{"id":76843,"date":"2012-12-20T22:11:18","date_gmt":"2012-12-20T21:11:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hier-luebeck.de\/?p=76843"},"modified":"2012-12-20T23:31:25","modified_gmt":"2012-12-20T22:31:25","slug":"lettre-international-nr-90-neue-ausgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hier-luebeck.de\/index.php\/lettre-international-nr-90-neue-ausgabe\/","title":{"rendered":"Lettre International Nr. 90 \/ Neue Ausgabe"},"content":{"rendered":"<div>\n<hr align=\"center\" noshade=\"noshade\" size=\"2\" width=\"100%\" \/>\n<p><a href=\"http:\/\/www.lettre.de\/magazin\/li-99\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Cover Lettre International 99, Franz Erhard Walter\" src=\"http:\/\/www.lettre.de\/sites\/localsite\/files\/imagecache\/Cover_300px\/images\/magcovers\/Titel_99_500pxbr_0.png\" alt=\"Cover Lettre International 99, Franz Erhard Walter\" width=\"226\" height=\"310\" \/><\/a>Nun liegt die 99. Ausgabe von <em>Lettre International<\/em> f\u00fcr Sie bereit &#8211; im gut sortierten Buchhandel, am Kiosk oder ab Verlag. Wir freuen uns, Ihnen ein interessantes, reichhaltiges und inspirierendes Heft f\u00fcr die etwas k\u00e4lteren, dunkleren Wintertage pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. In der Winterausgabe entfaltet sich ein konzeptioneller Augenschmaus des deutschen K\u00fcnstlers <strong>Franz Erhard Walther <\/strong>sowie eine atemberaubende Photoreportage aus Vogelperspektive zur Gef\u00e4hrdung der Meere von <strong>Daniel Beltr\u00e1<\/strong>. Der <em>Lettre<\/em>-Tisch ist in dieser Jahreszeit der Feste besonders bunt und liebevoll gedeckt &#8211; duftende Kuchen und Leckerbissen aller Art erwarten Sie! Lassen Sie sich \u00fcberraschen!<\/p>\n<p><strong><a title=\"http:\/\/www.lettre.de\/\" href=\"http:\/\/www.lettre.de\"><span style=\"color: #0080c0;\" title=\"http:\/\/www.lettre.de\/\">www.lettre.de<\/span><\/a><\/strong>.<!--more-->In den Zeiten, in denen das Zeitungssterben um sich greift, ist Lettre International besonders auf die Verbundenheit seiner Leser und Anzeigenkunden angewiesen und m\u00f6chten die Gelegenheit nutzen, daran zu erinnern, da\u00df <em>Lettre<\/em> auch ein anspruchsvoller Werbetr\u00e4ger ist. Bis zum 31. Januar 2013 noch gilt das unwiderstehliche Angebot:<strong> TAKE FOUR!<\/strong> <strong>Buchen Sie f\u00fcr 2013 vier Anzeigen und bezahlen Sie nur drei! <\/strong>(Zus\u00e4tzlich erhalten Sie gegebenenfalls einen Verlags- oder Kulturrabatt von 5 %).<\/p>\n<p><strong>LETTRE INTERNATIONAL 99 &#8211; INHALT<\/strong><\/p>\n<p><strong>Leben und Literatur<\/strong><\/p>\n<p>In seiner Geschichte<em> <strong>Wale aus anderen Zeiten<\/strong> <\/em>meditiert der im April 2012 verstorbene gro\u00dfe italienische Schriftsteller <strong>Antonio Tabucchi<\/strong> \u00fcber Wahrheit und Imitation, Erinnerung, Betrug und literarische Erfindung und erliegt den Verf\u00fchrungen der Erz\u00e4hlkunst: Eine Dame, die sich auf der Durchreise befindet, fordert einen jungen Walf\u00e4nger auf, zu betr\u00fcgen. <em>&#8222;Und er betr\u00fcgt. Seinen Vater, den Beruf seiner V\u00e4ter, sein Zuhause, seine Herkunft, mit einem Wort alles; er wird S\u00e4nger in einer zwielichtigen Bar. Er wird abtr\u00fcnnig. Und eines Tages mu\u00df er feststellen, da\u00df ihn die Person, die ihn aufgefordert hat zu betr\u00fcgen, ihrerseits betr\u00fcgt, und sein Betrug umsonst gewesen ist.&#8220;<\/em> Er ertappt seine Dame dabei, da\u00df ein Matrose ihr Gesellschaft leistet, holt von zuhause seine Harpune und ersticht sie. Warum hat er sie nicht schon an Ort und Stelle erw\u00fcrgt?<\/p>\n<p><em>&#8222;Ein Genie der Narratologie hat gesagt, wenn in einer Erz\u00e4hlung oder auch in einem Film ein Gewehr an der Wand h\u00e4ngt, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter damit geschossen, da ist nichts zu machen. Schauen Sie, ich habe in meinen B\u00fcchern eine Ewigkeit lang Gewehre an die Wand geh\u00e4ngt, ohne einen Schu\u00df abzufeuern, aber diesmal habe ich mich dazu entschlossen, ich habe die Grammatik befolgt, der Walf\u00e4nger hatte an einem Haken eine scharf geschliffene Harpune h\u00e4ngen, sie stand zu meiner Verf\u00fcgung, ich konnte dem Grammatiker ein wenig Stoff zum Kauen geben, ich habe der Versuchung nachgegeben, hin und wieder mu\u00df man im Leben etwas Gutes tun. Und ehrlich gesagt, habe ich es auch ein wenig f\u00fcr sie getan, f\u00fcr die arme Frau&#8220;.<\/em><\/p>\n<p><strong>RELIGION, GELD, REPUBLIK<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Identit\u00e4tspanik<\/em><em> <\/em><\/strong>kennzeichnet unsere heutige Gesellschaft, so der tschechische Philosoph <strong>V\u00e1clav Belohradsk\u00fd<\/strong>.<\/p>\n<p>In Soziologie der modernen Gesellschaft war das &#8222;Theorem der S\u00e4kularisierung&#8220; wesentlich: Die Moderne impliziert die Akzeptanz einer ungewissen historischen Zeit, aus der es kein Entrinnen in die Ewigkeit gibt. Der moderne Mensch mu\u00df sich zwischen immer mehr und immer widerspr\u00fcchlicheren M\u00f6glichkeiten entscheiden und kann keine seiner Entscheidungen mehr mit dem Verweis auf ewige &#8222;geschichts\u00fcbergreifende Wahrheiten&#8220; begr\u00fcnden. Auf die postmoderne Gesellschaft scheint das Theorem der S\u00e4kularisierung jedoch keine Anwendung mehr finden zu k\u00f6nnen. Die Globalisierung hat die geschichtliche Zeit \u00fcberlastet und unter ihrem Druck ents\u00e4kularisiert sich Europa. Die Abwendung von der Vernunft und eine R\u00fcckwendung zur &#8222;religi\u00f6sen Identit\u00e4t&#8220; sind die Konsequenzen.