{"id":7275,"date":"2008-09-28T12:46:54","date_gmt":"2008-09-28T12:46:54","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=7175"},"modified":"2008-09-28T12:46:54","modified_gmt":"2008-09-28T12:46:54","slug":"dr_phil_peter_guttkuhn_202_jahre_lbeckisches_dorf_und_gut_moisling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_phil_peter_guttkuhn_202_jahre_lbeckisches_dorf_und_gut_moisling\/","title":{"rendered":"Dr. phil. Peter Guttkuhn: &#8222;202 Jahre l\u00fcbeckisches Dorf und Gut Moisling&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.-Guttkuhn\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.-Guttkuhn.jpg\" alt=\"Dr.-Guttkuhn\" \/><br \/>\nAuch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; fort. Heute mit dem 1. von drei Teilen:<\/p>\n<p>Foto (RB): Dr. Peter Guttkuhn<br \/>\n<!--more-->202 Jahre l\u00fcbeckisches Dorf und Gut Moisling<\/p>\n<p>1. Teil<br \/>\nVor gut 202 Jahren &#8211; am 3. Juni 1806 &#8211; erlie\u00dfen &#8222;B\u00fcrgermeister und Rath der Kaiserlichen und des heiligen R\u00f6mischen Reichs freien Stadt L\u00fcbeck&#8220; eine &#8222;Notification&#8220;, in der sie mitteilten, &#8222;wie zwischen Sr. K\u00f6niglichen Majest\u00e4t zu D\u00e4nemark und Norwegen und Uns in Betreff der Territorial- und Episcopal-Hoheit \u00fcber die im Bezirke des Herzogthums Holstein belegenen Stadt-Stifts-D\u00f6rfer und G\u00fcter ein Vergleich unterm 22sten Januar 1802 abgeschlossen und von beiden Seiten ratificirt worden, kraft dessen die volle Landeshoheit [Territorial-Botm\u00e4\u00dfigkeit] \u00fcber die Eingangs namentlich aufgef\u00fchrten D\u00f6rfer, sammt allen und jeden ihr anklebenden Befugnissen und dem Episcopal-Recht, dieser freien Reichsstadt \u00fcberlassen und f\u00f6rmlich cedirt [abgetreten] ist&#8220;. Auch Dorf und Gut Moisling nebst s\u00e4mtlichen &#8222;gutgesinnten Unterthanen&#8220; gelangten am 3. Juni 1806 unter die &#8222;alleinige rechtm\u00e4\u00dfige Landes-Obrigkeit&#8220; L\u00fcbecks.<\/p>\n<p>\nTopographie und Geschichte von Dorf und Gut Moisling<\/p>\n<p>Der Ortsname &#8222;Moisling&#8220; ist slavischer Herkunft, im Deutschen umgebildet worden und seit dem 13. Jahrhundert belegt. Das Dorf lag im S\u00fcdwesten der &#8222;Kaiserlich Freien und des Heiligen R\u00f6mischen Reichs Stadt&#8220; L\u00fcbeck, 3,88 km Luftlinie vom L\u00fcbecker Markt, 4,65 km Landweg vom Rathaus bis zum Dorfteich &#8211; dem heutigen Bertold-Katz-Hain -, am Zusammenflu\u00df von Trave und Stecknitz, innerhalb der beiden Stromarme, au\u00dferhalb der L\u00fcbecker Landwehr, eine Stunde von der Stadt; es geh\u00f6rte zum Kirchspiel (Kirchensprengel) des evangelisch-lutherischen Kapitelsdorfes Genin, besa\u00df weder Kirche noch Pfarrer und war bis 1783 nur mit einem F\u00e4hrboot \u00fcber die Trave erreichbar. <\/p>\n<p>Eine Br\u00fccke \u00fcber die Stecknitz, die die D\u00f6rfer Moisling und Genin verband, entstand erst 1887. Moisling war Grenzort zwischen Bistum L\u00fcbeck, freier Reichsstadt L\u00fcbeck und dem k\u00f6niglich-d\u00e4nischen Herzogtum Holstein.  