{"id":6595,"date":"2008-06-28T23:49:23","date_gmt":"2008-06-28T23:49:23","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=6495"},"modified":"2008-06-28T23:49:23","modified_gmt":"2008-06-28T23:49:23","slug":"dr_phil_peter_guttkuhn_zu_dr_jur_leo_landau__rechtsanwalt_zwischen_lbeck_und_erezisrael","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_phil_peter_guttkuhn_zu_dr_jur_leo_landau__rechtsanwalt_zwischen_lbeck_und_erezisrael\/","title":{"rendered":"Dr. phil. Peter Guttkuhn zu Dr. jur. Leo Landau &#8211; Rechtsanwalt zwischen L\u00fcbeck und Erez\/Israel"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.-Guttkuhn\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.-Guttkuhn.jpg\" alt=\"Dr.-Guttkuhn\" \/><br \/>\nAuch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historiker Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; fort. Heute: Dr. phil. Peter Guttkuhns Publikation &#8222;Dr. jur. Leo Landau (1880-1960)- Rechtsanwalt zwischen L\u00fcbeck und Erez Israel&#8220;.<\/p>\n<p>Foto (RB): Dr. Peter Guttkuhn<br \/>\n<!--more-->Dr. jur. Leo Landau (1880-1960): Rechtsanwalt zwischen L\u00fcbeck und Erez Israel<br \/>\nDr. Peter Guttkuhn, Privatgelehrter und Historiker<\/p>\n<p>Geboren wurde Leo Landau am 13. September 1880 als einziges Kind des Kaufmanns Gustav Landau und dessen Ehefrau Flora geb. Baer in der elterlichen Wohnung: New York City, 166 Allen Street, im s\u00fcdlichen Manhattan; dort fand zehn Tage sp\u00e4ter auch seine Beschneidung statt. Der Vater erwarb f\u00fcr die kleine Familie die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft, zog im April 1887 in die freie und Hansestadt L\u00fcbeck, verdiente im Bank- und Lotterie-Gesch\u00e4ft gutes Geld und wurde 1895 B\u00fcrger des Freistaats. <\/p>\n<p>Derweil absolvierte Sohn Leo eine z\u00fcgige Schullaufbahn: besuchte die Vorschule des L\u00fcbecker Katharineums, trat Ostern 1890 in die Sexta des Gymnasiums ein, wurde vier Jahre sp\u00e4ter in die Untertertia versetzt und verlie\u00df Ende M\u00e4rz 1900 &#8211; nach bestandener Reifepr\u00fcfung &#8211; die Schule, um in Lausanne Philosophie, Literatur und Kunst des klassischen Altertums zu studieren. Zum Wintersemester 1900\/01 bezog er &#8211; bis Ostern 1902 &#8211; die Universit\u00e4t Berlin, wo er zur juristischen Fakult\u00e4t wechselte. Daneben besch\u00e4ftigte er sich mit National\u00f6konomie, Geschichte, Literatur und forensischer Psychiatrie. Zum Sommersemester 1902 ging er nach Kiel und bestand am 23. Januar 1904 die erste juristische Pr\u00fcfung. <\/p>\n<p>Der Senat der Hansestadt L\u00fcbeck ernannte ihn daraufhin zum Referendar, Leo Landau begann den Vorbereitungsdienst am Landgericht L\u00fcbeck. Parallel dazu betrieb er an der Universit\u00e4t Rostock seine Promotion zum Dr. jur., die er 1904 erfolgreich abschlo\u00df: &#8222;Liegt im \u00a7 389 des B\u00fcrgerlichen Gesetzbuches eine Abweichung vom gemeinen Rechte?&#8220; So das Thema seiner Dissertation.