<\/p>\n<p>Neben dem &#8222;postbipolaren Chaos&#8220; nach dem Ende des Kalten Krieges erleben wir ein &#8222;postprofessionelles Chaos&#8220; &#8211; den Niedergang der Arbeit als Beruf und als Quelle von Identit\u00e4t, Anerkennung und Selbstvergewisserung. Auch der Multikulturalismus tr\u00e4gt zum Chaos bei: Er postuliert Anerkennung f\u00fcr Identit\u00e4ten, ohne da\u00df diese sich noch der Kritik im \u00f6ffentlichen Raum aussetzen m\u00fc\u00dften. Damit hat es den universalisierenden Kritizismus geschw\u00e4cht, ohne den eine Integration in die Gesellschaft rationaler Individuen nicht m\u00f6glich ist. Eine aufgekl\u00e4rte Gesellschaft hingegen braucht Anerkennung aus dem kritischen, argumentativen Geist der Kultur. Die durch diese Prozesse ausgel\u00f6ste Unsicherheit wird \u00fcbert\u00f6nt von einem neuen &#8222;Willen zum Glauben an Gott&#8220;, dem Versuch, dieser Identit\u00e4tspanik durch die R\u00fcckkehr zu jenen Formen der Ordnung zu begegnen, die dem Chaos, das sie ausgel\u00f6st hat, vorausgegangen sind. Eine skeptische, luzide Diagnose unserer Zeit.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Gamms<\/strong> Essay <em><strong>Das metaphysische Bed\u00fcrfnis <\/strong><\/em>fragt nach der<em> &#8222;R\u00fcckkehr der G\u00f6tter und anderer zwielichtiger Gestalten&#8220;<\/em>. Gibt es nicht doch eine anhaltende anthropologische Sehnsucht nach dem, was \u00fcber die Welt, wie sie ist, oder wie wir sie kennen, hinausgeht? Ist nicht Religion vielleicht die (beste) Antwort auf diese Sehnsucht? Zeugt nicht das Wiedererwachen eines vielf\u00e4ltigen religi\u00f6sen Bewu\u00dftseins &#8211; das sich vom reichen Nordamerika bis in die Slums der Mega-Citys der Dritten Welt beobachten l\u00e4\u00dft -, davon, da\u00df die weltlichen Sinnanversprechen der Aufkl\u00e4rung, des Humanismus, des Sozialismus und des Nationalismus, des (Neo-)Liberalismus oder des Kommunitarismus kaum je eingel\u00f6st wurden?<\/p>\n<p>Es scheint, dass die gro\u00dfen s\u00e4kularen Rahmenerz\u00e4hlungen der modernen Welt ihre sinnstiftenden Versprechen nicht einhalten konnten; den Platz von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Bildung und Erziehung versuchen die Religionen nun erneut einzunehmen. Mit ihrem Versprechen einer Selbst- und Sinnerweiterung durch religi\u00f6se Erfahrung scheint sie mit der Unwirtlichkeit einer entzauberten Welt besser zurechtzukommen als die Programme, die auf innerweltliche Zwecke setzen. Was ist dran an dieser Behauptung einer &#8222;Wiederkehr der Religion&#8220;?<\/p>\n<p>Heute steht, so Gamm, weder der Wunsch nach Offenbarungswahrheit noch nach Wissen um letzte Bedeutungen im Vordergrund, sondern ein Bed\u00fcrfnis nach Orientierung. Die metaphysischen Fragen bleiben erhalten, stellen sich jedoch anders. Es ist eine Interessenverschiebung von den <em>letzten<\/em> zu den <em>vorletzten<\/em> <em>Dingen<\/em> zu beobachten. Es sieht so aus, als sei es f\u00fcr unsere individuelle und kollektive Trieb\u00f6konomie nicht so wichtig, ob Gott existiert oder nicht, eher, ob man auf \u00fcberweltliche M\u00e4chte rechnen kann, \u00fcber die das eigene, schwer durchschaubare Leben in Ans\u00e4tzen strukturierbar bleibt. Man operiert in seinen mentalen Bilanzen in gewisser Weise mit einem h\u00f6heren Wesen, auch wenn man hinsichtlich seiner Existenz nicht sicher zwischen Realit\u00e4t und Fiktion unterscheidet. Was sich entwickeln k\u00f6nnte, ist eine <em>&#8222;Metaphysik von unten&#8220;,<\/em> ein &#8222;<em>Denken \u00fcber sich selbst hinaus, ins Offene.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Elektronische B\u00f6rsen<\/strong><\/em><strong> <\/strong>im Mikrosekundentakt beobachtet <strong>Donald Mackenzie<\/strong> &#8211; und entdeckt Beunruhigendes: Der Parketthandel, dieses <em>&#8222;Gedr\u00e4nge schwitzender, schreiender und gestikulierender K\u00f6rper&#8220;<\/em>, wurde abgel\u00f6st durch den Hochfrequenzhandel mit Computern, die in Tausendstelsekunden ihre Orderauftr\u00e4ge \u00e4ndern, je nach Marktlage, die in <em>Realzeit<\/em> erfa\u00dft wird. Kauf- und Verkaufsauftr\u00e4ge \u00e4ndern sich im Millisekundentakt, gesteuert durch Algorithmen, deren Handelsstrategien die Konkurrenz mit <em>algo-sniffing<\/em> auszusp\u00e4hen und zuvorzukommen sucht. Die automatisierten, elektronischen <em>market maker <\/em>\u00fcbertrumpfen sich gegenseitig &#8211; bis pl\u00f6tzlich eine Crash-Spirale entsteht, so geschehen am 6. Mai 2010: Innerhalb kurzer Zeit lagen die irrwitzigen Kursschwankungen am Anschlag, einige Titel waren bis auf einen Cent nach unten gefallen, andere rasten in die H\u00f6he bis zum Maximalwert von 99 999,99 Dollar je Aktie. Als Ursache machte die B\u00f6rsenaufsicht den Handel mit Future-Kontrakten aus &#8211; und gab sich mit einem automatischen Stop-Mechanismus zufrieden, der Menschen anstelle der Maschinen f\u00fcnf Sekunden Zeit l\u00e4\u00dft, um die Situation zu &#8222;\u00fcberdenken&#8220; und &#8222;Vertrauen wiederzugewinnen&#8220;. Doch Systeme, die