{"id":7144,"date":"2008-09-07T12:35:17","date_gmt":"2008-09-07T12:35:17","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=7044"},"modified":"2008-09-07T12:35:17","modified_gmt":"2008-09-07T12:35:17","slug":"dr_phil_peter_guttkuhn_der_lbecker_romantiker_j_b_vermehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_phil_peter_guttkuhn_der_lbecker_romantiker_j_b_vermehren\/","title":{"rendered":"Dr. phil. Peter Guttkuhn: &#8222;Der L\u00fcbecker Romantiker J. B. Vermehren&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.Guttkuhn0805a\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.Guttkuhn0805a.jpg\" alt=\"Dr.Guttkuhn0805a\" \/><br \/>\nAuch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; fort. Heute berichtet Dr. phil. Peter Guttkuhn im abschlie\u00dfenden  Teil 2 \u00fcber den L\u00fcbecker Romantiker J. B. Vermehren &#8222;Zwischen Goethe, Schiller und den literarischen Zirkeln in Weimar und Jena&#8220;.  Foto: Dr. Peter Guttkuhn<!--more-->Der L\u00fcbecker Romantiker J. B. Vermehren<br \/>\nZwischen Goethe, Schiller und den literarischen Zirkeln in Weimar und Jena<\/p>\n<p>2. Teil <br \/>\nViel \u00c4rger mit Goethe und Schiller<br \/>\nDer L\u00fcbecker Vermehren erkannte seine Chance, nunmehr den renommierten Almanach Schillers selbst herauszugeben. Am 25. Juli 1800 sprach er bei Goethe vor und bat um einige Beitr\u00e4ge. Der lehnte wohl nicht grunds\u00e4tzlich ab. Schiller hingegen verweigerte von Anfang an jede Art der Mitwirkung. Sodann ersuchte Vermehren Cotta, auch das nun unter seiner Leitung stehende Verlags-Projekt zu realisieren, was jener mit einer limitierten Zusage beschied, da Vermehren angegeben hatte, da\u00df der Almanach sowohl von Goethe als auch von Schiller (weiterhin) mit Beitr\u00e4gen bedacht werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Endlich aber war Cotta unsicher geworden, fragte zuerst bei Schiller nach und erhielt zur Antwort: &#8222;Auf den Vorschlag des Doktor Vermehren lassen Sie sich ja nicht ein. Es ist durchaus nichts mit ihm, und da\u00df Goethe und ich ihm Zusagen getan, ist eine bare L\u00fcge. Vielmehr habe ich es ihm in einer neulichen Unterredung rund abgeschlagen und ihn von der ganzen Unternehmung abzuschrecken gesucht. Ich lege Ihnen den Brief bei, den er am 7. Januar 1801 an mich geschrieben&#8220;.<\/p>\n<p>Und auch Goethe, der einen gleich lautenden Brief Vermehrens erhalten hatte, stellte nunmehr klar: &#8222;Wie der gute Vermehren dazu kommt, mich als einen bedeutenden Teilnehmer an seinem Almanach anzugeben, begreife ich nicht. Ich erinnere mich wohl, da\u00df ich, als er mir von diesem Vorsatz sprach, ihn nicht ohne Hoffnung eines Beitrags f\u00fcr die Zukunft lie\u00df; allein f\u00fcr dieses Jahr ist, besonders unter den gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nden, gar nicht daran zu denken. Ich werde mich h\u00fcten, die Musen fr\u00fcher zu versuchen, bis ich mich wieder bei Kr\u00e4ften f\u00fchle&#8220;. Womit Goethe auf seine im Abklingen begriffene lebensgef\u00e4hrliche Erkrankung an einer Gesichtsrose anspielte. Vermehren feierte Goethes Genesungsproze\u00df mit einem enthusiastischen Gedicht:<\/p>\n<p>An Goethe<br \/>\nSonett<\/p>\n<p>Still kommen Schw\u00e4ne durch die Luft gezogen,<br \/>\nIhr banges Trauerlied ein tiefes Schweigen;<br \/>\nStumm trennet sich der Freude muntrer Reigen,<br \/>\nDie Farben bleichen an des Himmels Bogen.<\/p>\n<p>Im Laufe stockt der schnelle Strom der Wogen,<br \/>\nDie Sonne wagt nicht ihren Glanz zu zeigen,<br \/>\nDie Blumen all&#8216; ihr Haupt zur Erde neigen,<br \/>\nUnd seiner H\u00fclle ist der Geist entflogen.-<\/p>\n<p>Wozu auch noch des Daseins Fesseln tragen?<br \/>\nDas Aug&#8216; der Welt will sich auf ewig schlie\u00dfen.