<\/p>\n<p>&#8222;Schon fr\u00fchzeitig lernte ich die zionistische Idee kennen&#8220;, schreibt Leo Landau in seinen unver\u00f6ffentlichten Memoiren. &#8222;Als ich noch Obersekundaner war, kam Ostern 1897 ein Student aus Wien von der im M\u00e4rz 1883 gegr\u00fcndeten ersten j\u00fcdisch-akademischen Verbindung &#8222;Kadimah&#8216; zu Besuch nach L\u00fcbeck, mit Namen Carl Grenzer. Er erz\u00e4hlte meinem Vater und mir, dass in Wien ein Schriftsteller Theodor Herzl eine Brosch\u00fcre &#8222;Der Judenstaat&#8216; geschrieben habe und Pr\u00e4sident einer j\u00fcdischen Renaissancebewegung sei, die eine j\u00fcdische Heimst\u00e4tte in Pal\u00e4stina erstrebe. <\/p>\n<p>Der Erste Zionistische Weltkongre\u00df finde im August in Basel statt, und jeder Jude, der diese Bestrebungen teile, sei verpflichtet, einen Schekel zu erwerben, der ihn zum Mitglied der zionistischen Bewegung mache und ihm das Wahlrecht zum Kongre\u00df gebe. Er berichtete uns so eindrucksvoll und begeistert von den zionistischen Zielen, der Arbeit und den Erfolgen, dass mein Vater und ich gespannt zuh\u00f6rten und schlie\u00dflich beide den Schekel aus seinem Schekelblock kauften. <\/p>\n<p>Lange kamen dann keine Nachrichten mehr \u00fcber den Zionismus zu uns nach L\u00fcbeck. Die Zeitungen, auch die j\u00fcdischen, schwiegen sich \u00fcber ihn aus, und so h\u00f6rte ich erst wieder als Student davon. Doch nachdem 1902 in L\u00fcbeck eine zionistische Ortsgruppe unter dem dynamischen Einflu\u00df unseres Hamburger Freundes Dr. med. Ernst Kalmus [1864-1959], eines Neurologen, gegr\u00fcndet wurde &#8211; der als Assistenzarzt nach L\u00fcbeck gekommen war -, trat ich sofort bei und begann intensiv mitzuarbeiten. Das Gleiche tat Frl. Charlotte M\u00fchsam. Wir tauschten oft unsere Gedanken aus und \u00fcbernahmen gemeinsam die Leitung der zionistischen Bibliothek und Lesehalle, die uns allw\u00f6chentlich zusammenf\u00fchrte&#8220;.<\/p>\n<p>Mit dem L\u00fcbecker Arzt Dr. Ephraim Adler (1855-1910), einem pers\u00f6nlichen Freund Theodor Herzls, gr\u00fcndete Landau am 10. April 1904 in der Hansestadt die 62. Esra-Loge Deutschlands. Die Loge erstrebte eine St\u00e4rkung des j\u00fcdischen Selbstbewusstseins und die geistig-sittliche Veredelung ihrer Mitglieder, denen sie die Bet\u00e4tigung reinster Menschenliebe und einen makellosen Lebenswandel zur Pflicht machte. Landau amtierte mehrmals als Pr\u00e4sident der Esra-Loge und wurde 1912 als Ex-Pr\u00e4sident zum Mitglied der Gro\u00dfloge f\u00fcr Deutschland ernannt.<\/p>\n<p>Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg bestand Dr. Landau am 15. Januar 1908 die zweite juristische Pr\u00fcfung, wurde vom L\u00fcbecker Senat zur Rechtsanwaltschaft zugelassen, er\u00f6ffnete am 1. April eine eigene Kanzlei und heiratete seine Verlobte Charlotte M\u00fchsam (1881-1972), eine Tochter des Apothekers (St.-Lorenz-Apotheke), Literaten und einflussreichen nationalkonservativen B\u00fcrgerschaftsabgeordneten Siegfried Seligmann M\u00fchsam (1838-1915). <\/p>\n<p>Die Trauung fand am 20. Dezember 1908 statt, in der L\u00fcbecker Synagoge, nach orthodoxem Ritus, unter Leitung des ber\u00fchmten Gemeinde-Rabbiners Dr. Salomon Carlebach (1845-1919). Gefeiert wurde im Schabbelhaus. Neben einer \u00fcberaus reichhaltigen Brautausstattung \u00fcbergab der Schwiegervater die Mitgift: 60.000 Goldmark. Die Landaus f\u00fchrten einen rituellen Haushalt, ein traditionell-j\u00fcdisches Haus aus national-j\u00fcdischen