gleicherma\u00dfen eng gekoppelt wie auch hoch komplex sind, sind gef\u00e4hrlich. Hohe Komplexit\u00e4t in einem System erfordert Zeit, um in Schieflagen richtig zu reagieren; enge Kopplung bedeutet, da\u00df man diese Zeit nicht hat. Das Kreditsystem, welches 2007\/08 so spektakul\u00e4r zusammengebrochen ist, erholt sich langsam, aber die Regierungen haben sich noch nicht mit den systemischen Fehlern befa\u00dft, die zu der Krise gef\u00fchrt haben. Der Aktienhandel ist ein solches System. Bislang wurde wenig getan, um sicherzustellen, da\u00df sich solche Krisen nicht wiederholen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Ekkehart Krippendorffs<\/strong> \u00fcberraschende Neuinterpretation von Goethes <em>Dichtung und Wahrheit<\/em> sieht diesen Text gepr\u00e4gt vom Geiste einer b\u00fcrgerlichen Gleichheitsethik und vom Wunsche einer Begegnung auf Augenh\u00f6he mit Menschen aller Klassen und Schichten in wechselseitigem Respekt. <em>&#8222;Das Herrliche und Erhebende unserer Vaterstadt bestehe <\/em>(darin)<em>, da\u00df alle B\u00fcrger sich einander gleich halten d\u00fcrften, und da\u00df einem Jeden seine T\u00e4tigkeit nach seiner Art f\u00f6rderlich und ehrenvoll sein k\u00f6nne &#8230;&#8220; <\/em>Die Festnahme Voltaires auf Gehei\u00df des Preu\u00dfenk\u00f6nigs Friedrich II. in Goethes Vaterstadt Frankfurt hingegen gilt ihm als abschreckendes Beispiel absolutistischer Willk\u00fcr. Aus solchen Jugenderlebnissen und Goethes Erfahrungen als Finanz- und &#8222;Abr\u00fcstungs&#8220;-Minister des Herzogs von Weimar erwuchsen die &#8222;Maximen&#8220; als Grundlage einer ethischen Haltung <em>&#8222;f\u00fcr ein gedeihliches, friedliches Zusammenleben in wechselseitiger F\u00f6rderung&#8220;<\/em>. <em>&#8230; <\/em>Der Dichter dachte an eine B\u00fcrgergesellschaft, die vom <em>&#8222;H\u00f6chsten bis zu dem Tiefsten, von dem Kaiser bis zu dem Juden herunter die mannigfaltigste Abstufung aller Pers\u00f6nlichkeiten anstatt sie zu trennen zu verbinden schien&#8220;<\/em>. All das war untergegangen in den Kriegen, der Franz\u00f6sischen Revolution, unter napoleonischer Herrschaft, aber statt eines Abgesangs auf diese Werte setzt der Geheime Rat den Tagebucheintrag <em>&#8222;Regieren!!&#8220;<\/em> &#8211; mit Weimar als <em>&#8222;kleinerer Option republikanischer Erneuerung angewandter Aufkl\u00e4rung&#8220;<\/em>. Aus <strong><em>Goethes Bildungsm\u00e4rchen<\/em> <\/strong>entsteht ein veritables Lehrbuch zur politischen Kultur.<\/p>\n<p><strong>ARABISCHE PERSPEKTIVEN<\/strong><\/p>\n<p><em>&#8222;Finsternis senkt sich \u00fcber die arabische Welt. Verschwendung, Tod und Zerst\u00f6rung begleiten einen Kampf um besseres Leben. Au\u00dfenseiter konkurrieren um Einflu\u00df, alte Rechnungen werden beglichen. (&#8230;) Es ist ein Gerangel um die Macht entbrannt, ohne klare Regeln und Werte, ohne absehbares Ende; weder die Abl\u00f6sung eines Regimes noch dessen \u00dcberleben werden einen Schlu\u00dfstrich darunter ziehen. Die Geschichte bewegt sich nicht vorw\u00e4rts; sie rutscht seitw\u00e4rts weg. <\/em><\/p>\n<p><em>Es kommt zu Spielen innerhalb von Spielen: Aufst\u00e4nde gegen Autokraten, der konfessionelle Zusammensto\u00df von Sunniten und Schiiten, regionales Machtgerangel, ein kalter Krieg unter neuen Vorzeichen. Nationen zerbrechen, Minderheiten erwachen, wittern eine Chance, sich restriktiver staatlicher Fesseln zu entledigen. Das Bild ist verschwommen.&#8220;<\/em> Die Nahost-Experten<strong> Hussein Agha<\/strong> und <strong>Robert Malley<\/strong> vertreten in einem gro\u00dfen Essay zu den Umbr\u00fcchen in der arabischen Welt die \u00dcberzeugung: <strong><em>Der Islamismus lebt auf<\/em> <\/strong>&#8211; von Revolution kann keine Rede sein. <em>&#8222;Die Muslimbr\u00fcder, noch gestern vom Westen als gef\u00e4hrliche Extremisten verworfen, sehen sich heute als vern\u00fcnftige, n\u00fcchterne Pragmatiker gefeiert und allenthalben begr\u00fc\u00dft. Die eher traditionellen Salafisten, ehedem allergisch gegen jede Politik, k\u00f6nnen es heute kaum erwarten, sich den W\u00e4hlern zu stellen. Dar\u00fcber hinaus finden sich undurchsichtige bewaffnete Gruppierungen und Milizen von zweifelhafter Loyalit\u00e4t und Provenienz ebenso wie Kriminelle, Stra\u00dfenr\u00e4uber, Entf\u00fchrer und Gangs. <\/em><\/p>\n<p><em>Was B\u00fcndnisse anbelangt, geht es drunter und dr\u00fcber (&#8230;) So stellen sich theokratische Regime hinter S\u00e4kularisten, reden Tyrannen der Demokratie das Wort, verb\u00fcnden die USA sich mit Islamisten, bef\u00fcrworten Islamisten die milit\u00e4rische Intervention durch den Westen. Arabische Nationalisten stellen sich auf die Seite von Regimen, die sie lange bek\u00e4mpft haben; Liberale suchen den Schulterschlu\u00df mit Islamisten, um ihnen im n\u00e4chsten Augenblick an die Kehle zu gehen. Saudi-Arabien unterst\u00fctzt S\u00e4kularisten gegen die Muslimbr\u00fcder und Salafisten gegen S\u00e4kularisten. Die USA wiederum bilden eine Allianz mit Irak, der seinerseits mit Iran liiert ist, der hinter dem Regime in Syrien steht, bei dessen Sturz man in Amerika mitwirken zu k\u00f6nnen hofft. Dar\u00fcber hinaus pflegen die USA sowohl ein B\u00fcndnis mit Katar, das die Hamas subventioniert, als auch mit Saudi-Arabien, das die Salafisten finanziert, die wiederum die Dschihadisten inspirieren, welche Amerikaner t\u00f6ten, wann immer und wo es nur geht.