsohn, bewusster und geachteter Jude, versuchte mit den subalternen Nazi-Beamten des L\u00fcbecker Polizeipr\u00e4sidiums eine ihm und seiner Frau angemessene, pers\u00f6nlichere Bezeichnung durchzusetzen, indem er den Antrag stellte, f\u00fcr sich den weiteren Vornamen &#8222;Eli&#8220; anzunehmen und den Vornamen seiner Frau Amalie in &#8222;Rahel&#8220; umzu\u00e4ndern. Nach Darlegung der Rechtslage wurde ihm er\u00f6ffnet, dass er entweder den zus\u00e4tzlichen Namen Israel zu f\u00fchren habe oder unter Wegfall seines bisherigen &#8222;nichtj\u00fcdischen&#8220; Vornamens Leopold den Namen Eli f\u00fchren k\u00f6nne. <\/p>\n<p>Leopold Jacobsohn lehnte ab, zog den Antrag f\u00fcr seine Frau und sich zur\u00fcck und musste nunmehr Leopold Israel hei\u00dfen. Das wurde auch umgehend in die stigmatisierende Juden-Kennkarte &#8211; den Personalausweis &#8211; eingetragen, die man sich zu beschaffen hatte (RGBl I, S. 922): &#8222;Juden, die deutsche Staatsangeh\u00f6rige sind, haben unter Hinweis auf ihre Eigenschaft als Jude bis zum 31. 12. 1938 die Ausstellung einer Kennkarte zu beantragen. Bei allen m\u00fcndlichen Antr\u00e4gen an Beh\u00f6rden haben sie die Kennkarte unaufgefordert vorzulegen, bei schriftlichen Antr\u00e4gen auf ihre Eigenschaft als Juden hinzuweisen und Kennort und Kennummer der Kennkarte anzugeben&#8220;.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seiner KZ-Haft in Sachsenhausen wurde ihm auch die letzte M\u00f6glichkeit des Broterwerbs im Gro\u00dfdeutschen Reich genommen: &#8222;Juden ist der Beruf des Rechtsanwalts verschlossen. Soweit Juden noch Rechtsanw\u00e4lte sind, scheiden sie am 30. 11. 1938 aus der Rechtsanwaltschaft aus. Zur rechtlichen Beratung und Vertretung von Juden l\u00e4\u00dft die Justizverwaltung j\u00fcdische Konsulenten zu&#8220; (RGBl I, S. 1403 ff.). So die V. Verordnung zum Reichsb\u00fcrgergesetz vom 27. September 1938. Am 19. Dezember 1938 berichtete der Polizeihauptwachtmeister Harms vom 1. Revier an den L\u00fcbecker Polizeipr\u00e4sidenten: &#8222;Ich habe am 17. 12. 38 festgestellt, da\u00df an der H\u00e4userfront des B\u00fcroraums des Rechtsanwalts Jacobsohn Firmenschilder oder sonstige Bezeichnungen, die darauf hinweisen, dass in dem Hause der Genannte wohnt oder seine B\u00fcror\u00e4ume hat,  n i c h tt mehr angebracht sind&#8220;.<\/p>\n<p>Sein Name war ausgel\u00f6scht, sein Lebenswerk zerst\u00f6rt, das Haus verkauft, um die Reichsfluchtsteuer und zahlreiche weitere schikan\u00f6se Belastungen und Erpressungen zu \u00fcberstehen. Leopold Jacobsohn, der gebrochene Mann, und seine seit 1925 unheilbar kranke Frau, mussten aus Deutschland fliehen, um das nackte Leben zu retten. Das Ziel ihrer Emigration: Kolumbien, im Nordwesten des s\u00fcdamerikanischen Kontinents, wo der 33-j\u00e4hrige Sohn des Paares die Eltern erwartete. <\/p>\n<p>Am 1. Februar 1939 verlie\u00dfen die Jacobsohns L\u00fcbeck f\u00fcr immer. Ihr Weg f\u00fchrte \u00fcber London. Am 5. Mai trafen sie, nach einer halben Erdumrundung, in dem ihnen v\u00f6llig fremden Land Kolumbien ein, wo es kaum Erwerbsm\u00f6glichkeiten gab. Weil die Familie Bekannte in Chile hatte, dem am st\u00e4rksten durch deutsche Einwanderer gepr\u00e4gten lateinamerikanischen Land, das ca. 12 500 deutschen Hitler-Emigranten Asyl gew\u00e4hrte, begab sie sich am 4. November 1939 nach Santiago de Chile.<\/p>\n<p>Derweil besch\u00e4ftigten sich die zust\u00e4ndigen B\u00fcrokraten des L\u00fcbecker Polizeipr\u00e4sidiums mit genauer Durchsicht und Berichtigung ihrer &#8222;Juden-Akten&#8220;. Am 23. Juni 1939 schrieb der Polizeiinspektor Walter Niemann an das Standesamt in Mohrin \/ Neumark:<\/p>\n<p>&#8222;Die Ehefrau Amalie Wally Jacobsohn geb. Pagel, die am 01. 11. 1882 geboren und sich am 24. 04. 1905 dort mit Leopold Israel Jacobsohn verheiratet hat, hat hierher mitgeteilt, dass sie den zus\u00e4tzlichen Vornamen  S a r a h  angenommen habe. Da diese Schreibweise mit derjenigen in der Verordnung vom 17. 08. 1938 nicht \u00fcbereinstimmt, andererseits geringe Abweichungen nicht beanstandet werden sollen, bitte ich vor weiterem um eine Mitteilung, welche Schreibweise der dortigen Eintragung zu Grunde gelegt und ob der Jacobsohn ggf. von der Ab\u00e4nderung der von ihr mitgeteilten Schreibweise Kenntnis gegeben worden &#8222;. Der Mohriner Standesbeamte konnte den L\u00fcbecker Polizeibeamten beschwichtigen: Er habe die &#8222;richtige Schreibweise&#8220; eingetragen und &#8222;die J.&#8220; auch dar\u00fcber informiert.<\/p>\n<p>Am 25. 11. 1939 wurden dem 62-j\u00e4hrigen Leopold Jacobsohn, seiner Frau und dem Sohn die deutsche Reichsangeh\u00f6rigkeit durch das Referat IV B 4 des Reichssicherheitshauptamtes der SS &#8211; Leiter Adolf Eichmann &#8211; aberkannt, sie wurden ausgeb\u00fcrgert. Als Grund nannte man seine Mitgliedschaft in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) w\u00e4hrend der Zeit der Weimarer Republik. Die dreik\u00f6pfige L\u00fcbecker Familie war nun staatenlos, praktisch vogelfrei.<\/p>\n<p>Am 17. Januar 1941 starb die Ehefrau in Santiago. Der ehemalige deutsche Jurist Leopold Jacobsohn schlug sich als Handelsvertreter mehr schlecht als recht durch ein bedr\u00fcckendes, perspektivloses Emigrantendasein fern der Heimat. Er starb an Krebs am 20. Januar 1945 in der Hafenstadt Valpara\u00edso \/ Chile, am Pazifik.<\/p>\n<p>\nhier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses interessanten Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorstellung der Publikation des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historiker Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; in hier-luebeck<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-6388","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6388","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6388"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6388\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6388"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6388"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6388"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}