{"id":6906,"date":"2008-08-03T13:46:32","date_gmt":"2008-08-03T13:46:32","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=6806"},"modified":"2008-08-03T13:46:32","modified_gmt":"2008-08-03T13:46:32","slug":"dr_phil_peter_guttkuhn_mein_liebes_altes_jdsches_moisling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_phil_peter_guttkuhn_mein_liebes_altes_jdsches_moisling\/","title":{"rendered":"Dr. phil. Peter Guttkuhn: Mein &#8222;Liebes, altes, j\u00fcd&#8217;sches Moisling&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.-Guttkuhn\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.-Guttkuhn.jpg\" alt=\"Dr.-Guttkuhn\" \/><br \/>\nAuch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; fort. Der L\u00fcbecker Privatgelehrte und Historiker berichtet in einer dreiteiligen Serie \u00fcber sein &#8222;;Liebes, altes, j\u00fcd&#8217;sches Moisling&#8220;. Heute der 3. und letzte Teil. Wie er selbst sagt, sein sch\u00f6nster Moisling-Beitrag!<\/p>\n<p>Foto (RB): Dr. Peter Guttkuhn<br \/>\n<!--more-->Mein &#8222;Liebes, altes, j\u00fcd&#8217;sches Moisling&#8220; <br \/>\n3. Teil<br \/>\nJa, die Moislinger M\u00e4dchen! Sie waren allesamt wundersch\u00f6n! So sch\u00f6n, da\u00df sie in Moisling vom Besuch der Synagoge ausgeschlossen waren. Und zwar einzig und allein deswegen, um die Augen der and\u00e4chtigen M\u00e4nner nicht abzulenken! Die bezaubernden Moislingerinnen galten weit und breit als selten ungek\u00fcnstelte Sch\u00f6nheiten, und sie entfalteten ihre vollen Reize, wenn sie an Festtagen in geschlossener Reihe durch das Dorf spazierten oder beim Kaffeeschenker Ludwig Kr\u00fcger im Tanz dahinflogen. Trotz der jahrzehntelangen Ausschlie\u00dfung der Juden von Unterricht und Bildung fanden sich bei ihnen Z\u00fcge strengster Moralit\u00e4t, z. B. die ausnahmslos bewiesene Ehrbarkeit der j\u00fcdischen Frauen und deren hohe Wertsch\u00e4tzung durch ihre M\u00e4nner. Als \u00fcber 20 Jahre lang unter den zum Milit\u00e4r ausgehobenen Moislinger Juden kein au\u00dferehelich geborener Rekrut gefunden wurde, da vermutete der L\u00fcbecker Senat eine F\u00e4lschung der Geburtsregister. <\/p>\n<p>Die jungen M\u00e4dchen heirateten fast ausschlie\u00dflich junge Gemeindemitglieder. Die Hochzeiten wurden stets im Kaffeehaus bei Kr\u00fcger gefeiert. W\u00e4hrend die Braut in einem Nebenzimmer festlich geschm\u00fcckt wurde, reichte man der gro\u00dfen Hochzeitsgesellschaft Tee und Minnichkuchen (Fr\u00fcchte-Kuchen). Und zwar durch den Zarve &#8211; was soviel wie &#8222;Servierer&#8220; hie\u00df &#8211; Natten Cohn, den M\u00fcnchhausen Moislings, der das Hochzeitsmahl inklusive Tee und Minnichkuchen \u00e0 Person f\u00fcr einen Taler \u00fcbernahm. Daf\u00fcr gab es beim Mittagsmahl Suppe, braunen Kohl, Wurstb\u00e4llchen und Schmorbraten, hinterher eine fleischige Torte. Messer, Gabeln und L\u00f6ffel mu\u00dften die G\u00e4ste mitbringen, h\u00e4ufig auch die Teller, Gl\u00e4ser brauchte man nicht, da Wein nicht ausgeschenkt wurde. Hatte die Schm\u00fcckung der Braut stattgefunden und war das Nachmittagsgebet beendet, dann versammelten sich die G\u00e4ste und bildeten einen Zug, marschierten unter Musik, wobei ein gewisser Hochzeitsmarsch vorgeschrieben war, durch das ganze Dorf bis zur Synagoge. Dem Zug voran ging der Zarve Natten Cohn mit einem Stock, der rot und blau bemalt und an dessen Spitze rote, blaue und gr\u00fcne B\u00e4nder befestigt waren. <\/p>\n<p>Vor der Synagoge am Dorfteich war das Trauzelt (Chuppa \/ Baldachin) aufgestellt, und der Rabbiner sowie der Vors\u00e4nger und der Gemeindediener, welche unmittelbar hinter dem Br\u00e4utigam hergingen, erwarteten dort die Braut. Der Zug war n\u00e4mlich so geordnet, da\u00df die m\u00e4nnlichen G\u00e4ste zuerst kamen, dahinter die Braut mit den weiblichen G\u00e4sten. Selbstverst\u00e4ndlich war bei einer Trauung das gesamte Dorf zugegen. Nach der Feier in der Synagoge ging es in geordnetem Zug wieder ins Kaffeehaus, wo Natten sein Gastmahl servierte, welches mit der Markstorte schlo\u00df. Wehe dem Gast, der etwas von seiner Speise verschm\u00e4hte! Sah Natten dieses, so wurde er w\u00fctend und verlangte kategorisch, da\u00df gegessen werden solle, ansonsten drohte er, dem Gast die Speise ins Gesicht zu werfen. <\/p>\n<p>\nNach dem Festmahl gab es regelm\u00e4\u00dfig Tanz &#8211; bis ein Uhr in der Nacht. Dann wurde das Brautpaar von der gesamten Hochzeitsgesellschaft, allerdings ohne Musik, aber mit Gesang, wobei j\u00fcdische Lieder nat\u00fcrlich die Hauptrolle spielten, nach Hause gebracht, und zwar bis in die Schlafstube hinein. Bei dieser Gelegenheit bekamen auch die m\u00e4nnlichen Hochzeitsg\u00e4ste das Brautbett zu sehen, welches am Tag zuvor den Frauen gezeigt worden war, wobei es einen Braut-Bett-Kaffee mit Kuchen gab. Hierzu wurde extra eingeladen. Am folgenden Tag, 19.00 Uhr, fand das so genannte Chraubenmahl statt, ebenfalls bei Kaffeeschenker Kr\u00fcger. Auch das wurde von Natten geliefert und bestand nur aus einem Fischessen, sauer gekochte Hechte, wof\u00fcr er 8 Schillinge pro Person bekam. Danach wurde den G\u00e4sten Punsch spendiert. <\/p>\n<p>Am Sonnabend darauf ging das junge Paar zur Synagoge. Die Frau trug dann einen &#8222;Scheitel&#8220; (Per\u00fccke), um das meist prachtvolle Haar zu verdecken, eine Vorschrift, um zu verhindern, da\u00df sich andere M\u00e4nner in sie verliebten. W\u00e4hrend am Schabbes die Frauen stets einen Scheitel &#8211; bis ins hohe Alter  &#8211; trugen und dadurch \u00fcber ihr Alter hinwegzut\u00e4uschen suchten, gingen sie an Wochentagen mit einer dichten M\u00fctze, die blendend wei\u00df und auf der Stirn mit einer Krause versehen, wundersch\u00f6ne Gesichter hervorrief.<br \/>\nDr. Peter Guttkuhn<\/p>\n<p>hier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-6906","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6906","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6906"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6906\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6906"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6906"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6906"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}