&#8220; <\/em><\/p>\n<p><em>Und wo sind die nichtislamischen progressiven Kr\u00e4fte geblieben? Werden sie irgendwann eine neue Chance bekommen? War das letzte Jahrhundert ein Irrtum f\u00fcr die arabische Welt, eine Abweichung vom vorgegebenen islamischen Weg? Oder ist das augenblickliche Wiederaufleben des Islamismus eine Anomalie, ein vor\u00fcbergehender R\u00fcckfall in eine l\u00e4ngst \u00fcberholte Vergangenheit? Welches ist der Umweg, welches ist der nat\u00fcrliche Weg?&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Etel Adnan<\/strong><strong> <\/strong>ist Dichterin, Philosophin, Dramatikerin und Malerin. 1925 wurde sie geboren. Ihr aus Damaskus stammender muslimischer Vater war der letzte Gouverneur des Osmanischen Reiches in Smyrna, ihre Mutter griechisch-orthodox. Nach der Zerst\u00f6rung der Stadt 1923 emigrierte die Familie ins franz\u00f6sische Mandatsgebiet &#8222;Paris der Levante&#8220;. Adnan wurde <em><strong>Geboren in Beirut<\/strong><\/em>. Zu Hause sprach sie T\u00fcrkisch und Griechisch, auf der Stra\u00dfe Arabisch, in der Schule Franz\u00f6sisch. Sp\u00e4ter lehrte sie Philosophie in den USA. Ihrem Leben ist das Drama des Nahen Ostens eingeschrieben. In einer gro\u00dfen tour d&#8217;horizon erz\u00e4hlt sie aus ihrem Leben als arabische Kosmopolitin, vom Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und den falschen Versprechungen der arabischen Unabh\u00e4ngigkeit durch Lawrence von Arabien, von der Neuaufteilung des Nahen Ostens in franz\u00f6sische und britische Einflu\u00dfzonen nach dem Ersten Weltkrieg, von der Vertreibung der Griechen aus Smyrna 1922, von der Mi\u00dfachtung des griechischen Widerstands gegen die Nazibesatzung und der Privilegierung der T\u00fcrkei als westlicher B\u00fcndnispartner, vom faszinierenden Beirut als dem &#8222;Paris des Nahen Ostens&#8220; der zwanziger- und drei\u00dfiger Jahre, vom Libanon eines nicht enden wollenden B\u00fcrgerkriegs mit seinen Interventionen von au\u00dfen; von Macht und Geld, von arabischem Stolz und Stammesdenken, von der &#8222;Teile und Herrsche&#8220;-Politik des Westens, von finsteren Machtfiguren und westlicher Doppelmoral, von islamischem und christlichem Fundamentalismus, von der Misere der Region und dem Mentalit\u00e4tswandel, der erforderlich ist, um eine Entwicklung auch der arabischen Gesellschaften m\u00f6glich zu machen. Und sie spricht \u00fcber die Hoffnungen, welche auf den Schultern der Frauen und der Kultur ruhen.<\/p>\n<p><strong>ERLEUCHTETE REISEN &#8211; VON SAND UND MEER<\/strong><\/p>\n<p>Eine trunkene Reise unternimmt <strong>Bora Cosic<\/strong> entlang nieder\u00f6sterreichischer Landschaften mit ihren gewaltigen Donauwindungen und ihrem bunten Muster aus Obst- und vor allem Weing\u00e4rten, in einem herrlichen Herbst mit un\u00fcbertrefflichen Fr\u00fcchten und von enzyklop\u00e4discher Tiefe. Die Wachau oder M\u00e4hren d\u00fcrfen als Heimat der Veredelungskunst gro\u00dfer Reben und auch von Menschen gelten, doch ist diese Landschaft auch trunken von Vergangenheit und habsburgischer Geschichte. Der Reisende beobachtet, wie sich Menschen an berauschenden Getr\u00e4nken laben, ihn verf\u00fchren D\u00fcfte und Stimmungen. <em>&#8222;\u00dcberall in diesem Land werden Kuchen gebacken &#8230; Ich wei\u00df nicht, was alles notwendig ist, um ein Produkt dieser Art zu etwas au\u00dfergew\u00f6hnlich Verf\u00fchrerischem zu machen, aber ich bin sicher, da\u00df es bei dieser Arbeit unerh\u00f6rte Geheimnisse geben mu\u00df, dann Geduld und dazu menschliche Fr\u00f6hlichkeit. (&#8230;) Man m\u00fc\u00dfte schon einmal wissen, wieviel von etwas im Kuchen ist, das sich gegen jede Bosheit richtet, in ihm ist, scheint mir, alles dem H\u00e4\u00dflichen, der Wut, dem Ha\u00df entgegengesetzt.&#8220;<\/em> Nachdem er unter Aprikosenb\u00e4umen den Honig der herbstlichen Jahreszeit geschl\u00fcrft hat, f\u00fchrt uns Cosic ins Labyrinth Wiens, schildert die Manier der Wiener Secession, die Erfindung des modernen Designs, \u00e4gyptische Einfl\u00fcsse im Handwerk und die Wiener &#8222;Kolonialwarenhandlungsstimmung&#8220; sowie Wiens einstige Winnetousche Buntheit. Ob im Riesenrad des Praters, auf dem Wiener Ring oder im Dreivierteltakt des Walzers &#8211; Wien lebt vom Einkreisen und Ausschlie\u00dfen, ja vom Blutkreislauf in der Zeit. &#8222;Der Tango ist, sagen wir, die s\u00fcdliche, kreolische und s\u00fcdamerikanische Antwort auf das, was in Wien komponiert wurde; mit seinen Stakkati, seiner Melancholie und dichten Erotik stellt er ebenfalls ein Denkmodell her; der Walzer wurde indes geschaffen, um den Kreisel des Wiener und mitteleurop\u00e4ischen Lebens von unl\u00e4ngst zu bestimmen. Und seines Todes vielleicht.&#8220; Doch die Donau flie\u00dft, wie ein Blutkreislauf. Welch ein<em> <\/em><em><strong>Donaubaedeker<\/strong>.