Politik & Wirtschaft

Kurs Zukunft: Maritime Industrie als strategischer Standortfaktor

Die maritime Industrie ist ein zentraler Standortfaktor für Schleswig-Holstein – doch unsichere industriepolitische Rahmenbedingungen, geopolitische Spannungen und stockende Genehmigungen gefährden ihre Wettbewerbsfähigkeit. Beim 8. Maritimen Parlamentarischen Abend setzt die IHK Schleswig-Holstein ein deutliches Signal: Wir brauchen schnellere Verfahren, verlässliche Rahmenbedingungen und gezielte Investitionen, damit die maritime Wertschöpfungskette stabil bleibt und wachsen kann.

Die maritime Industrie ist für Schleswig-Holstein weit mehr als ein Wirtschaftssektor – sie ist strategische Infrastruktur. Knud Hansen, Präsident der IHK zu Kiel und Vizepräsident der IHK Schleswig-Holstein, macht deutlich, weshalb die maritime Wertschöpfungskette eine industriepolitische Priorität haben muss: „Von See aus gedacht, gehören wir zur industriellen Mitte Deutschlands – nicht zum Rand. Nur wenn Industrie‑, Sicherheits‑ und Standortpolitik zusammengedacht und mit Verlässlichkeit hinterlegt werden, können Unternehmen ihre technologische Stärke ausspielen. Die maritime Industrie ist Hochtechnologie unter realen Bedingungen – und braucht entsprechend stabile, planbare Rahmenbedingungen.“

Standort und Wettbewerb

Schleswig-Holstein tritt im maritimen Wettbewerb gegen Staaten an, die ihre Werften und Zulieferketten strategisch absichern und mit langfristigen Industriestrategien unterstützen. Knud Hansen macht klar: „Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich nicht im Markt allein. Ein Standort, der Entscheidungen forciert, klare Zuständigkeiten hat, moderne Infrastruktur bietet und verlässliche Finanzierung ermöglicht – dort wird investiert, dort entstehen Arbeitsplätze und dort wird internationale Wettbewerbsfähigkeit erreicht.“

Sicherheit und Souveränität

Die sicherheitspolitische Lage zunehmend Taktgeber – auch für die maritime Industrie. Knud Hansen führt aus: „Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass globale Lieferketten stabil bleiben, Rohstoffe immer verfügbar sind und Unternehmen viel Geduld bei öffentlichen Aufträgen zeigen.“ Resilienz ist keine Selbstverständlichkeit und kann nicht über Nacht entstehen. „Wir brauchen robuste eigene maritime Industriekapazitäten“, fordert Hansen. Konkret bedeutet das: Gezielte Investitionen, resilientere Entscheidungsstrukturen und eine klare bundes- und landespolitische Priorisierung maritimer Sicherheitstechnologien. „Industriepolitik, Sicherheitspolitik und Standortpolitik sind enger miteinander verwoben als je zuvor – und gerade in Nord- und Ostsee trägt die maritime Industrie eine sicherheitsrelevante Verantwortung für Deutschland und Europa.“

Dass die maritime Industrie für Sicherheit, Resilienz und industrielle Leistungsfähigkeit gleichermaßen entscheidend ist, bestätigt auch die Landesregierung. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen hebt die besondere Rolle hervor: „Als Bundesland zwischen den Meeren spielen schleswig-holsteinische Unternehmen, Werften und Zulieferer eine wichtige sicherheitspolitische und infrastrukturelle Rolle. Der enorme globale Zeitdruck, sowie begrenzte Kapazitäten und Flächen, erfordern mutige, schnelle und effiziente Entscheidungen über unsere Grenzen hinweg. Die Landesregierung unterstützt deshalb aktiv internationale Partnerschaften mit unseren Werften und Zulieferbetrieben, um den stetig wachsenden Bedarf an Aufwuchs und Modernisierung einer leistungsstarken maritimen Flotten Deutschlands und seiner Verbündeten voranzubringen.

