{"id":7349,"date":"2008-10-12T12:14:19","date_gmt":"2008-10-12T12:14:19","guid":{"rendered":"http:\/\/testserver\/wordpress\/?p=7249"},"modified":"2008-10-12T12:14:19","modified_gmt":"2008-10-12T12:14:19","slug":"dr_phil_peter_guttkuhn_202_jahre_lbeckisches_dorf_und_gut_moisling__teil_3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/dr_phil_peter_guttkuhn_202_jahre_lbeckisches_dorf_und_gut_moisling__teil_3\/","title":{"rendered":"Dr. phil. Peter Guttkuhn: &#8222;202 Jahre l\u00fcbeckisches Dorf und Gut Moisling&#8220; &#8211; Teil 3"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Dr.-Guttkuhn\" src=\"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/images\/topics\/Dr.-Guttkuhn.jpg\" alt=\"Dr.-Guttkuhn\" \/><br \/>\nHeute setzt hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe &#8222;Sonntags-Beitr\u00e4ge&#8220; mit dem 3. Teil des begonnenen &#8222;Drei-Teilers&#8220; fort. <\/p>\n<p>Foto (RB): Dr. Peter Guttkuhn<br \/>\n<!--more-->202 Jahre l\u00fcbeckisches Dorf und Gut Moisling<br \/>\n3. Teil<\/p>\n<p>L\u00fcbecks erstes &#8222;Addre\u00df=Buch nebst Lokal=Notizen und topographischen Nachrichten f\u00fcr das Jahr 1798&#8220; informierte seine Leser im Stil der Zeit: &#8222;Zu einem Spaziergange von einigen Stunden oder zu einer Lustfahrt findet man einen sehr unterhaltenden Weg au\u00dferhalb des M\u00fchlenthors nach den D\u00f6rfern Genin und Moisling (an letzterem Orte, wo viele Judenfamilien wohnen, ist ein Kaffeehaus) und von da in das Holstenthor zur\u00fcck, auf welchem man, von verschiednen mit Eichen besetzten Anh\u00f6hen herab, die Kr\u00fcmmungen der Trave, den Finkenberg, die Stadt im Hintergrunde, die angenehme Lage der beyden D\u00f6rfer selbst, an den Ufern der Trave und Stecknitz, und andre reizende Aussichten, insbesondre auch auf dem R\u00fcckwege, die Entstehung der Stecknitz aus der Trave gewahr wird&#8220;.<\/p>\n<p>Die k\u00f6nigliche Verordnung des aufgekl\u00e4rten Kronprinzregenten Friedrich vom 19. 12. 1804, wonach auf den adligen G\u00fctern in Schleswig und Holstein mit Wirkung vom 1. Januar 1805 die Leibeigenschaft (Schollengebundenheit) mit allen unangemessenen Diensten &#8222;g\u00e4nzlich und auf immer abgeschafft&#8220;, aufgehoben sein sollte, f\u00fchrte auf Gut Moisling vorerst zu keinen erkennbaren Konsequenzen. Tats\u00e4chlich mussten Moislinger Bauern (Hufner, Parzellisten, K\u00e4tner, Insten) und Einwohner (unterprivilegierte [Dorf-]Bewohner gegen\u00fcber st\u00e4dtischen B\u00fcrgern) bis 1810 Hand- und Spanndienste leisten: F\u00fcnf Bauern hatten jeder 12 Tage (10 Stunden einschlie\u00dflich der Pausen pro Tag) im Fr\u00fchjahr und acht Tage im Herbst zu dienen. Und von der Sommerernte berichten die Liegenschaftsakten des Guts: &#8222;Die 4 Koppeln mit Sommer Korn werden von den christlichen Einwohnern aufgebunden. Hierunter sind 5 Juden Wohnungen mit begriffen, als Moses Liepmann, Heyman Hirsch, Samson und Moses Wulff, Wulff Alexander, Meyer Jacob Wittwe &#8230; Die Binder erhalten f\u00fcr 4 Koppeln mit Sommer Korn f\u00fcr jede Koppel 1\/2 Tonne Bier&#8220;. <\/p>\n<p>An einer anderen Stelle hei\u00dft es &#8222;von denen Bauren und Einwohnern hier in Moisling betr. gew\u00f6hnliche Hofdienste: In der Korn Erndte m\u00fcssen alle die Christen wie auch der Jude Wulff das Sommer Korn aufbinden, wof\u00fcr 21\/2 tonne Biehr und ein Reichstaler als Krantz-Geld gegeben wird&#8220;. Unter einer Moislinger &#8222;Tonne Bier&#8220; haben wir uns ein Fa\u00df mit 150 Litern vorzustellen. Wer, wann, wie viel und welche Dienstpflicht zu leisten hatte, das hing ab von dem Haus, in dem der Guts-Untergeh\u00f6rige lebte, an der Art der historischen und pers\u00f6nlichen Abmachungen und Vertr\u00e4ge, die seiner Wohnung &#8222;anklebten&#8220;.