<\/em><strong> <\/strong><\/p>\n<p>Wenn <strong>Wassili Golowanow<\/strong> Fauna und Flora in meist abgelegenen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion erkundet, folgt er Eingebungen einer von ihm entwickelten &#8222;Geopoesie&#8220;: Der russische Schriftsteller und Journalist versteht es, in seinen Reise-Essays F\u00e4den aus Zeitgeschichte, Kultur- und Naturhistorie, Gesellschaftsstudien und geographische Exkursionen zu einer Topographie der Sprache seines jeweiligen Protagonisten zu verweben. Mit <strong><em>Chlebnikows V\u00f6gel<\/em> <\/strong>portr\u00e4tiert der Kenner der russischen B\u00fcrgerkriegs-\u00c4ra ein Zentralgestirn des russischen Futurismus, den Wanderer Welimir Chlebnikow, &#8222;Blumenpriester und Bolschewik&#8220;. Der Sohn eines passionierten Ornithologen erlauschte am Kaspischen Meer, inmitten von Weiden mit Wildkr\u00e4utern, Heckenrosen und Hanf, die Lautmalereien der V\u00f6gel, h\u00f6rte darin Sternensprache und G\u00f6ttergekr\u00e4chz. In Golowanows Lesart wiederum weckt die fein modulierte Phonetik von Zwitschern, Girren und Zirpen zugleich Erinnerungen an die Goldene Horde, Stenka Rasin und die Weisheit der Sufis. Mit geopoetischem Gesp\u00fcr f\u00fchrt er die Lettre-Leser an Begegnungspunkte der Kulturen, an magische Orte, wo \u00e4gyptische Gottheiten, persische Poeten und die russische Avantgarde aufeinandertreffen.<\/p>\n<p><strong>Heroische St\u00f6rung &#8211; Kunst als Gegengift des Schreckens<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber Kunst und Macht, Utopie und Geschichte, Widerstand und Einsamkeit reflektiert der K\u00fcnstler <strong>Mark Lammert<\/strong>. Sein faszinierendes Portr\u00e4t verkn\u00fcpft Ideen, Beobachtungen, Texte und Erfahrungen vier herausragender K\u00fcnstler zu einem Drama der Kunst im &#8222;Zeitalter der Extreme&#8220;. <em>&#8222;Corneliu Baba und Heiner M\u00fcller, Malaparte und Malraux verbindet: alle vier sind mit Bildern operierende Berichterstatter, Kriegsberichterstatter &#8211; Andr\u00e9 Malraux, berichtet von Verteidigungskriegen, Curzio Malaparte von Angriffskriegen, Heiner M\u00fcller von einem kalten Krieg und der rum\u00e4nische Maler Corneliu Baba von einem latenten, anonymen B\u00fcrgerkrieg.&#8220;<\/em> Alle vier waren verstrickt in die Trag\u00f6dien der Geschichte, den Kampf zwischen Diktatur und Kunst, den Willen zur Revolution und die Entleerung utopischer Ideen. <em>&#8222;Sofort nach der Befreiung hattet ihr die Sympathien aller Intellektueller des Abendlandes, auch Amerikas, f\u00fcr euch&#8220;,<\/em> polemisiert Malaparte 1948 an die Adresse der Kommunistischen Partei, <em>&#8222;Und aus welchem Grunde habt ihr diese Sympathien verloren? Weil ihr die Notwendigkeit proklamiert habt, der Freiheit des Denkens und der k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfung Grenzen zu setzen <\/em><em>[<\/em><em>&#8230;<\/em><em>]<\/em><em> Ihr Kommunisten habt die Manie, euch gar nicht bestehende Probleme zu erschaffen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>&#8222;<em>Auf der Suche nach dem neuen Menschen sto\u00dfen wir gleichzeitig auf den Menschen&#8220;<\/em>, konstatiert Corneliu Baba. Lammert zeigt, wie Heiner M\u00fcller, Dramatiker im Kalten Krieg und der Maler Corneliu Baba im latenten B\u00fcrgerkrieg Rum\u00e4niens unter Ceausescu, angesichts der Permanenz des Schreckens um eine Kunst nach der Utopie k\u00e4mpften, auf der Palette ihrer Farben, in der Dichte ihrer Formen. <em>&#8222;Die Vorteile meiner Malerei sind aus dem Nachteil erwachsen, im Osten zu leben, aus dem Nachteil, an allen Albtr\u00e4umen dieser Epoche teilzunehmen, die mich obsessiv bis in meine Malerei hinein verfolgten. Meine Phantasie verlangte nach dem gewundenen Weg, nach der menschlichen Trag\u00f6die mit ihrer Brutalit\u00e4t, Gewalt und Feigheit, von der die Geschichte seit Jahrhunderten erf\u00fcllt ist.&#8220; <\/em>Wie Heiner M\u00fcller in der DDR sah auch Baba die Utopie gescheitert, mochte sich aber nicht einfach mit dieser Diagnose abgeben.<em> <\/em>Vertraut mit der Ikonenmalerei und den Geheimnissen byzantinischer Kunst, ausgebildet in der akademischen Tradition, pa\u00dfte Baba zum sozialistischen Realismus, bis er seinen Ruhm in den Ring warf, um eine <em>&#8222;Auseinandersetzung nicht der Bilder wegen zu f\u00fchren, sondern durch Bilder&#8220;.<\/em> Dem entspricht M\u00fcllers Verdikt: <em>&#8222;Drama braucht Diktatur&#8220;<\/em>. Kann Kunst das Gegengift sein zur Selbstvergiftung Europas durch uners\u00e4ttliche Akkumulation von Reichtum und Macht? Oder bleibt vielleicht doch nichts von den gewonnenen Partien der K\u00fcnstler und es vollendet sich die Vergiftung?<\/p>\n<p>Als herausragender Journalist und Dokufilmer (<em>Pariser Journal<\/em>, <em>Personenbeschreibung<\/em>), als Paris-Experte und Prominentenj\u00e4ger vermag <strong>Georg Stefan Troller <\/strong>Ber\u00fchmtheiten aus dem Kultur- und Geistesleben unerwartete Gedanken und Bekenntnisse zu entlocken. In seinen <strong><em>Vergegenw\u00e4rtigungen<\/em> <\/strong>schildert er Begegnungen mit <em>Marlene Dietrich <\/em>bei der Truppenbetreuung der GIs 1944 und sp\u00e4ter, vor ihrem Konzert im Pariser Th\u00e9\u00e2tre de l&#8217;\u00c9toile, Gespr\u00e4che \u00fcber Liebe und Gef\u00fchle: <em>&#8222;Wo ist letztlich der Unterschied zwischen M\u00e4nnerliebe und Frauenliebe?&#8220; &#8222;M\u00e4nner wollen besitzen, Frauen wollen besessen werden.&#8220; &#8222;Klingt ein bi\u00dfchen altmodisch, viktorianisch?&#8220; &#8222;Sagen wir, bei M\u00e4nnern spielt das Triumphieren eine Hauptrolle, Frauen suchen die Identifizierung des gro\u00dfen Gef\u00fchls mit sich selber. Anwesende immer ausgenommen.