Geographische Lage: 53\u00b0 51&#8242; 50&#8220; n\u00f6rdlicher Breite, 10\u00b0 38&#8242; 40&#8220; \u00f6stlicher L\u00e4nge. Sein Ausma\u00df: 429,40 ha, wovon 23,26 ha Fl\u00e4che auf  Waldgebiete entfielen. Der Gutshof befand sich in dem Winkel, den die Einm\u00fcndung der Stecknitz in die Trave &#8211; heute Elbe-Trave- oder Elbe-L\u00fcbeck-Kanal &#8211; bildet, am n\u00f6rdlichen Ende des Dorfes. Die Gesamtgr\u00f6\u00dfe des Gutes umfa\u00dfte ein Areal von 243 ha: Ackerland, Wiesen, Weiden und Forstland. Angebaut wurden Roggen, Hafer und Weizen.<\/p>\n<p>Einige der so genannten l\u00fcbeckischen Stadt-D\u00f6rfer und -G\u00fcter, zu denen auch Moisling geh\u00f6rte, bildeten seit jeher einen Zankapfel zwischen D\u00e4nemark-Holstein und der freien Reichsstadt L\u00fcbeck: Sie lagen im Herzogtum Holstein, Landeshoheit und Jurisdiktion aber wurden beharrlich von L\u00fcbeck beansprucht, ohne da\u00df die Ratsherren jedoch auf einen Vertrag verweisen konnten. Daher benutzte der jeweilige Eigent\u00fcmer des Gutes die schwache l\u00fcbeckische Rechtsposition im Jahrhunderte langen Ringen um Moisling nach eigenen Interessen und Absichten. Seit der zweiten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts bildete Moisling nicht nur ein finanziell-wirtschaftspolitisches Streitobjekt und diplomatisches Druckmittel, sondern auch ein innenpolitisch-antij\u00fcdisches Bet\u00e4tigungsfeld.<\/p>\n<p>Zwei Gutsherren traten in diesen Auseinandersetzungen besonders hervor: Gotthard von H\u00f6veln (1603-1671) und sein Schwiegersohn Gottschalk von Wickede (1635-1699). H\u00f6veln, 1640 in den L\u00fcbecker Rat gew\u00e4hlt und seit 1641 mit kaiserlichem Adelspatent versehen, geh\u00f6rte zur kaufm\u00e4nnischen Oberschicht der Stadt. 1646 erbte er &#8211; damals K\u00e4mmereiherr &#8211; Gut Moisling. Acht Jahre sp\u00e4ter erlangte v. H\u00f6veln nicht nur eine kaiserliche Best\u00e4tigung des Kaufbriefs seines Gutes, sondern auch die lebensl\u00e4ngliche B\u00fcrgermeister-W\u00fcrde.<\/p>\n<p>L\u00fcbecks B\u00fcrgermeister von H\u00f6veln unterstellt Moisling<br \/>\nd\u00e4nischer Territorialhoheit (1667)<\/p>\n<p>Wie viele seiner adligen Standesgenossen, so besch\u00e4ftigte auch der landbeg\u00fcterte Patrizier von H\u00f6veln in Moisling unz\u00fcnftige, billigere Handwerker, so genannte B\u00f6nhasen, haupts\u00e4chlich Brauer, Brenner und Weber, um kosteng\u00fcnstiger produzieren und preiswerter verkaufen zu k\u00f6nnen. Vermutlich konnte er in der Produktion polnisch-j\u00fcdische Fl\u00fcchtlinge gewinnbringend einsetzen, die der Gutsherr seit 1656 wegen ihrer Spezialkenntnisse ansiedelte. So ist von 1726 an Jacob Isaac als Moislinger Hof-Branntweinbrenner belegt. Wahrscheinlich aber brauchte von H\u00f6veln die Juden auch zur Vermarktung seiner Produkte. Konfessionelle \u00dcberlegungen spielten dabei offensichtlich kaum eine Rolle, ihm war mehr an den j\u00e4hrlichen Schutzgeldern gelegen.