{"id":6537,"date":"2008-06-22T01:22:17","date_gmt":"2008-06-22T01:22:17","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=6437"},"modified":"2008-06-22T01:22:17","modified_gmt":"2008-06-22T01:22:17","slug":"dr_phil_peter_guttkuhn_als_lbeck_bergeleitet_wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_phil_peter_guttkuhn_als_lbeck_bergeleitet_wurde\/","title":{"rendered":"Dr. phil. Peter Guttkuhn: &#8222;Als L\u00fcbeck &#8222;\u00fcbergeleitet&#8220; wurde&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.Guttkuhn-0805\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.Guttkuhn-0805.jpg\" alt=\"Dr.Guttkuhn-0805\" \/><br \/>\nAuch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; fort. Heute: &#8222;Als L\u00fcbeck &#8222;\u00fcbergeleitet&#8220; wurde&#8220;. Sagt Ihnen die Jahreszahl 1937 vorab etwas dazu?<\/p>\n<p>Foto: Dr. Peter Guttkuhn<br \/>\n<!--more-->Dr. phil. Peter Guttkuhn<br \/>\nAls L\u00fcbeck &#8222;\u00fcbergeleitet&#8220; wurde<\/p>\n<p>Die einen &#8211; und das waren die Regierenden &#8211; sprachen von &#8222;\u00dcberleitung&#8220;, &#8222;Umgemeindung&#8220; oder gar davon: &#8222;L\u00fcbeck kehrt heim zu Schleswig-Holstein!&#8220; (wie der &#8222;L\u00fcbecker Volksbote&#8220; vom 31. M\u00e4rz 1937). Die anderen &#8211; und das waren die Regierten &#8211; sprachen von &#8222;Verlust der Freiheit&#8220;, &#8222;Raub der Selbst\u00e4ndigkeit&#8220; oder &#8222;sp\u00e4ter Rache des Diktators&#8220;, weil Hitler w\u00e4hrend seiner &#8222;Kampfzeit&#8220; auf l\u00fcbeckischem Staatsgebiet nicht hatte reden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Das Reichsgesetz vom 26. Januar 1937 befahl kurz und b\u00fcndig: &#8222;Das Land Freie und Hansestadt L\u00fcbeck wird aufgel\u00f6st; die Stadt L\u00fcbeck wird als kreisfreie Gemeinde in den preu\u00dfischen Regierungsbezirk Schleswig und in die preu\u00dfische Provinz Schleswig-Holstein eingegliedert&#8220;. Hitler hatte die L\u00fcbecker zuvor weder benachrichtigt noch befragt. Damit erhielt die Hansestadt ab 1. April 1937 den Charakter einer Gemeinde. Und das war durchaus kein Aprilscherz.<\/p>\n<p>Zum l\u00fcbeckischen &#8222;Uberleitungskommissar&#8220; wurde der NS-Senator Dr. Hans B\u00f6hmcker (1899-1942) bestimmt; als dessen Sachbearbeiter fungierte Regierungsrat Gerhard Schneider (1904-1988). Die \u00dcberleitungsverhandlungen fanden am 16. und 17. Februar 1937 im L\u00fcbecker Rathaus statt. Es ging haupts\u00e4chlich um finanzielle Fragen und um das k\u00fcnftige Verh\u00e4ltnis der Hansestadt zum Provinzialverband. Vorsichtig, aber bestimmt versuchten die l\u00fcb&#8217;schen Unterh\u00e4ndler bei ihren preu\u00dfischen Verhandlungspartnern das herauszuholen, was eben noch zu erlangen bzw. zu erhalten war.<\/p>\n<p>Zwar durften preu\u00dfische Lehrer bereits nach Vollendung des 62. Lebensjahres in den Ruhestand treten &#8211; l\u00fcbeckische mu\u00dften bis zur Vollendung ihres 65. im Dienst verharren. Doch in Preu\u00dfen galt Pflichtstundenzahl 30, in L\u00fcbeck nur 29 Wochenstunden pro Lehrperson. Au\u00dferdem lag die Volksschul-Klassenfrequenz in L\u00fcbeck mit 38,5 Sch\u00fclern pro Klasse wesentlich g\u00fcnstiger als im Staate Preu\u00dfen. <\/p>\n<p>\u00dcber diese Themen und vieles mehr sprachen im Rathaus die neun Herren aus Berlin, Schleswig und L\u00fcbeck. Und dann nahten die Tage, da die alte Hansestadt tats\u00e4chlich auf Preu\u00dfen \u00fcbergeleitet werden sollte.