Gr\u00fcnden. <\/p>\n<p>Drei Kinder wurden ihnen geboren: Gustav (1909-2004), sp\u00e4ter Bauingenieur, der Stammhalter, der die 19. Generation der  Familie (aus Landau in der Pfalz) sicherte, Hans Theodor (1912-2005), sp\u00e4ter Klassischer Philologe sowie Arch\u00e4ologe und Eva (geb. 1914), verehelichte Joel, sp\u00e4ter Lehrerin. F\u00fcr             M. 24.000 hatten Charlotte und Leo Landau 1911 ein Acht-Zimmer-Haus, Moislinger Allee 20 a, in der Nachbarschaft des (Schwieger-)Vaters erworben. Dr. Landau wurde am 9. Juli 1912 als Notar vereidigt. Es war der Tag der Beschneidungs-Feier seines zweiten Sohnes. Pl\u00f6tzlich, inmitten der Ansprache des Rabbiners, lief die gesamte Festgesellschaft auf den Balkon des Hauses &#8211; um den Grafen v. Zeppelin, der mit seinem Luftschiff \u00fcber L\u00fcbeck flog, zu bestaunen. <\/p>\n<p>&#8222;Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde mir als Rechtsberater der chemischen Fabrik &#8222;Wilhelmsh\u00f6he&#8220; W. Th. Wengenroth, Schwartauer Allee 194, eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe zuteil&#8220;, erinnerte Leo Landau, der sich u. a. auch als Organisator und Sanierer bewies. &#8222;Diese Firma, deren Anwalt ich seit zwei Jahren war, geriet infolge der Zeitverh\u00e4ltnisse in Zahlungsstockung. Da nach einem Notstandsgesetz in derartigen F\u00e4llen der Konkurs durch die Einf\u00fchrung einer Gesch\u00e4ftsaufsicht vermieden werden konnte, beantragte ich beim L\u00fcbecker Amtsgericht die Einf\u00fchrung einer solchen Aufsicht. Sie wurde meinem Antrag entsprechend bewilligt und ich mit der F\u00fchrung der Gesch\u00e4ftsaufsicht betraut. Da der Inhaber der Firma als Offizier ins Feld r\u00fccken musste, w\u00e4hrend sein Prokurist, Wilhelm A. J\u00f6llenbeck, und ich nur &#8222;garnisonsverwendungsf\u00e4hig'&#8220;waren, ich au\u00dferdem vom Landgerichtspr\u00e4sidenten &#8222;im Interesse der Rechtspflege&#8220; reklamiert wurde, zumal drei ins Heer gezogene Kollegen mir die Wahrung ihrer Praxis anvertraut hatten und au\u00dferdem Mangel an Anw\u00e4lten bestand, f\u00fchrten J\u00f6llenbeck und ich den Betrieb weiter. Meine Aufgabe war dabei, von den Kriegs\u00e4mtern in Berlin die zur Fabrikation erforderlichen Rohstoffe zu beschaffen und den ordnungsm\u00e4\u00dfigen Gang der Gesch\u00e4fte zu beaufsichtigen. J\u00f6llenbeck war ein ungemein t\u00fcchtiger und umsichtiger Kaufmann; wir beide waren vorsichtige Leute und hatten eine gl\u00fcckliche Hand in der Betriebsf\u00fchrung. Es gelang uns &#8211; trotz der durch den Krieg hervorgerufenen Schwierigkeiten &#8211; die Fabrikation nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern auch auszubauen, zu konsolidieren und mit gutem Gewinn arbeiten zu lassen, so dass nach Beendigung des Krieges alle Gl\u00e4ubiger ihre Forderungen mit Zinsen voll zur\u00fcckgezahlt erhalten hatten und die Fabrik ein bl\u00fchendes Unternehmen geworden war. Als Fritz Wengenroth aus dem Kriege heimkehrte, nahm er J\u00f6llenbeck als Mitinhaber, Teilhaber, und mich als Syndikus und stillen Gesellschafter in die Firma auf&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Landau war seit 1902 mehrfach Vorsitzender der L\u00fcbecker zionistischen Ortsgruppe, nahm teil an zahlreichen europ\u00e4ischen Delegiertentagungen und seit 1905 auch an mehreren zionistischen Kongressen. Fr\u00fchzeitig widmete er sich der ehrenamtlichen T\u00e4tigkeit in der neo-orthodoxen L\u00fcbecker Einheitsgemeinde. Seit 1910 geh\u00f6rte er deren Vorstand an, von 1916 bis zu seinem Fortgang, 1933, als jeweils gew\u00e4hlter Vorsitzender (\u00c4ltester\/Pr\u00e4ses).