<\/p>\n<p>Die Einigung des Rats mit der B\u00fcrgerschaft im so genannten Kassareze\u00df vom 26. Juli 1665 &#8211; es handelte sich um Auseinandersetzungen des Rates mit der B\u00fcrgerschaft wegen Errichtung und Verwaltung einer allgemeinen Stadtkasse -versch\u00e4rfte die Konfrontation zwischen dem aristokratisch-patriarchalischen B\u00fcrgermeister sowohl mit dem Rat selbst als auch mit den B\u00fcrgern. In einer umfangreichen Klageschrift verschiedener Z\u00fcnfte an den Rat vom 21. M\u00e4rz 1666 wurde nicht nur von H\u00f6velns &#8222;B\u00f6hnhaserey&#8220; in Moisling scharf ger\u00fcgt und auf die eigene Monopolstellung in Produktion und Handel hingewiesen, sondern auch die rhetorische Frage gestellt, &#8222;ob nicht wohl verm\u00f6ge vormahls producirten &#8230; Decreten, die Zulassung der Juden ernstlich untersaget sei?&#8220; Angefeindet von vielen Seiten, geriet er in die Isolation. Die &#8222;Visitationen&#8220; (bewaffneter L\u00fcbecker Zunfthandwerker) in den rechtlich und politisch umstrittenen G\u00fctern eskalierten bis zu milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen zwischen der Reichsstadt L\u00fcbeck und dem K\u00f6nigreich D\u00e4nemark.<\/p>\n<p>Da entschlo\u00df er sich 1667 &#8211; zusammen mit f\u00fcnf gleich gesinnten patrizischen Eigent\u00fcmern umliegender G\u00fcter &#8211; zu einem Befreiungsschlag: Er stellte Moisling unter k\u00f6niglich-d\u00e4nische Schutzherrschaft. Dadurch gerieten Dorf und Gut in ein Beziehungsgeflecht aus k\u00f6niglich-d\u00e4nischen, herzoglich-schleswig-holsteinisch-gottorfischen und reichsst\u00e4dtisch-l\u00fcbeckischen Interessen. Zwei Jahre sp\u00e4ter &#8211; nach Unterzeichnung des von ihm heftig befehdeten B\u00fcrgerrezesses vom 9. Januar 1669 &#8211; trat von H\u00f6veln aus dem sich selbst erg\u00e4nzenden Rat aus, gab sein L\u00fcbecker B\u00fcrgerrecht auf und erhielt von K\u00f6nig Friedrich III. von D\u00e4nemark (1648-1670) das Amt des holsteinischen Vizekanzlers in Gl\u00fcckstadt. K\u00f6nig Christian V. (1670-1699) stellte 1670 einen Schutzbrief (Geleitbrief) f\u00fcr Moisling aus. Die Recognitions- oder Schutzgelder waren von der Kopenhagener Rentekammer f\u00fcr das Stamm- und Erbgut Moisling unver\u00e4nderlich auf 57 Taler in d\u00e4nischen Kronen festgesetzt worden, zahlbar j\u00e4hrlich in der k\u00f6niglichen Amtsstube in Segeberg &#8222;auf dem Kieler Umschlag&#8220;, d. h. also in der Zeit vom 6. bis 14. Januar. Im \u00dcbrigen war das Gut steuerfrei. Damit hatte man die politischen Fronten abgesteckt, doch die Reichsstadt L\u00fcbeck konnte und wollte sich mit dem Verlust der D\u00f6rfer nicht abfinden, blieb weiterhin an Moisling interessiert.<br \/>\nDr. Peter Guttkuhn<\/p>\n<p>\nhier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute setzen wir in hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-7275","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7275","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7275"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7275\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7275"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7275"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7275"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}