-<br \/>\nDoch seht! Die seel&#8217;gen G\u00f6tter liebend winken;<\/p>\n<p>D e i n  reiner Blick ist wieder aufgeschlagen,<br \/>\nD u  darfst mit Lust das holde Licht begr\u00fc\u00dfen,<br \/>\nUnd alle Wesen neues Leben trinken.-<br \/>\n[unver\u00f6ffentlicht]<\/p>\n<p>Vermehren warb unerm\u00fcdlich weiter um Beitr\u00e4ger. Bei jedem Ansprechpartner versuchte er den Anschein zu erwecken, vom jeweils anderen bereits eine Zusage zu besitzen. Besonders aber von Goethe, durch dessen Anraten der Almanach schon vorz\u00fcglich bef\u00f6rdert worden sei. Cotta zog seine Zusage g\u00e4nzlich zur\u00fcck, nachdem ihm Vermehren reinen Wein eingeschenkt hatte.<br \/>\nDoch  e i n e  Werbung, eine h\u00f6chst private freilich, gelang dem jungen L\u00fcbecker vollst\u00e4ndig und zu zweiseitiger Zufriedenheit. Am 20. April 1801 heiratete er die zw\u00f6lf Jahre \u00e4ltere Reichspostmeister-Witwe Henrietta Eber. Caroline Schlegel geb. Michaelis verw. B\u00f6hmer und zuk\u00fcnftige Frau Schelling (1763-1809) meldete ihrem derzeitigen Ehemann August Wilhelm (1767-1845): &#8222;Vermehren hat eine Vermehrerin zur Seite. Er ist wirklich verm\u00e4hlt mit Madame Eber&#8220;. Und neun Monate sp\u00e4ter: &#8222;Den Vermehren hat die hohe Vaterw\u00fcrde \u00fcberkommen &#8211; ein Sohn ist ihm geboren. Er soll sich ganz unklug anstellen, und die vielen Sonette mag ich nicht z\u00e4hlen, die er an Aa und Pipi und die Windeln und Wickeln des Neugeborenen machen wird&#8220;.<\/p>\n<p>Feuerluft aus Schlegels Laboratorium<\/p>\n<p>In den ersten Dezember-Tagen des Jahres 1801 erschien Vermehrens romantischer Musenalmanach f\u00fcr das Jahr 1802. Ohne Namensangabe des Herausgebers, in der Sommerschen Buchhandlung in Leipzig. Zu den Beitr\u00e4gern geh\u00f6rten neben seiner Frau Henrietta und ihm selbst auch der Nachahmer von Gedichten Goethes und Schillers Karl Philipp Conz (1762-1827), Diakon in Vaihingen, der Legationsrat und Schriftsteller Johann Isaak Gerning (1767-1837) aus Frankfurt\/Main, der Stuttgarter Kabinettskanzlist und Geheimsekret\u00e4r Friedrich Haug (1761-1829), Friedrich H\u00f6lderlin (1770 -1843), Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), der Jenenser Schriftsteller Karl Ludwig von Knebel (1744-1834), Friedrich Franz Kosegarten (1772-1849), Sophie Mereau geb. Schubert (1770-1806), Ehefrau des Bibliothekars und Professors der Rechte in Jena, Johann Georg Friedrich Messerschmid, der ehemalige Milit\u00e4rschuldirektor und Schriftsteller Gottlieb Konrad Pfeffel (1736-1809), Kolmar, Friedrich Schlegel und der Schriftsteller Christoph August Tiedge (1752-1841).<\/p>\n<p>Der Almanach mu\u00dfte sich gegen eine wahre Flut von Konkurrenten auf dem wuchernden deutschen Literaturmarkt behaupten. &#8222;Das Vermehrische nimmt sich denn freilich nicht zum besten daneben aus. Die Feuerluft aus Friedrich Schlegels Laboratorium vermag den Ballon doch nicht flott zu machen und soviel Ballast mit in die H\u00f6he zu nehmen&#8220;, urteilte Goethe gegen\u00fcber dem Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling (1775-1854).<\/p>\n<p>Der ver\u00e4rgerte Schiller &#8211; interessiert allerdings, was aus seinem Jahrbuch geworden war &#8211; orderte bei G\u00f6schen in Leipzig: &#8222;Den Musenalmanach f\u00fcr das Jahr 1802, herausgegeben von Vermehren, Leipzig bey Sommer, w\u00fcnscht baldigst zugesendet zu haben Ihr ergebener Schiller&#8220;.  <br \/>\nFriedrich Schlegel, Intim-Feind Schillers und auch Goethes, hatte Vermehren f\u00fcnf Gedichte und ein Distichon &#8211; &#8222;Die Werke des Dichters&#8220; &#8211; \u00fcbergeben. Mit letzterem sollte Goethe getroffen werden. Noch-Ehefrau Caroline Schlegel kommentierte das Vorgehen des Schwagers und mahnte ihren August Wilhelm, der ebenso wie Ludwig Tieck (1773-1853) dem Werben Vermehrens widerstanden hatte. &#8222;Wenn Friedrich nur das  e i n e  Lied &#8211; nach Heinrich von Veldeke &#8211; von den kleinen Liedern hingegeben h\u00e4tte, so w\u00e4re es charmant von ihm gewesen; aber die Distichen auf Goethes Werke! Fi donc! Pfui! Lieber, stimme nicht in die L\u00e4stereien Goethes ein, die sie da unter sich zur miserabeln Mode gemacht haben!