{"id":7265,"date":"2008-09-21T15:13:14","date_gmt":"2008-09-21T15:13:14","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=7165"},"modified":"2008-09-21T15:13:14","modified_gmt":"2008-09-21T15:13:14","slug":"dr_phil_peter_guttkuhn_die_drei_lbecker_geschwister_grnfeldt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_phil_peter_guttkuhn_die_drei_lbecker_geschwister_grnfeldt\/","title":{"rendered":"Dr. phil. Peter Guttkuhn: &#8222;Die drei L\u00fcbecker Geschwister Gr\u00fcnfeldt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.-Guttkuhn\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.-Guttkuhn.jpg\" alt=\"Dr.-Guttkuhn\" \/><br \/>\nIm April dieses Jahres wurden vor einem Haus in der Charlottenstra\u00dfe Stra\u00dfe &#8222;Stolpersteine&#8220; verlegt, verankerte Messingplatten, auf denen Namen, Lebensdaten und das Schicksal deportierter und ermordeter Opfer des Naziregimes mit Schlagbuchstaben eingepr\u00e4gt sind. Heute berichtet Dr. Peter Guttkuhn in der hier-luebeck &#8211; Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; \u00fcber das Schicksal drei davon betroffener Frauen aus diesem Haus. <\/p>\n<p>Foto: Dr. Peter Guttkuhn <br \/>\n<!--more-->Die drei L\u00fcbecker Geschwister Gr\u00fcnfeldt<\/p>\n<p>Nachdem die verwitwete Pauline Gr\u00fcnfeldt mit ihren Kindern im Fr\u00fchsommer 1893 von Wismar nach L\u00fcbeck gezogen war, schloss sie sich der &#8222;Israelitischen Gemeinde zu L\u00fcbeck&#8220; an. W\u00e4hrend die Mutter bis zu ihrem Tod im Jahre 1915 der j\u00fcdischen Gemeinde angeh\u00f6rte, l\u00f6sten sich ihre Kinder vom j\u00fcdischen Glauben. Emma, geboren 1880, lie\u00df sich wahrscheinlich 1897 ev.-luth. taufen, ihre \u00e4ltere Schwester Minna folgte 1900. Clara Gr\u00fcnfeldt trat aus der j\u00fcdischen Gemeinde aus, blieb aber konfessionslos.<\/p>\n<p>Der Wechsel zur evangelisch-lutherischen Kirche er\u00f6ffnete Emma Gr\u00fcnfeldt auch beruflich neue Perspektiven. Sie wollte Lehrerin werden, in L\u00fcbeck wurden aber nur Angeh\u00f6rige des lutherischen Bekenntnisses in den staatlichen Schuldienst aufgenommen. J\u00fcdinnen war eine Einstellung an staatlichen Volksschulen grunds\u00e4tzlich verwehrt, da sie keinen evangelischen Religionsunterricht erteilen durften. 1912 erhielt Emma Gr\u00fcnfeldt eine Anstellung als beamtete Volksschullehrerin auf Lebenszeit. Da\u00df sie, die praktizierende Christin, als J\u00fcdin geboren worden war, das wu\u00dfte in der Freien und Hansestadt L\u00fcbeck so gut wie niemand &#8211; war es doch auch ohne Interesse und Belang.<\/p>\n<p>Dies \u00e4nderte sich mit der Regierungs\u00fcbernahme durch die Nationalsozialisten. Einer Entlassung aufgrund des &#8222;Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums&#8220; vom April 1933 konnte sie mit dem Hinweis, dass sie bereits vor 1914 in ein Beamtenverh\u00e4ltnis eingetreten sei, verhindern. Ende August 1935 wurde Emma Gr\u00fcnfeldt jedoch auf Initiative des Amtsleiters der L\u00fcbecker Kultusverwaltung, Regierungsdirektor Dr. Wolff (NSDAP), mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Eine gesetzliche Grundlage lag zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht vor. Zum 01. Januar 1936 &#8211; inzwischen waren die &#8222;N\u00fcrnberger