<\/p>\n<p>Politisch war er von Hause aus konservativ-b\u00fcrgerlich eingestellt, jedoch wandten sich seine Sympathien in der Weimarer Zeit immer mehr den sozialistischen Lehren zu, ohne dass er deren Parteien zu folgen vermochte, die ihm wegen ihrer Lohn- und Arbeitspolitik die Wirtschaft oft zu gef\u00e4hrden schienen. Er blieb daher parteilos.<\/p>\n<p>Noch als 70-J\u00e4hriger gedachte der Jurist Landau einer einzigartigen T\u00e4tigkeit, die er seit 1912 aus\u00fcbte: &#8222;In guter Erinnerung habe ich meine Besch\u00e4ftigung als juristischer Berater der gro\u00dfen r\u00f6misch-katholischen Gemeinde in L\u00fcbeck, die mir eine Generalvollmacht des Bischofs von Osnabr\u00fcck [Dr. Wilhelm Berning, 1877-1955], der sie unterstand, anvertraute. Es geschah manchmal, dass ich aus einer Sitzung, die ich als Pr\u00e4ses der j\u00fcdischen Gemeinde leitete, an einer Sitzung des Vorstands der katholischen Gemeinde teilzunehmen hatte, mit deren Pfarrer und Gemeindevorstands-Vorsitzenden [Pastor\/Dechant Albert B\u00fcltel, 1887-1954], einem klugen und gebildeten Mann, ich seit 1925 in gutem Einvernehmen stand. Auch meine T\u00e4tigkeit als Notar der Reichsbank machte mir Freude&#8220;.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1924 reiste der Zionist Landau erstmals nach Pal\u00e4stina, um sich ein eigenes Urteil \u00fcber das Land zu bilden, f\u00fcr dessen Wiederaufbau als Heimst\u00e4tte des j\u00fcdischen Volkes er von Jugend an mitgearbeitet hatte. In Haifa kaufte er ein unbebautes Grundst\u00fcck am Berg Karmel. Ein Jahr sp\u00e4ter wiederholte er den vierw\u00f6chigen Besuch, diesmal gemeinsam mit seiner Frau. Sie fuhren von Triest \u00fcber Alexandria und Kairo auf dem Landweg nach Jerusalem, erlebten den faszinierenden Orient und die Gro\u00dfartigkeit der W\u00fcste, genossen die Sch\u00f6nheit des Landes, kn\u00fcpften zahllose Kontakte mit zionistischen Pionieren aus aller Welt und pr\u00fcften die Aussichten einer sofortigen \u00dcbersiedlung. Wegen der in Deutschland besseren Ausbildungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr ihre Kinder entschieden sie sich vorerst gegen Erez Israel. &#8222;Da\u00df uns einmal das aus sentimentalen Gr\u00fcnden in Haifa erworbene St\u00fcckchen Erde die Grundlage unserer Existenz sein w\u00fcrde, konnten wir damals nicht ahnen&#8220;, res\u00fcmierte Charlotte Landau-M\u00fchsam 25 Jahre sp\u00e4ter. <\/p>\n<p>Der gesuchte und beliebte RA Dr. Landau hatte die weitaus gr\u00f6\u00dfte j\u00fcdische Klientel aller L\u00fcbecker Notare, und au\u00dferhalb seiner Glaubensgenossen stand der viel besch\u00e4ftigte Mann auf Grund \u00fcberragender F\u00e4higkeiten in hohem Ansehen. F\u00fcr 30.000 RM erwarben die Landaus 1928 ein Haus der Empirezeit: in der Vorstadt St. J\u00fcrgen, Kronsforder Allee Nr. 10, ein Meisterwerk der Architektur, einen ehemals patrizischen Sommersitz mit zehn Zimmern, gro\u00dfem Garten und altem Obstbaumbestand.