&#8220;<\/em><em> <\/em>Ihr <em>Mentor, Josef von Sternberg <\/em>erz\u00e4hlt \u00fcber ihre Karriere und ihre letzten Briefe, darunter einer an Liz Taylor: <em>&#8222;Du hast gro\u00dfen M\u00e4nnern genug angetan. Jetzt schluck deine Diamanten runter und halt die Schnauze.&#8220;<\/em> In Kalifornien trifft der Autor vor Schwobs Drugstore <em>Groucho Marx<\/em>&#8218;, der von seiner Karriere und seinem Abschied aus Hollywood erz\u00e4hlt: <em>Ist es denn schwer, sich mit dem Altern abzufinden, Mister Marx?&#8220; &#8222;Ach was, jeder kann alt werden, er mu\u00df blo\u00df lang genug leben.&#8220;<\/em> Unerf\u00fcllbare Herzensw\u00fcnsche der Verfechter der Freien Liebe entdeckt er bei tumultu\u00f6sen Begegnungen in Pariser Caf\u00e9 de Flore mit <em>Jean-Paul Sartre<\/em> und <em>Simone de Beauvoir. <\/em>In diesen Erinnerungen, die zum zeitgeschichtlichen Panorama werden, verr\u00e4t der Erfinder des <em>Pariser Journals<\/em> auch einiges \u00fcber seine eigene Biographie: <em>Louis-Ferdinand C\u00e9line<\/em>, den brillanten Pariser Schriftsteller und fanatischen Antisemiten f\u00fchrt Troller, der Gymnasiast, 1937 durchs &#8222;Rote Wien&#8220; der Arbeitersiedlungen. <em>Karl Valentin<\/em>, dem Komiker, begegnet er 1945 als GI, der im Auftrag von &#8222;Radio M\u00fcnchen&#8220; nach unbelasteten Mitarbeitern sucht &#8211; und auf Valentins Partnerin <em>Liesl Karlstadt<\/em> trifft: <em>&#8222;Wie man ihn g&#8217;fragt hat, was er h\u00e4lt vom Hitler-Regime, wissen&#8217;s was seine Antwort war? I sag gar nix, das wird man doch noch sagen derfen.&#8220;<\/em> Mit Troller redet Valentin, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: druckreif.<\/p>\n<p><strong>MITTERNACHTSKINDER<\/strong><\/p>\n<p>Im zweiten Teil seines brillanten Indienportr\u00e4ts, <em><strong>Idee und Realit\u00e4t Indiens<\/strong>,<\/em> widmet sich der Historiker <strong>Perry Anderson<\/strong> der Entwicklung des Landes von der Unabh\u00e4ngigkeit 1947 bis heute. Ein Land mit 30 Sprachen, heute 28 Bundesstaaten (1947 waren es 14), einer Vielzahl an Traditionen, Religionen, Kasten und sozialen Gruppen hat es geschafft, Stabilit\u00e4t zu bewahren. Doch abseits der Liturgie der dreieinigen indischen Werte von Demokratie, S\u00e4kularismus und Einheit &#8211; Indiens Ideologie &#8211; ist das Land von schweren Problemen gepr\u00e4gt. Die Einheit wurde immer wieder mit Gewalt und der Verh\u00e4ngung des Ausnahmeszustands durchgesetzt, Kaschmir milit\u00e4risch erobert- <em>&#8222;Im Tal der Skorpione ist die Kugel die einzige Antwort&#8220;<\/em>, hie\u00df es. Das Naga-Land wurde brutal annektiert. Es gibt b\u00e4uerliche Aufstandsbewegungen. Das Kastenwesen wurde niemals abgeschafft und ist gleichbedeutend mit der puren Negation aller Ideen von Freiheit und Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit, ein wahrer K\u00e4fig der Demokratie. Muslime werden in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Megakorruption und Verwandtschaftsgef\u00e4lligkeiten durchziehen die Verwaltung. Dynastien und Clans beherrschen ganze Parteien. Die Sicherheitsagenturen, eine Art Schattenstaat, umfassen zwei Millionen Mitarbeiter. Und der S\u00e4kularismus kleidet sich nicht selten in die Gew\u00e4nder des Hinduismus. Und doch ist die &#8222;Idee Indiens&#8220; nicht nur ein Mythengewebe. Die Koexistenz so vieler Sprachen, die Dauerhaftigkeit der parlamentarischen Regierungsformen, die Lebendigkeit des kulturellen Lebens, die Energie intellektueller Debatten und die Eleganz der besten gesellschaftlichen Umgangsformen &#8211; all dies bietet Anla\u00df zu Stolz. Aber die Realit\u00e4t der Union ist oft sehr viel dunkler. Die &#8222;Idee&#8220; ist ein sp\u00e4t entstandener Mutant des indischen Nationalismus. Ist ein Staat einmal unabh\u00e4ngig aus dem antikolonialen Befreiungskampf hervorgegangen, wird das, was ein Diskurs des nationalen Erwachens war, gerne zu einer Form der Selbstberauschung. In Indien ist diese Gefahr gro\u00df &#8211; wegen der r\u00e4umlichen Gr\u00f6\u00dfe des Landes und der Umst\u00e4nde seiner Entstehung. Notwendig ist eine Distanzierung von den Totems einer romantisierten Vergangenheit und von deren Reliquien in der Gegenwart.<\/p>\n<p><strong>ZUKUNFTSMUSIK<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Wagner in Ru\u00dfland<\/strong><\/em><strong> <\/strong>&#8211; weitgehend im Dunkel liegt die Rezeption des Komponisten dort, dabei f\u00fchrte er in St. Petersburg 1863 mit einem Orchester von 130 Musikern, darunter 24 erste Violinen, das <em>Lohengrin<\/em>-Vorspiel auf; <em>Lohengrin<\/em> erlebte 135, <em>Tannh\u00e4user<\/em> 137 Auff\u00fchrungen bis 1914. <em>Der Ring<\/em> wurde 1889 viermal aufgef\u00fchrt. Wagners kompositorische &#8222;Zauberkunst&#8220; begeisterte die russischen Symbolisten, seine Schrift <em>Das Kunstwerk der Zukunft<\/em> galt ihnen als Vision, wie die Kluft zwischen Volk und Intelligenz zu schlie\u00dfen sei. Meyerholds Interpretation von <em>Tristan und Isolde<\/em> war ein Meilenstein auf dem Weg zum modernen Regietheater, mit seiner <em>Rienzi<\/em>-Inszenierung setzt er 1921 Meilensteine seines antiillusionistischen Aktionstheaters. Da hatte der sowjetische Volkskommissar f\u00fcr das Bildungswesen, Anatoli Lunatscharski, seine Wagner-Begeisterung schon in die sozialistische \u00c4ra \u00fcberf\u00fchrt, und zu Lenins Beisetzung erklang der <em>Trauermarsch<\/em> aus der <em>G\u00f6tterd\u00e4mmerung<\/em>. Stalin lie\u00df 1940 die <em>Walk\u00fcre<\/em> von Sergej Eisenstein inszenieren, welcher auf den Spuren des Wagnerschen Gesamtkunstwerks einer <em>&#8222;synthetischen Verschmelzung von Emotion, Musik, Wirklichkeit, Licht und Farbe&#8220;<\/em> das Wort redet. Spurenelemente des musikalischen Magiers aus Deutschland finden sich sogar in Michail Bulgakows Roman <em>Der Meister und Margarita<\/em>. <strong>Martin Gecks<\/strong> Studie zur atemberaubenden Karriere Richard Wagners in Ru\u00dfland offenbart ein recht unbekanntes Kapitel deutsch-russischer Kulturgeschichte.