<\/p>\n<p>Die G\u00fcter Moisling, Niendorf, Reecke werden 1806 l\u00fcbeckisch<\/p>\n<p>Am 30. April 1806 schrieb der d\u00e4nische K\u00f6nig einen Brief (&#8222;Patent&#8216;) an den Gutsbesitzer und alle Untergeh\u00f6rigen des Guts Moisling: &#8222;Wir Christian der Siebente &#8230; entbieten dir, dem Rathsverwandten Matth\u00e4us Rodde zu L\u00fcbeck als Besitzer des Guts Moisling &#8230; Unsere Gnade und f\u00fcgen euch zu wissen&#8220; &#8230; [es folgt der Sachverhalt des Vergleichs-Vertrags] &#8230; Und der K\u00f6nig schlie\u00dft mit den S\u00e4tzen: &#8222;So haben Wir euch solches mittelst dieses Briefes nicht nur in Gnaden er\u00f6ffnen,  sondern euch auch Kraft dieses anbefehlen und dahin anweisen wollen, da\u00df ihr von nun an B\u00fcrgermeistere und Rath der Reichsstadt L\u00fcbeck als eure alleinige Landesobrigkeit erkennet und derselben hinf\u00fchro alles dasjenige getreulich leistet, was ihr verm\u00f6ge der euch obliegenden Pflichten Uns und Unseren Vorfahren in der Regierung zu leisten bisher schuldig gewesen seyd, als wes Endes Wir euch samt und sonders, eurer bisherigen Uns und Unseren Erben schuldigen Pflichten hiedurch entbinden, und euch von deren weiteren Erf\u00fcllung lossprechen. Wornach sowohl du als die Untergeh\u00f6rigen des vorbenannten Guts sich allerunterth\u00e4nigst zu achten&#8220;.<\/p>\n<p>Am Dienstag, dem 17. Juni 1806, mu\u00dften alle in Moisling wohnenden Familienvorst\u00e4nde auf dem Gutshof des Ratsherrn Rodde erscheinen. Der Justitiar des Patrimonialgerichts, Lizentiat Dr. Ludwig Mentze, verlas das k\u00f6nigliche &#8222;Patent&#8220; und die &#8222;Notification&#8220; der Stadt L\u00fcbeck. Beide Publikationen wurden &#8222;sodann an den gew\u00f6hnlichen Orten wie auch in der Synagoge affigirt, \u00fcberdie\u00df den besonders vorgeladenen \u00c4ltesten und Vorstehern der j\u00fcdischen Gemeinde anbefohlen, die in der Synagoge aufgestellte Namens Chiffre des jetzigen K\u00f6nigs von D\u00e4nemark abzunehmen und statt dessen ein seiner Zeit ihnen einzuh\u00e4ndigendes Landeshoheitszeichen anzuheften, ferner, in ihren gottesdienstlichen Gebeten die F\u00fcrbitte f\u00fcr den K\u00f6nig von D\u00e4nemark zu unterlassen und f\u00fcr den Hochgedachten Senat einzulegen, endlich jede Verbindung mit dem Altonaischen Oberrabbiner g\u00e4nzlich abzustellen und den Mitgliedern ihrer Gemeinde die Befolgung dieses Befehls gleichfalls einzusch\u00e4rfen&#8220;.<\/p>\n<p>Und am vierten Sonntag nach Trinitatis, am 29. Juni 1806, gab auch der Geniner evangelisch-lutherische Pastor Johann Friedrich Brandes von der Kanzel seiner St.-Georg-Kirche &#8211; im Auftrag Eines Hochedlen Rates der Kaiserlichen und des Heiligen R\u00f6mischen Reichs freien Stadt L\u00fcbeck &#8211; Kenntnis vom Wechsel der Landeshoheit in den drei G\u00fctern Moisling, Niendorf und Reecke. Das Dorf Genin &#8211; bislang dem L\u00fcbecker Domkapitel geh\u00f6rend &#8211; war auf Grund von Vergleichs-Verhandlungen nach dem Reichsdeputationshauptschlu\u00df mit dem Herzog von Oldenburg bereits am 2. 4. 1804 in den Besitz der Stadt L\u00fcbeck gekommen.