Politik & Wirtschaft

Zukunft der Innenstadt: Wandel wird aus Mut gemacht

Wie kann die Lübecker Innenstadt auch in Zukunft ein lebendiger Ort für Begegnung, Kultur, Wohnen und Wirtschaft bleiben? Diese Frage stand im Mittelpunkt des GRÜNtalks der Grünen Fraktion Lübeck. Gemeinsam mit Expert*innen sowie zahlreichen Bürger*innen diskutierte die Fraktion über Herausforderungen, Perspektiven und konkrete Ideen für die Vitalisierung der Innenstadt

Zu Gast waren Olivia Kempke (Lübeck Management e.V.), Sophie May (Stadtmanufaktur), Inga Mueller-Haagen (ArchitekturForumLübeck e.V.) sowie Frank Müller-Horn (Stadtökonom).

Innenstadt im Wandel

Zum Auftakt machte Olivia Kempke vom Lübeck Management e.V. deutlich, dass sich Innenstädte bundesweit in einem tiefgreifenden Transformationsprozess befinden. Der klassische Einzelhandel verliere an Bedeutung, während neue Nutzungen an Bedeutung gewinnen. Die Lübecker Innenstadt bezeichnete sie als „Diamanten, dem teilweise die nötige Wertschätzung verloren gegangen ist“. Entscheidend sei, die Altstadt nicht allein als Einkaufsort zu betrachten, sondern als kulturelles, touristisches und soziales Zentrum für die gesamte Region.

Innenstädte würden ihrer Ansicht nach nicht am Onlinehandel sterben, sondern an Zielkonflikten und fehlenden Prioritäten. Leerstand sei nicht das Problem, sondern Mittelmaß und ein fehlendes Profil. Es brauche daher, Mut zur Flächenreduktion im Handel, neue Nutzungskonzepte für leerstehende Gebäude, eine aktive Boden- und Immobilienpolitik sowie klare politische Prioritäten zugunsten der Innenstadt.

Neue Ideen für lebendige Zentren

Sophie May brachte Erfahrungen aus Stadtentwicklungsprojekten in ganz Deutschland und Europa ein. Sie betonte, dass erfolgreiche Innenstädte heute von vielen Akteur*innen gemeinsam gestaltet werden – von Kommunen über Wirtschaft bis hin zu Bürgerinitiativen.

Ein zentraler Ansatz sei das Prinzip der „tausend Nadelstiche“: viele kleine, schnell umsetzbare Maßnahmen statt ausschließlich großer Masterpläne. Als Beispiele nannte sie, temporäre Nutzungen und kulturelle Veranstaltungen, kreative Zwischennutzungen leerstehender Räume, Spiel- und Aufenthaltsangebote für Familien, kleine Förderprogramme für lokale Projekte sowie mehr Grün und Maßnahmen zur Klimaanpassung.

Solche niedrigschwelligen Maßnahmen könnten sichtbar zeigen, dass sich Innenstädte verändern und weiterentwickeln und die Aufenthaltsqualität verbessern.

Öffentlichen Raum und Verkehr neu denken

Auch Fragen der Stadtgestaltung und Mobilität spielten eine wichtige Rolle. Inga-Mueller Haagen vom ArchitekturForum erinnerte an frühere Beteiligungsprozesse zur Entwicklung der Altstadt. Dabei sei bereits vor Jahren ein breiter Konsens entstanden, den Autoverkehr in der Altstadt zu reduzieren, Durchfahrtsachsen zu begrenzen und öffentliche Plätze stärker für Menschen zu öffnen. Sie erinnerte an den positiven Verkehrsversuch in der Beckergrube, der zeigte wie ein Straßenraum mit wenig Mitteln aufgewertet werden konnte. Ähnliches wünsche sie sich auch für Holstenstraße oder den Krähenplatz.

Viele dieser Ideen seien jedoch bislang nur teilweise umgesetzt worden. Gleichzeitig wurde betont, dass die Erreichbarkeit der Innenstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiterhin gewährleistet bleiben müsse.

