{"id":66948,"date":"2012-03-23T13:07:35","date_gmt":"2012-03-23T12:07:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/?p=66948"},"modified":"2012-03-23T13:07:35","modified_gmt":"2012-03-23T12:07:35","slug":"1-april-1937-der-staat-lubeck-endet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/1-april-1937-der-staat-lubeck-endet\/","title":{"rendered":"1. April 1937: Der Staat L\u00fcbeck endet"},"content":{"rendered":"<p>Eine Rache Hitlers f\u00fcr ein Redeverbot in der Hansestadt?<\/p>\n<p>Mit dem Gro\u00df-Hamburg-Gesetz ging L\u00fcbeck zum 1. April 1937 in Schleswig-Holstein auf. Eine Tagung im Audienzsaal des L\u00fcbecker Rathauses am Sonnabend, 31. M\u00e4rz, soll an das Ende der Eigenstaatlichkeit vor 75 Jahren erinnern. Nachgegangen wird dabei auch der Frage, wie es L\u00fcbeck gelang, einen Auftritt Hitlers in der Hansestadt zu verhindern. Das Archiv der Hansestadt L\u00fcbeck hat dazu einige Fakten zusammengestellt:<!--more--><\/p>\n<p>\u201eAdolf Hitler kommt nach L\u00fcbeck\u201c, so verk\u00fcndet es die \u00f6rtliche NSDAP-Kreisleitung Mitte Oktober 1932 in der \u201eFlora\u201c unter tosendem Beifall der versammelten Nationalsozialisten. Am Mittwoch, den 26. Oktober will der \u201eF\u00fchrer\u201c, dessen Partei bei den letzten Wahlen gro\u00dfe Erfolge erzielt hat, in die Hansestadt kommen. Wegen des starken Arbeiterlagers gilt L\u00fcbeck als \u201erote Hochburg\u201c und Hitler will seinen Gefolgsleuten, die es hier schwerer haben als im \u00fcbrigen Schleswig-Holstein, offenbar den R\u00fccken f\u00fcr die kommende Reichstagswahl st\u00e4rken. Tausende von Zuh\u00f6rern werden erwartet, Sonderz\u00fcge und Sonderfahrten aus dem n\u00e4heren und weiteren Umland sollen organisiert werden. Einzig einen geeigneten Versammlungsplatz m\u00fcssen die \u00f6rtlichen NS-Funktion\u00e4re noch finden.<\/p>\n<p>Doch zu dem gro\u00df angek\u00fcndigten Auftritt in der Hansestadt kommt es nicht. Stattdessen spricht Hitler am 26. Oktober 1932 auf dem Riesebusch im benachbarten Schwartau. Die Zahlen differieren, 20.000 bis 40.000 Zuh\u00f6rer sollen es gewesen sein, die im gro\u00dfen Zelt seiner halbst\u00fcndigen Rede lauschen. \u201eAbgespannt\u201c und wenig bei Stimme habe er gewirkt, so schildert ihn der Berichterstatter des NSDAP-freundlichen \u201eL\u00fcbecker General-Anzeigers\u201c am n\u00e4chsten Tag. Seiner propagandistischen Verf\u00fchrungsrede tut das keinen Abbruch.<\/p>\n<p>Die Zeitung druckt Teile der Hitler-Rede ab, in der er wieder einmal die Weimarer Demokratie verunglimpft hat und antisemitisch hetzt. Am Herzen liegen ihm dagegen Arbeiterschaft und Bauern, um die er besonders umwirbt und ihnen eine goldene Zukunft unter nationalsozialistischer F\u00fchrung verspricht. Die vielen von der Politik- und Wirtschaftskrise gebeutelten Menschen, darunter sicher viele Arbeitslose, h\u00f6ren ihm gl\u00e4ubig zu. Die Rede wird immer wieder von \u201eHeil\u201c-Rufen unterbrochen. Was die Zuh\u00f6rer \u00fcberh\u00f6ren oder \u00fcberh\u00f6ren wollen: Die Drohungen des Diktators in spe gegen Rechtsstaat und Demokratie.<\/p>\n<p>Warum trat Hitler nicht wie geplant in L\u00fcbeck auf? Um diese Episode ranken sich bis heute Ger\u00fcchte und Legenden. Die eine besagt, dem \u201eF\u00fchrer\u201c sei der Redeauftritt in der Hansestadt vors\u00e4tzlich unm\u00f6glich gemacht worden, weil das \u201erote L\u00fcbeck\u201c ihn nicht wollte. Der SPD gef\u00fchrte Senat unter B\u00fcrgermeister L\u00f6wigt und Polizeisenator Mehrlein sollen den Auftritt mutwillig verhindert haben. Damit im Zusammenhang steht ein zweites Ger\u00fccht: Hitler ver\u00fcbelte der Hansestadt den verhinderten Redeauftritt so sehr, dass er f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter die Aufhebung der \u00fcber 700 Jahre alten staatlichen Selbst\u00e4ndigkeit der Hansestadt befahl. Was ist dran an den beiden Erz\u00e4hlungen?