Gesetze&#8220; in Kraft getreten &#8211; wurde sie in den dauernden Ruhestand versetzt. <\/p>\n<p>Der berufliche und gesellschaftliche Abstieg, die Verschlechterung der sozialen Lage und die Diskriminierung durch fortlaufende administrative Ma\u00dfnahmen f\u00fchrten zu einer zunehmenden privaten Isolation ohne Perspektive. Auch die bislang schweigende Kirchengemeinde gew\u00e4hrte Emma und Minna in ihrer seelischen Not weder Zuspruch noch Trost. Im Gegenteil: Der Pastor der Domgemeinde Adolf Riege, der seit Januar 1936 in L\u00fcbeck amtierte und dessen Seelsorgebezirk die beiden Frauen angeh\u00f6rten, war Mitglied des besonders radikalen Fl\u00fcgels der Nationalkirchlichen Deutschen Christen (NDC), ein ausgewiesener Antisemit. Er bet\u00e4tigte sich als Mitarbeiter des 1939 gegr\u00fcndeten &#8222;Instituts zur Erforschung und Beseitigung des j\u00fcdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben&#8220; und war an f\u00fchrender Stelle bei der Herausgabe des &#8222;entjudeten&#8220; Gesangbuches &#8222;Gro\u00dfer Gott wir loben dich&#8220; beteiligt.<\/p>\n<p>Am 23. Februar 1939 erlie\u00df die deutschchristliche Kirchenleitung unter F\u00fchrung des NS-Bischofs Erwin Balzer das &#8222;Gesetz \u00fcber die kirchliche Stellung evangelischer Juden&#8220;, in dem es hei\u00dft: &#8222;Juden k\u00f6nnen nicht Glieder der evangelisch-lutherischen Kirche in L\u00fcbeck werden&#8220;. Kein Pastor sei ihnen gegen\u00fcber, &#8222;die vor dem Inkrafttreten des Gesetzes Glieder der evangelisch-lutherischen Kirche in L\u00fcbeck geworden sind&#8220;, zu Amtshandlungen verpflichtet; kirchliche R\u00e4ume und Einrichtungen d\u00fcrften nicht benutzt werden. Damit waren die letzten Hoffnungen und Illusionen, Beistand und Hilfe von ihrer Kirche zu bekommen, auch f\u00fcr Emma und Minna Gr\u00fcnfeldt hinf\u00e4llig geworden. <\/p>\n<p>Ende 1941 wurde mit dem &#8222;Gesetz \u00fcber den Ausschlu\u00df rassej\u00fcdischer Christen aus der Kirche&#8220; die letzte formale Bande gel\u00f6st, keine drei Wochen, nachdem \u00fcber 90 L\u00fcbecker und L\u00fcbeckerinnen &#8211; unter ihnen die drei Gr\u00fcnfeldt-Schwestern &#8211; nach Riga deportiert worden waren. Sp\u00e4testens im M\u00e4rz 1942 wurden sie im Konzentrationslager Jungfernhof ermordet.<\/p>\n<p>Die erste amtliche Reaktion nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fiel n\u00fcchtern aus. In die drei Einwohner-Karteikarten &#8222;Gr\u00fcnfeldt&#8220; des L\u00fcbecker Ordnungsamtes wurde eingetragen &#8222;Nach unbekannt von Amts wegen abgemeldet. Evakuiert. Am 6. Dezember 1941&#8220;.<\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn<\/p>\n<p>\nhier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im April dieses Jahres wurden vor einem Haus in der Charlottenstra\u00dfe Stra\u00dfe &#8222;Stolpersteine&#8220; verlegt, verankerte Messingplatten, auf denen Namen, Lebensdaten<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-7265","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lubeck-lupe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7265","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7265"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7265\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}