<\/p>\n<p>Nach dem 30. Januar 1933 wurde die politische Atmosph\u00e4re f\u00fcr bewusste Juden wie das Ehepaar Landau unertr\u00e4glich. Es begann seine Emigration vorzubereiten, bezahlte beim L\u00fcbecker Finanzamt die bereits 1931 eingef\u00fchrte &#8222;Reichsfluchtsteuer&#8220; in H\u00f6he von RM 5.000,-. Ende Februar fand eine Durchsuchung der Synagoge durch NS-Funktion\u00e4re statt, nachdem der Sohn eines fr\u00fcheren Kastellans die j\u00fcdische Gemeinde denunziert hatte. Mit dem 6. M\u00e4rz begann in L\u00fcbeck die unumschr\u00e4nkte, alleinige Gewaltherrschaft der Hitler-Partei. Zehn Tage sp\u00e4ter fertigte Landau seine letzte notarielle Beurkundung aus.<\/p>\n<p>Der Antisemit Julius Streicher hatte im gesamten Deutschen Reich f\u00fcr Sonnabend, den 1. April 1933, eine sowohl im In- als auch Ausland Aufsehen erregende Aktion organisiert, die er &#8222;Judenboykott&#8220; nannte. Vor s\u00e4mtlichen j\u00fcdischen Gesch\u00e4ften, Arzt- und Anwaltspraxen zogen SA-M\u00e4nner mit antisemitischen Schildern und Plakaten auf und hinderten alle &#8222;Arier&#8220; am Betreten der &#8222;Judenlokale&#8220;. Dr. Leo <br \/>\nLandau, der einen &#8222;arischen&#8220; Sozius hatte, wollte an diesem Tag sein 25-j\u00e4hriges Anwaltsjubil\u00e4um begehen, betrat jedoch das belagerte B\u00fcro &#8211; Wahmstra\u00dfe Nr. 1 &#8211; nie wieder, nahm vielmehr zu Hause telefonisch die Gl\u00fcckw\u00fcnsche und emp\u00f6rten \u00c4u\u00dferungen von Klienten, Richtern, Anw\u00e4lten und Freunden entgegen und gab ihnen allen seinen Beschlu\u00df auszuwandern bekannt.<\/p>\n<p>Die hektischen Stunden und kaum \u00fcberschaubaren Entscheidungen im Hause Landau fasste der Anwalt sp\u00e4ter zusammen: <\/p>\n<p>&#8222;Als wir am 3. April abends vor dem Schlafengehen zwischen den Gep\u00e4ckst\u00fccken standen und unsere Habseligkeiten kontrollierten, sagte ich zu meiner Frau: &#8222;Fahre Du mit Mutter und den Kindern voraus. La\u00df&#8216; mich noch kurze Zeit zur Abwicklung meiner Praxis und unserer Verm\u00f6gensangelegenheiten hier bleiben.&#8220; Oder: &#8222;Lass&#8216; uns erst in einigen Tagen gemeinsam fahren&#8216;. Charlotte antwortete mir ohne Z\u00f6gern: &#8222;Jetzt oder nie! Wenn wir nicht sofort gemeinsam fahren, wird es wahrscheinlich zu sp\u00e4t sein&#8216;. Ich musste ihr Recht geben und f\u00fcgte mich schweren Herzens ihrer Einsicht.<\/p>\n<p>Am 4. April 1933 verlie\u00dfen wir L\u00fcbeck. An jenem Tag titelte die in Berlin erscheinende &#8222;J\u00fcdische Rundschau&#8220; mit dem ber\u00fchmten Aufruf &#8222;Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck!&#8216; Meiner 78-j\u00e4hrigen Mutter hatten wir erst am Tage zuvor von unserem Entschlu\u00df Kenntnis gegeben. Sie willigte sofort ein, mit uns zu kommen, und so fuhren wir mit ihr, Hans und Eva ins Ungewisse, w\u00e4hrend Gustav, der vor dem Examen stand, erst im Oktober mit seiner Braut, Hannah Stein, und deren Bruder Alexander nachfolgten. Der Abschied von der alten Heimat, unserem sch\u00f6nen Haus, in dem wir gl\u00fcckliche Jahre verlebt hatten, von unseren Freunden, der j\u00fcdischen Gemeinde und allem, woran wir mit ganzem Herzen hingen, wurde bitterschwer. Aber wir f\u00fcgten uns unverzagt der schicksalhaften Notwendigkeit, und da wir als bewusste Zionisten ein festes Ziel hatten, fuhren wir mit Wagemut der neuen Heimat entgegen&#8220;. Am 17. April landeten sie in Haifa; ihr neues Leben begann.