&#8220;<\/p>\n<p>Friedrich Schlegel seinerseits rechtfertigte gegen\u00fcber dem \u00e4lteren Bruder die Beteiligung an Vermehrens Anthologie: &#8222;Was Vermehren betrifft, so ist das eine ganz unsch\u00e4dliche Art von kleinen Filzl\u00e4usen. Ich denke 500 solche schaden der Poesie nicht soviel als Schiller. Goethe gibt ihnen ja auch; warum soll er sich allein die Popularit\u00e4t herausnehmen d\u00fcrfen?&#8220; <br \/>\nJohann Bernhard Vermehren war zwischen alle Fronten geraten.<\/p>\n<p>\nRomantiker Vermehren &#8211; schwaches Menschlein<\/p>\n<p>Doch auch f\u00fcr das Jahr 1803 brachte er einen Musenalmanach zusammen, ver\u00f6ffentlichte ihn diesmal in der Jenaer Akademischen Buchhandlung. Es sollte sein letzter sein. Das erste Exemplar schickte er am 8. September 1802 wiederum an Goethe. Eine sehnlich erhoffte positive Resonanz freilich vermochte er weder aus dem Weimarer Haus am Frauenplan noch aus dem Haus an der Esplanade zu vernehmen.<\/p>\n<p>Alter hanseatischer Tradition entsprechend lie\u00df sein Vater in L\u00fcbeck am Sonnabend, dem 10. Dezember 1803, in die &#8222;L\u00fcbeckischen Anzeigen&#8220; unter Familienbegebenheiten, Rubrik Sterbf\u00e4lle, die karge Mitteilung einr\u00fccken:<br \/>\n&#8222;Am 29sten November starb zu Jena mein guter Sohn Dr. Johann Bernhard Vermehren, in einem Alter von 26 Jahren und 5 Monaten&#8220;.<\/p>\n<p>Goethes Weimarer Amtskollege im Staatsministerium, Christian Gottlob Voigt (1743-1819), nannte Vermehren &#8222;ein ziemliches homuncio &#8211; schwaches Menschlein &#8211; und unsch\u00e4dlichen Halbkopf, dessen Witwe bald genug den dritten Mann erlangen werde&#8220;. Dorothea Schlegel geb. Mendelssohn gesch. Veit (1763-1839) war emp\u00f6rt: &#8222;Ich habe mich bitterlich um die alberne Vermehren gegr\u00e4mt, als ich die Nachricht von seinem Tode erhielt, unterdessen die Kreatur an einen andern Mann oder Hofrat denkt! Pfui!&#8220;<br \/>\nHenrietta Vermehren (1765-1842), Mutter dreier Kinder, heiratete tats\u00e4chlich wenige Wochen nach Johann Bernhards Tod den 14 Jahre \u00e4lteren, verwitweten Jenaer Mathematiker Johann Heinrich Voigt (1751-1823).<\/p>\n<p>Dorothea Schlegel erinnerte: &#8222;Es war gewi\u00df ein herzlich lieber, liebensw\u00fcrdiger Mensch, dieser Vermehren, der wohl verdient h\u00e4tte, bei dieser Frau, die er durch seine Liebe und sein Feuer zu allem machte, was sie allenfalls ist, da\u00df er bei ihr unersetzlich und nie ersetzt worden w\u00e4re&#8220;.<\/p>\n<p>H\u00e4tte er wirklich l\u00e4nger gelebt, wenn er sich nicht auf die &#8222;Postexpedition&#8220; &#8211; wie Goethe meinte -, d. h. die Ehe mit Henrietta, eingelassen h\u00e4tte? Oder ist dieser Begriff doppelt ironisch gemeint, soll sich auch auf das anstrengende, eigenh\u00e4ndige Expedieren der Musenalmanache beziehen?<\/p>\n<p>Vermehren, der kein eigenst\u00e4ndiges Profil erwerben konnte, wurde rasch vergessen. H\u00e4tte er sich &#8211; bei l\u00e4ngerer Dauer seines Lebens &#8211; weiterentwickeln k\u00f6nnen? Gerechtigkeit ist weder seinem Leben noch seinem Werk widerfahren. <br \/>\nIn Jena und Weimar &#8211; und daher in allen nachfolgenden Publikationen &#8211; ist bis heute nicht einmal sein tats\u00e4chliches L\u00fcbecker Geburtsdatum bekannt.<\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn<\/p>\n<p>hier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren unter anderem zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-7144","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7144"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7144\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}