Mehr Aufenthaltsqualität statt Konsumzwang

Frank Müller-Horn machte deutlich, dass Innenstädte künftig mehr konsumfreie Orte benötigen, die allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung stünden. Parks, Plätze, Kulturangebote und Veranstaltungen könnten dazu beitragen, Menschen unabhängig vom Einkauf in die Innenstadt zu ziehen.

Als Beispiele wurden unter anderem kleine „Pocket Parks“ auf ehemaligen Parkplätzen oder temporäre Sitz- und Grünflächen genannt, die mit wenig Aufwand neue Treffpunkte im Quartier schaffen könnten.

Mit mutigen Ideen Lübecks Innenstadt neu denken

Dazu Sophia Marie Pott, kulturpolitische Sprecherin der Grünen Fraktion:

„Das große Interesse und die lebhafte Diskussion haben gezeigt, wie wichtig und emotional das Thema Innenstadt für viele Lübecker*innen ist. Für uns als Fraktion ist es wertvoll, sowohl die Perspektiven von Expert*innen als auch die Rückmeldungen der Bürger*innen mitzunehmen.

Lübeck bringt große Stärken mit: eine einzigartige Altstadt, eine lebendige Kulturszene und große touristische Anziehungskraft. Entscheidend ist jetzt, diese Qualitäten selbstbewusst weiterzuentwickeln und sichtbar zu machen.

Dabei dürfen wir nicht vergessen: In der Lübecker Altstadt leben rund 14.000 Menschen. Die Zukunft der Innenstadt entscheidet sich deshalb nicht allein im Einzelhandel. Sie entsteht aus einer klugen Mischung aus Wohnen, Kultur, Gastronomie, Begegnung und lebendigem öffentlichem Raum.

Innenstadtentwicklung bedeutet heute mehr als Einzelhandel. Es geht darum, unsere Altstadt nicht nur als Konsumraum, sondern als Lebensraum für alle zu stärken. Viele skandinavische Städte zeigen bereits eindrucksvoll, wie gut das funktionieren kann.

Klar wurde auch: Mehr Stadtgrün und weniger Autoverkehr steigern die Aufenthaltsqualität – und am Ende profitieren davon auch Handel und Gastronomie. Diesen Weg wollen wir in der Stadtentwicklung konsequent weitergehen.”

Dr. Axel Flasbarth, Co-Fraktionsvorsitzender ergänzt:

„Bei der Vitalisierung der Innenstadt braucht es Mut zu neuen Wegen, zu manchmal auch ungewöhnlichen Ideen. “Übergangsweise” war ein erstes gutes Projekt, dass leider nun zu Ende ist. Wie müssen dahin kommen, dass die positiven Maßnahmen eines solchen Projektes auch direkt verstetigt werden können.

Vor allem müssen die Planungswerke der Stadt auch verbindlich eingehalten werden. Von den sechs als “kurzfristig” benannten Projekten im Rahmenplan Innenstadt wurde mit der Stadtgrabenbrücke seit 2019 erst ein einziges Projekt realisiert. Das ist zu wenig.

Interessant waren die Ansätze von Frau May, die das Konzept der “1.000 Needles” vorstellte, d.h. die Umsetzung von vielen kostengünstigen Mikroprojekten zur Innenstadtbelebung. Und den Ansatz von Mailand, die ca. 40 Innenstadtplätze kurzfristig und mit temporären Mitteln umgestaltet haben und mit diesen begrenzten Mitteln schon sehr viel an besserer Qualitätslenkung und Aufenthaltsqualität hinzugewonnen haben. Solch einen Ansatz kann ich mir auch in Lübeck in vielen Fällen sehr gut vorstellen. Zum einen, weil so auch bei engen finanziellen Spielräume schon viel erreicht werden kann, zum anderen aber auch, weil man so kostengünstig Ideen ausprobieren und laufend verbessern oder auch wieder verwerfen kann. Diese Ideen nehmen wir sehr gerne als Anregung in unsere Fraktionsarbeit mit auf.”