<\/p>\n<p>Sein L\u00fcbecker Sozius, der Rechtsanwalt und Notar Dr. jur. Ludwig Roeper, verkaufte als Generalbevollm\u00e4chtigter Dr. Landaus am 2. Mai dessen (Sommer-) Grundst\u00fcck in Niendorf \/ Ostsee, Strandstra\u00dfe 59 a, f\u00fcr RM 10.000,-. Und w\u00e4hrend Landau in Haifa mit einem ortsans\u00e4ssigen Anwalt eine B\u00fcrogemeinschaft schlo\u00df, sich als Wirtschaftsberater rasch Vertrauen erwarb, einen Verein &#8211;     &#8222;Agudath Achim&#8220; &#8211; gr\u00fcndete, in dem sich deutschsprachige Einwanderer &#8211;   &#8222;Jeckes&#8220; &#8211; sammelten, denen er jede nur m\u00f6gliche Hilfe zuteil werden lie\u00df, kam es in L\u00fcbeck zu einer bis dahin nicht erlebten Verschleuderungs-Aktion j\u00fcdischen Eigentums (&#8222;Arisierung&#8220;), bei der zahlreiche &#8222;Volksgenossen&#8220; ein Schn\u00e4ppchen machten. Es gelangte n\u00e4mlich der Hausrat der Landaus am 20. Juni 1933 unter den Hammer des Auktionators Koch in der Marlesgrube. Charlottes Persianermantel wurde f\u00fcr RM 65,- abgegeben, das komplette Esszimmer, Eiche, zehn Lederst\u00fchle usw. f\u00fcr RM 200,-, geschliffene Kristallgl\u00e4ser f\u00fcr RM 1,- bis 3,60, ein Beisetztisch f\u00fcr 50 Pfennige&#8230; <\/p>\n<p>Am 29. Juni 1933 schickte Landau, formvollendet, gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig und selbstbewusst, aus Haifa einen letzten Brief nach L\u00fcbeck: &#8222;An Einen Hohen Senat der Freien und Hansestadt L\u00fcbeck. Ich teile mit, da\u00df ich meinen Wohnsitz in L\u00fcbeck aufgegeben habe. Ich lege daher hiermit mein Amt als Notar nieder. Eines Hohen Senats ergebener gez. Dr. Landau&#8220;. Zuvor war er vom Vorstand der Hanseatischen Anwaltskammer in Hamburg aus der Anwaltsliste gestrichen worden. Der 52-j\u00e4hrige Landau hatte mit dem nazistischen L\u00fcbeck und Deutschland abgeschlossen: &#8222;Wir haben durch unseren schnellen Entschlu\u00df unser und unserer Angeh\u00f6rigen Leben und von unserem Besitz wenigstens so viel gerettet, dass wir in Erez Israel zwar bescheidene, aber ausreichende Mittel zur Gr\u00fcndung einer neuen Heimat zur Verf\u00fcgung hatten&#8220;.<\/p>\n<p>Dr. jur. Leo Landau starb gegen Ende eines Erholungsurlaubs am 19. September 1960 in Kloten, Kanton Z\u00fcrich, in der Schweiz, sechs Tage nach seinem 80. Geburtstag. Er wurde in Haifa \/ Israel beigesetzt.<\/p>\n<p>\nhier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historiker Dr. Peter Guttkuhn<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-6595","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6595","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6595"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6595\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6595"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6595"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6595"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}