<\/p>\n<p>Nachdem der habsburgische Kaiser Franz II. am 6. August 1806 die r\u00f6misch-deutsche Krone in Wien niedergelegt und alle Reichsst\u00e4nde von ihren Pflichten entbunden hatte, endete das Heilige R\u00f6mische Reich Deutscher Nation, und die &#8218;freie Hansestadt&#8216; L\u00fcbeck wurde zu einem unabh\u00e4ngigen, v\u00f6lkerrechtlich souver\u00e4nen Staatswesen. Der Senat versuchte an der in nahezu 200 Jahren bew\u00e4hrten &#8218;ewigen&#8216; Neutralit\u00e4tspolitik in allen Reichskriegen weiterhin festzuhalten, nunmehr in enger Abstimmung mit den hansischen Schwesterst\u00e4dten Bremen und Hamburg. Ungewollt und unvorbereitet jedoch gerieten die drei St\u00e4dte &#8211; infolge der milit\u00e4rischen Operationen von Preu\u00dfen und Franzosen nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt (14. Oktober) &#8211; in ein bislang nicht da gewesenes, kontinentales, wirtschaftspolitisches Kriegsgeschehen. <br \/>\nAm 6. November nahmen 53 000 Soldaten der Grande Arm\u00e9e die Hafenstadt L\u00fcbeck im Sturm. Die nunmehr beginnende siebenj\u00e4hrige franz\u00f6sische (Besatzungs-)Zeit brachte L\u00fcbeck und Moisling einen katastrophalen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenbruch.<\/p>\n<p>In Moisling organisierten die \u00c4ltesten der j\u00fcdischen Gemeinde &#8211; Moses Bloch und Heymann Liefmann &#8211; in eigener Regie und Verantwortung Schutzwachen, indem sie acht Husaren verpflichteten, die in der Zeit vom 8. bis zum 10. November das Dorf und alle seine Bewohner zu besch\u00fctzen sich bem\u00fchten. Vom 9. bis zum 20. November 1806 &#8222;erhielten wir zur Bedeckung 3 Gendarms&#8220;, berichteten die Juden-\u00c4ltesten ihrem Gutsherrn. Diesen Selbsthilfema\u00dfnahmen, die insgesamt 585 Reichstaler kosteten, schlo\u00df sich sp\u00e4ter der Gutsp\u00e4chter Warncke an. <\/p>\n<p>Der Moislinger Gutsherr Senator Matth\u00e4us Rodde wurde am 11. November 1806 wegen seiner Finanzkraft, diplomatischen Erfahrung und patriotischen Gesinnung zum f\u00fcnften B\u00fcrgermeister der besetzten Stadt gew\u00e4hlt. Kaiser Napol\u00e9on gew\u00e4hrte ihm am 18. November in Berlin eine Audienz; doch die prek\u00e4re Lage L\u00fcbecks, seines Handelshauses und des Gutes Moisling verschlechterten sich zunehmend. Rodde musste 1810 die Zahlungen einstellen, Konkurs anmelden. Der heruntergekommene Moislinger Herrenhof wurde nach 143 Jahren wieder zum l\u00fcbeckischen Stadtgut.<\/p>\n<p>Am bedeutsamsten freilich &#8211; weil zukunftweisend &#8211; geriet (auch) f\u00fcr Moisling die Verkoppelung der Dorfsfeldmarken, d. h. die so genannte Gemeinheitsteilung, die &#8222;Einfriedigung der L\u00e4ndereien&#8220;, eine Arrondierung, die 1816 abgeschlossen wurde. Auf Grund dieser Agrarreformen entstand nicht nur die schleswig-holsteinische Knicklandschaft, dieser Reform, die bereits in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts eingeleitet worden war, verdankt das Land sein leistungsf\u00e4higes Bauerntum und seine hohe landwirtschaftliche Produktivit\u00e4t.<br \/>\nDr. Peter Guttkuhn<\/p>\n<p>hier-Luebeck bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn f\u00fcr die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages. <\/p>\n<p>Dr. Peter Guttkuhn:<br \/>\nDer Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-j\u00fcdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vortr\u00e4ge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Ma\u00df zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute setzt hier-luebeck die Vorstellung der Publikationen des in L\u00fcbeck arbeitenden Privatgelehrten und Historikers Dr. Peter Guttkuhn in der Reihe<\/p>\n","protected":false},"author":292,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-7349","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/292"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7349"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7349\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}