<\/p>\n<p>Man muss hier zwischen dem wahren Kern und der von den Nationalsozialisten gestreuten Legende unterscheiden. In der Tat haben Vertreter der NSDAP seit Mitte September 1932 Verhandlungen mit der Stadt gef\u00fchrt, um einen Versammlungsplatz f\u00fcr den Hitler-Auftritt zu finden. Die Stadt schlug sogleich den Buniamshof und den Schaustellerplatz zu den allgemein \u00fcblichen Sicherheitsbedingungen und Geb\u00fchren vor. Doch die waren der Partei zu hoch bzw. zu teuer. Auch den vom Polizeiamt geforderten Zeltbau f\u00fcr die Versammlung lehnte sie ab (sie tat genau dies aber sp\u00e4ter in Schwartau). Stattdessen machten die \u00f6rtlichen NSDAP-Vertreter abenteuerliche Vorschl\u00e4ge f\u00fcr den Ort der Rede, darunter zwei Holzlagerschuppen im Hafen. Polizeiamt und die fragliche Firma lehnten aber wegen der gro\u00dfen Brandgefahr dort ab.<\/p>\n<p>So vertaten die Nationalsozialisten die ohnehin knappe Zeit. Um aus der durch Desorganisation selbst verschuldeten Lage herauszukommen, half kurz vor der Hitler-Reise dann nur noch die Verlegung des Versammlungsorts nach Schwartau auf den Riesebusch. Dort lie\u00dfen sie ein gro\u00dfes Zelt aufstellen, etwas, was sie in L\u00fcbeck abgelehnt hatten.<\/p>\n<p>Sicherlich war der SPD-gef\u00fchrte Senat alles andere als erfreut, die Hauptfigur der rechten Krawallmacher und Republikgegner in der Stadt auftreten zu lassen. Vielleicht hat man auch die Sicherheitsauflagen f\u00fcr die beantragte Versammlung weit ausgelegt, zu belegen ist dies aber nicht. Die f\u00fcr die Versammlung verlangten Geb\u00fchren entsprachen den allgemein \u00fcblichen Bedingungen, wie die damaligen Polizeibeiratsprotokolle im Archiv der Hansestadt belegen. Im zust\u00e4ndigen Polizeibeirat votierte allein Sozialdemokrat Otto Passarge f\u00fcr ein vollst\u00e4ndiges Verbot der Hitler-Rede, die Mehrheit des Gremiums mit Polizeisenator Mehrlein, Vertretern der Verwaltung und B\u00fcrgerschaft, \u00fcberstimmte ihn jedoch. Man wolle nicht den Eindruck erwecken, so hei\u00dft es im Protokoll, \u201eals wenn man unter allen Umst\u00e4nden die Kundgebung in L\u00fcbeck verhindern wolle. Man solle sie vielmehr zulassen\u201c. Das war die Haltung echter Demokraten und verfassungstreuer Politiker, die nicht wissen konnten, was wir heute wissen: Ein r\u00fccksichtsloser Feind der Demokratie w\u00fcrde bald Recht und Gesetz au\u00dfer Kraft setzen.<\/p>\n<p>Das Ende des L\u00fcbecker Staats 1937 war nicht die Rache Hitlers f\u00fcr das angebliche Redeverbot im Oktober 1932. Dahinter standen ganz andere Gr\u00fcnde, vor allem ein Kompensationsgesch\u00e4ft mit Staatsgebieten zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein. Wer mehr wissen will: Auf der \u00f6ffentlichen Tagung am 31. M\u00e4rz im Rathaus besteht dazu die Gelegenheit! Das Programm: http:\/\/archiv.luebeck.de\/files\/1937_-_Vom_Staat_zur_Stadt_Programm.pdf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Rache Hitlers f\u00fcr ein Redeverbot in der Hansestadt? Mit dem Gro\u00df-Hamburg-Gesetz ging L\u00fcbeck zum 1. 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