<\/p>\n<p>Der Pianist und Komponist <strong>Michael Wollny<\/strong> spielt so ungew\u00f6hnliche Musik, da\u00df er 2007 in England zum &#8222;vielversprechendsten Newcomer des Jahres&#8220; erkl\u00e4rt wurde. Mit <strong>Ralf Dombrowski<\/strong> spricht er \u00fcber die Beziehungen zwischen Philosophie und Musik, \u00fcber Existenzialismus, Freiheit und Determinismus, \u00fcber Reflexion und Intuition und die Energien der Improvisation aus dem Mangel an Vorbereitung; \u00fcber Studio- und Konzertmusik, Experiment und Inspiration, Gravitationskr\u00e4fte des Moll und Gef\u00fchlsr\u00e4ume des Dur, \u00fcber Mischpulte und Effektmaschinen, Tricks, Kniffe und Gestaltungstechniken &#8211; \u00fcber Jazz als st\u00e4ndige<em> <\/em><em><strong>Gratwanderung<\/strong><\/em>. Ist der Jazz tot, wenn man ihn nicht mehr mit Nachtclub, Saxophon, Zigarettenrauch, Schwarz-Wei\u00df-\u00c4sthetik und metaphysischem Dunkel verbindet? Wir erleben Grenzerfahrungen, Abgr\u00fcnde und Komik, den Reiz des Unheimlichen und Horror als Mittel, Energien freizusetzen, sich aus der Reserve zu locken, spielerisch verborgene T\u00fcren zu \u00f6ffnen und sich selbst und andere zu \u00fcberraschen: All that Jazz!<\/p>\n<p><strong>BRIEFE UND KOMMENTARE<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sergio Benvenuto<\/strong> nimmt Italiens ungew\u00e4hlte und oft als antidemokratisch kritisierte &#8222;technokratische Regierung&#8220; Mario Montis zum Anla\u00df, um zu fragen: <strong><em>Mu\u00df Demokratie scheitern?<\/em> <\/strong>Seine Antwort beginnt mit der Analyse von vier Schl\u00fcsselkonzepten der pluralistischen Demokratie. Die &#8222;holistisch-charismatische Version&#8220; (wonach Demokratie von einem gew\u00e4hlten charismatischen F\u00fchrer geleitet wird), die &#8222;linke Version&#8220; (Demokratie als Instrument zum Kampf f\u00fcr wachsende Gleichheit) die &#8222;rechte Version&#8220; (Demokratie basierend auf dem Unsichtbaren Gehirn) und eine Version, nach der Demokratie eine n\u00fctzliches Werkzeug f\u00fcr Mitglieder der Machtelite ist, ihre internen Konflikte auszutragen. Die Sympathie des Philosophen und Psychoanalytikers geh\u00f6rt dem Streben nach Gleichheit &#8211; aber eine wirklich egalit\u00e4re Gesellschaft aufzubauen scheint dem <em>homo sapiens<\/em> schwerzufallen.<\/p>\n<p>Ein neuer Eiserner Vorhang zieht sich durch Europa, nicht mehr zwischen Ost und West, sondern zwischen Nord und S\u00fcd &#8211; so<strong> <\/strong>beginnt<strong> Pedro Rosa Mendes,<\/strong> langj\u00e4hriger Angola-Korrespondent der Lissabonner Zeitung <em>Publico<\/em> die Chronik eines Verfalls: Vor wenigen Jahrzehnten noch koloniale Macht in Afrika, leidet Portugal heute unter Arbeitslosigkeit, Armut und Auswanderung. W\u00e4hrend die \u00d6lmilliard\u00e4re Angolas mit ihrem florentinischen Lebensstil und ihrer Finanzmacht Einflu\u00df im Land ihrer einstigen Kolonialherrscher gewinnen, kehren die portugiesischen Kolonialherren von einst als Arbeitsuchende ins \u00d6lparadies Angola zur\u00fcck. Eine ganze Generation gebildeter Portugiesen findet zu Hause kein Auskommen mehr &#8211; es bleibt nur die Emigration. Die bittere Bilanz eines Landes, das einmal hoffnungsvoll nach Europa aufgebrochen ist. <em><strong>Portugal Finis terrae.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Von Gesch\u00e4ftsleuten, Daytradern, deutschen Ingenieuren, bosnischen T\u00fcrstehern, Flugbegleiterinnen der Emirates und indischen Gastarbeitern in Dubai erz\u00e4hlt <strong>Martin Brinkmann<\/strong> in seinen <em><strong>W\u00fcsten Tr\u00e4umen<\/strong><\/em>, einer irritierenden Kurzgeschichte \u00fcber Globalisierung, weltweite Vernetzung, Armut und Reichtum, weltweite Verteilungsk\u00e4mpfe, arabische Unruhen, die Leere des Luxuskonsums, den Schrecken der Bilder- und Kapitalstr\u00f6me und den Zynismus als Abwehrrektion.<\/p>\n<p>Einen akademisch korrekten Professor, der sich beim Verfassen einer Einleitung zu seiner Geschichte des Dritten Reichs in unterdr\u00fcckten Gef\u00fchlen und der eigenen Vergangenheit verheddert und darauf im Keller seines Hauses einen unterirdischen Stollen aushebt, macht <strong>William H. Gass<\/strong> zum unsympathischen Protagonisten seines Romans <em>Der Tunnel<\/em>. Mehr als 16 Jahre arbeitete der US-Autor an seinem opus magnum &#8211; und schrieb in dieser Zeit <em>&#8222;alle meinen anderen B\u00fccher, um dieses Buch zu umgehen, so unangenehm war es mir&#8220;<\/em>. Im Gespr\u00e4ch mit <strong>Sieglinde Geisel<\/strong> erkl\u00e4rt Gass, da\u00df <em>&#8222;die Herausforderung darin besteht, da\u00df Schreckliche so sch\u00f6n darzustellen, da\u00df der Leser sagt: Oh, das ist so wunderbar, das lese ich gleich noch einmal!