<\/p>\n<p>Dem preu\u00dfischen Ministerpr\u00e4sidenten freilich, dem Generalobersten Hermann G\u00f6ring (1893-1946), dem war das Ereignis zu geringf\u00fcgig, um pers\u00f6nlich aufzutreten. Er \u00fcbertrug diese Aufgabe dem Reichs- und preu\u00dfischen Minister des Innern Dr. Wilhelm Frick (1877-1946). Und Frick befahl einen feierlichen Staatsakt, &#8222;der der Bedeutung dieser Neuordnung im Einheitsreich gerecht wird&#8220;.<\/p>\n<p>An der Trave wurde emsig vorbereitet &#8211; sollten doch die NSDAP-Spitzenm\u00e4nner der Provinz Schleswig-Holstein allesamt geehrt, beschenkt oder bef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>So begab sich denn u. a. der Pr\u00e4sident des L\u00fcbecker Senats, der B\u00fcrgermeister Dr. med. dent. Otto-Heinrich Drechsler (1895-1945), ins hiesige St.-Annen-Museum, um die Nachbildung einer Hansekogge zu begutachten. Dieselbe wollte er dann zwei Tage sp\u00e4ter seinem um ein Jahr j\u00fcngeren zuk\u00fcnftigen Chef, dem Oberpr\u00e4sidenten und Gauleiter von Schleswig-Holstein, Hinrich Lohse (1896-1964), anl\u00e4\u00dflich des Staatsaktes als Ehrengeschenk \u00fcberreichen.<\/p>\n<p>In Tag- und Nacht-Arbeit wurde das Pr\u00e4sent restauriert und \u00fcbergabefertig gemacht. Die Stadtkasse \u00fcberwies sp\u00e4ter f\u00fcr \u00dcberholung und Beschaffung eines Ersatz-Modells dem St.-Annen-Museum den Betrag von 200,- RM.<\/p>\n<p>Am Mittwoch, dem 31. M\u00e4rz, fand um 12.30 Uhr die letzte Sitzung des Senats der Freien und Hansestadt L\u00fcbeck in der Kriegsstube des Rathauses statt. Drau\u00dfen war ein Doppelposten der Schutzpolizei aufgezogen. Drinnen, in der Kriegsstube, sa\u00dfen 13 M\u00e4nner &#8211; die Parteiuniformen mit der Hakenkreuzbinde \u00fcberwogen.<\/p>\n<p>Der ehemalige Zahnarzt Drechsler aus Schwerin ernannte Hermann G\u00f6ring zum Ehrenb\u00fcrger der Freien und Hansestadt L\u00fcbeck; dem Dr. Frick war dasselbe bereits drei Wochen zuvor, anl\u00e4sslich seines 60. Geburtstags, widerfahren; G\u00f6ring ernannte Otto-Heinrich Drechsler zum Preu\u00dfischen Staatsrat. Drechsler ernannte den Dr. B\u00f6hmcker zum Ersten Beigeordneten der Hansestadt L\u00fcbeck &#8211; mit der Berechtigung, die Amtsbezeichnung &#8222;B\u00fcrgermeister&#8220; zu f\u00fchren. . .<\/p>\n<p>Jedenfalls wurden um 18.30 Uhr die Reichsdienstflaggen in L\u00fcbeck feierlich eingeholt und zwei Stunden sp\u00e4ter der Kreis L\u00fcbeck der NSDAP durch den Gauleiter von Mecklenburg-L\u00fcbeck, den Reichsstatthalter Friedrich Hildebrandt (1898-1948), ebenso feierlich an Hinrich Lohse \u00fcbergeben.<\/p>\n<p>Der 1. April 1937 war ein grauer, gelegentlich regnerischer Tag. Vor dem Rathausportal hisste man um 8 Uhr die Reichs- und Nationalflagge neben der l\u00fcbeckischen Fahne. Um 11.25 Uhr traf Wilhelm Frick auf dem Hauptbahnhof ein. Im offenen Wagen fuhr man ihn durch die Holstenstra\u00dfe, die tags zuvor vom Bauamt mit Hakenkreuz- und wei\u00df &#8211; roten l\u00fcbeckischen Fahnen geschm\u00fcckt worden war.