Ein weiteres Angebot der Landesregierung ist das gemeinsam mit Akteuren aus Wirtschaft, Wirtschaftsförderung und Wissenschaft initiierte technologieorientierte Innovationsnetzwerk der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in Schleswig-Holstein – TechHUB SVI Nord. Schleswig-Holstein kann mit seinen starken Unternehmen einen substanziellen Beitrag als verlässlicher Quality-Partner leisten. Darin sehe ich die hohe industriepolitische Verantwortung des Landes.“

Auch der Blick der Branche unterstreicht, wie dringend klare politische Entscheidungen für die maritime Industrie sind.

Dr. Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik, macht dies deutlich: „Legen wir gemeinsam den Hebel um auf Kurs Wachstum! – Die geopolitischen Entwicklungen zeigen, wie dringend eine leistungsstarke maritime Industrie gebraucht wird. Wir bringen in Deutschland, in Schleswig-Holstein exzellente Fähigkeiten ein. Aber wir brauchen auch Rahmenbedingungen, die ermöglichen, nicht behindern. Die Rückenwind geben, damit die Industrie ihre Aufgaben erledigen kann. Deutschland braucht jetzt eine Haltung, die auf Chancen nutzen setzt. Davon gibt es reichlich in der maritimen Industrie!“

Die Perspektive der maritimen Zulieferindustrie zeigt zudem, wie stark robuste Lieferketten und verlässliche Partnerschaften über den Erfolg des Standorts entscheiden. Malte Witowski, Geschäftsführer der Friesland-Kabel GmbH, betont: „In Zeiten geopolitischer Spannungen tragen Unternehmen eine gesellschaftliche Verantwortung und leisten einen entscheidenden Beitrag dazu, Wohlstand zu sichern und unsere Demokratie zu bewahren – durch verlässliches Handeln, nachhaltige Entscheidungen und starke Partnerschaften. Hierbei sind resiliente Lieferketten in der maritimen Branche unerlässlich und ein strategischer Wettbewerbs- und Standortfaktor. Robustheit, Verlässlichkeit und echte Partnerschaft entlang der Wertschöpfungskette sind längst keine reinen Effizienzthemen mehr, sondern sie sind strategische Erfolgsfaktoren.“

Zentrale Forderungen der IHK Schleswig-Holstein auf einen Blick:

  • Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen: Bürokratie abbauen, Zuständigkeiten klären, Prozesse digitalisieren
  • Dual‑Use‑Technologien gezielt fördern: für zivile und militärische Anwendungen
  • Zugang zu öffentlichen Aufträgen verbessern – besonders für KMU
  • Physische Infrastruktur modernisieren: Straßen, Schienen, Kaikanten, sichere Wasserzugänge, Verschlickungsmanagement
  • Fachkräfteeinwanderung erleichtern und Ausbildungswege stärken
  • Planungssicherheit für Werften und Zulieferer erhöhen: öffentliche Projekte früh ankündigen und zuverlässig umsetzen
  • Norddeutsche Werftenkooperation bei Marineaufträgen ermöglichen und stärken
  • Finanzierung der Munitionsbergung langfristig absichern: Munitionsbergungsplattformen als neues Werftsegment
  • Rechtsrahmen für großskaliges Schiffrecycling in Deutschland schaffen: Kreislaufwirtschaft, Rohstoffsicherung
  • Vernetzung entlang der maritimen Wertschöpfungskette stärken: Kooperation von Werften, Zulieferern, Dienstleistern und Forschung

Positionen der IHK Schleswig-Holstein zur maritimen Industrie

Die IHK Schleswig-Holstein versteht sich als starke Stimme der maritimen Wirtschaft im Land zwischen den Meeren. Mit dem aktuellen Positionspapier zur maritimen Industrie bündelt sie die Anliegen und Perspektiven von Unternehmen, Verbänden und Institutionen entlang der Küsten und Wasserwege. Ziel ist es, den ökonomischen und sicherheitspolitischen Beitrag der maritimen Industrie sichtbar zu machen und zukunftsfähige Rahmenbedingungen einzufordern.

Weitere Informationen zum IHK-Positionspapier unter: www.ihk.de/sh/maritimeindustrie