&#8220;<\/em> Der Schriftsteller verr\u00e4t uns, was die <strong><em>Musik der Sprache<\/em> <\/strong>ausmacht und wie er in seinem Schreibproze\u00df philosophische Exkurse und schweinische Limericks zu jener Art von Literatur vereinigt, <em>&#8222;die erst durch die Worte entsteht, mit denen sie erz\u00e4hlt wird.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die indische Schriftstellerin, <strong>Urvashi Butalia<\/strong>, prognostiziert, da\u00df die Lebenswirklichkeit der Inderinnen in Zukunft v\u00f6llig anders aussehen wird als bisher. In einem Land, das \u00fcber eine der \u00e4ltesten und dynamischsten Frauenbewegungen der Welt verf\u00fcgt, gewinnt weiblicher Unternehmergeist an Terrain und erobert neue T\u00e4tigkeitsfelder, sogar auf h\u00f6chster Ebene wie in der Industrie, im Bankwesen, im staatlichen Sektor oder im Kunstbetrieb. Frauen bekleiden hohe politische \u00c4mter und Aktivistinnen setzen sich f\u00fcr den Umweltschutz ein. Frauen k\u00e4mpfen gegen enorme Widerst\u00e4nde an, um ihr Leben selbstst\u00e4ndig zu bestimmen. Dennoch nimmt die Gewalt an Frauen zu, je st\u00e4rker die indischen St\u00e4dte sich globalisieren und die Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst. Entsetzliche Armut, Unterern\u00e4hrung, Tod im Kindbett, h\u00e4usliche Gewalt, geschlechtsspezifische Abtreibungen geh\u00f6ren immer noch zur Wirklichkeit indischer Frauen: doch <em><strong>der Schleier f\u00e4llt<\/strong><\/em>. Probleme werden aufgegriffen, und im ganzen Land arbeiten Frauen f\u00fcr ein besseres Leben.<\/p>\n<p>Zwei prototypische Gestalten des ausgehenden &#8222;Amerikanischen Jahrhunderts&#8220; beleuchtet <strong>Tom Engelhardt <\/strong>in seiner Korrespondenz <em><strong>Petraeus, Farce und Geschichte<\/strong>:<strong> <\/strong><\/em>Pr\u00e4sident George W. Bush hat die Gr\u00fcnde f\u00fcr den von ihm entfesselten Krieg gegen Irak schlicht erfunden. David Petraeus kam es darauf an, die Kriege in Irak oder Afghanistan der eigenen Bev\u00f6lkerung &#8222;zu verkaufen&#8220;: Ein US-General trat nicht an, eine Schlacht zu gewinnen, er verlegte sich auf Medienoffensiven und die Eroberung der eigenen Hauptstadt Washington. Bald galt er dort als &#8222;Messias der Milit\u00e4rgeschichte&#8220; &#8211; obwohl die von ihm verfa\u00dfte neue Armeedoktrin sich als uninspirierte Neuauflage der schon in Vietnam desastr\u00f6s gescheiterten Counterinsurgency-Strategie entpuppte. Aber erst die Aff\u00e4re mit seiner Biographin zwang &#8222;General Betray Us&#8220; zum R\u00fccktritt, wie Bush eine <em>&#8222;Galionsfigur des amerikanischen Desasters, das in der Maske des Erfolgs einherging&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Michail Ryklin<\/strong> widmet sich in seiner Korrespondenz aus Moskau einer <em><strong>Bruderschaft hinter Stahlt\u00fcren<\/strong><\/em>. Seit Dostojewskij ist es in Ru\u00dfland \u00fcblich, die Europ\u00e4er des extremen Individualismus&#8216; zu zeihen und, folglich, der Umwandlung ihres Glaubens zu einen leblosen Ritual. Dabei w\u00e4hnen sich die Bewohner des &#8222;orthodoxen Imperiums&#8220;, Tr\u00e4ger des &#8222;br\u00fcderlichen Elements&#8220;, des Gemeinschaftlichen und sonstiger kollektivistischer Tugenden zu sein.<\/p>\n<p>Doch wie sieht es mit dem pathetisch verk\u00fcndeten Kollektivismus in Wirklichkeit aus? Das Wort &#8222;Volk&#8220; ist den meisten heilig, was sie nicht hindert, ihren Nachbarn mit unverhohlenem Argwohn zu begegnen. Und so geht es von unten nach oben: das eine wird verk\u00fcndet, getan wird etwas ganz anderes. Die Machthaber denken laut nur an den Dienst am Volke, in Wirklichkeit wissen sie nur wenig von ihm, denn sie sind mit eigener Bereicherung besch\u00e4ftigt; die &#8222;staatliche&#8220; Kirche predigt Demut, ist aber mit der Bedienung der Macht und Gesch\u00e4ftemachen voll ausgelastet.<\/p>\n<p><strong>25 Jahre Lettre International!<\/strong> Freuen Sie sich auf das <strong>Jubil\u00e4umsheft Nr. 100<\/strong> im Fr\u00fchjahr. Mit der Ausgabe 100 begehen wir im kommenden Fr\u00fchjahr das 25. Jahr der Existenz von Lettre International.<\/p>\n<p>Anla\u00df genug, diese 25 Jahre Revue passieren zu lassen &#8211; wir versammeln Stimmen und Kunst aus der ganzen Welt.<\/p>\n<p>Bleiben Sie \u00fcber <em>Lettres<\/em> Aktivit\u00e4ten informiert auf der Facebook-Seite unter <a title=\"http:\/\/www.facebook.com\/Lettre.International\" href=\"http:\/\/www.facebook.com\/Lettre.International\"><span style=\"color: #0970a2;\" title=\"http:\/\/www.facebook.com\/Lettre.International\">www.facebook.com\/Lettre.International<\/span><\/a><span style=\"color: #0970a2;\">.<\/span><\/p>\n<p><span>Ab heute liegt das Winterheft <\/span>von <em>Lettre International<\/em> f\u00fcr Sie bereit &#8211; am Kiosk und im Buchhandel, an Bahnh\u00f6fen, Flugh\u00e4fen oder ab Verlag (<a title=\"http:\/\/www.lettre.de\/\" href=\"http:\/\/www.lettre.de\">www.lettre.de<\/a>)<strong><\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div>LI 99, Winter 2012<\/div>\n<div>Preis: 11,00\u20ac inkl. 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