<\/p>\n<p>Um 12 Uhr begann der Festakt im Audienzsaal des Rathauses: vor 210 geladenen G\u00e4sten und mit Rienzi-Ouvert\u00fcre am Anfang, Deutschland- und Horst-Wessel-Lied am Ende. Der Reichssender Hamburg \u00fcbertrug live. Die St\u00e4dtischen Werke mu\u00dften ihre Lautsprecheranlagen kostenlos zur Verf\u00fcgung stellen, um den Staatsakt auf den Markt und die Breite Stra\u00dfe zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Otto-Heinrich Drechsler war nun erster &#8222;Oberb\u00fcrgermeister des preu\u00dfischen Stadtkreises Hansestadt L\u00fcbeck&#8220;, der am 1. April 1937 genau 144.100 Einwohner z\u00e4hlte. Am gleichen Tag wurden auch alle anderen l\u00fcbeckischen Staats-lnstanzen \u00fcbergeleitet. Das Landgericht L\u00fcbeck z. B., es wurde in den Bezirk des Oberlandesgerichts Kiel \u00fcbernommen. Und zur \u00dcbernahme war Dr. Roland Freisler (1893-1945), Staatssekret\u00e4r im Reichsjustizministerium, nach L\u00fcbeck gekommen.<\/p>\n<p>Nachdem Wilhelm Frick von 17 bis 18 Uhr rasch auch noch in Eutin die \u00dcbernahme auf Preu\u00dfen durchgef\u00fchrt hatte, fand um 20.30 Uhr eine Massenkundgebung auf dem L\u00fcbecker Markt statt &#8211; mit Fackelzug, allen Partei-Formationen und v\u00f6lkischer Rede, versteht sich. Die St\u00e4dtischen Werke waren verpflichtet worden, in der Zeit von 20 bis 23 Uhr die Marienkirche taghell anzustrahlen. Um 22.50 Uhr hatte Frick die Hansestadt wieder verlassen.<\/p>\n<p>Der seit dem 24. April 1933 als Gesandter und Beauftragter des Senats bei der Reichs- und Preu\u00dfischen Staatsregierung in Berlin t\u00e4tige Dipl.-Ing. chem. Werner Daitz (1884-1945) zog sich am \u00dcberleitungstag in L\u00fcbeck eine Erk\u00e4ltung zu, erkrankte an Kopfgrippe und reiste am 19. April zur Nachkur an den Lido und nach Dubrovnik. Reichsamtsleiter (der NSDAP) Daitz residierte anschlie\u00dfend als Leiter der &#8222;Verbindungsstelle f\u00fcr die Provinz Schleswig-Holstein in Berlin&#8220; &#8211; dazu war die L\u00fcbecker Vertretung seit 1. April 1937 aufgewertet worden -, nach wie vor im L\u00fcbecker Gesandtschaftsgeb\u00e4ude (Berlin W 35, Tiergartenstra\u00dfe 13), das erst zum 1. April 1938 an Preu\u00dfen \u00fcberging.<\/p>\n<p>So war nun L\u00fcbeck ganz und gar preu\u00dfisch geworden: hatte seine Selbst\u00e4ndigkeit verloren und seine 19 Landgemeinden mit insgesamt 3.440 Einwohnern, hatte 2. 821,17 RM f\u00fcr Repr\u00e4sentationskosten w\u00e4hrend der \u00dcberleitungsfeierlichkeiten aufwenden m\u00fcssen, was noch auf das Rechnungsjahr 1936 verbucht wurde &#8211; aber Preu\u00dfen \u00fcbernahm auch zwei Drittel der l\u00fcbeckischen Staatsschulden.<\/p>\n<p>\nhier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-6537","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6537","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6537"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6537\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6537"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6537"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6537"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}