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Fischerei hat nur Zukunft mit gesunden Meeren

Foto: Gemini KI generiert TBF

  • BUND SH fordert verbindlichen Wiederherstellungsplan für Dorsch und Hering
  • Öffentliche Förderung nur für ökosystemverträgliche Fischerei
  • Wirksame Nullnutzungszonen und weniger Nährstoffeinträge notwendig

Kiel. Die Zukunft der Fischerei in Schleswig-Holstein entscheidet sich nicht allein an Fangquoten und Förderprogrammen, sondern vor allem am Zustand von Nord- und Ostsee. Anlässlich der schriftlichen Anhörung des Umwelt- und Agrarausschusses des schleswig-holsteinischen Landtags zur „Zukunft und Existenzsicherung der Fischerei in Schleswig-Holstein“ fordert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Schleswig-Holstein e. V. (BUND SH) einen grundlegenden Kurswechsel: Fischereipolitik und Meeresschutz müssen gemeinsam gedacht werden.

„Wer der Fischerei langfristig eine Zukunft geben will, muss zuerst ihre natürliche Lebensgrundlage sichern. Ohne gesunde Fischbestände, intakte Laichgebiete und widerstandsfähige Meeresökosysteme kann es keine dauerhaft tragfähige Fischerei geben. Fördergelder müssen deshalb konsequent an ökologische Leistungen gekoppelt werden und den notwendigen Wandel unterstützen, statt nicht nachhaltige Strukturen künstlich zu erhalten“, sagt Verena Platt-Till, Meeresschutzreferentin des BUND SH.

Nord- und Ostsee sind weiterhin vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Neben dem Fischereidruck beeinträchtigen insbesondere zu hohe Nährstoffeinträge, Sauerstoffmangel, Schadstoffe, der Klimawandel und der Verlust wertvoller Lebensräume die Ökosysteme. Aus Sicht des BUND SH greift es deshalb zu kurz, die Existenzsicherung der Fischerei losgelöst vom Zustand der Meere zu diskutieren.

Wiederherstellungsplan für Dorsch und Hering notwendig

Besonders kritisch ist die Situation von westlichem Ostseedorsch und westlichem Ostseehering. Die Landesregierung benennt in ihrer Antwort auf die schriftliche Anhörung zwar wesentliche Ursachen für den schlechten Zustand der Bestände. Nach Auffassung des BUND SH fehlen jedoch weiterhin ein verbindlicher Wiederherstellungsplan, konkrete Zwischenziele und eine nachvollziehbare Erfolgskontrolle.

Der BUND fordert, wissenschaftliche Fangempfehlungen konsequent zu berücksichtigen und vermeidbare Fänge und Beifänge weiter zu reduzieren. In eine Wiederherstellungsstrategie müssen Berufsfischerei und Freizeitfischerei ebenso einbezogen werden wie die Reduzierung der Nährstoffeinträge und der Schutz von Laich- und Aufwuchsgebieten.

„Wir können nicht auf die Rückkehr stabiler Fischbestände hoffen und gleichzeitig ihre Lebensräume weiter mit Stickstoff und Phosphor belasten. Die Ostsee braucht messbare Reduktionsziele, ein belastbares Monitoring der Zuflüsse und wirksame Maßnahmen an Land. Meeresschutz beginnt nicht erst an der Küstenlinie“, sagt Prof. Dr.-Ing. Dietmar Schitthelm vom BUND SH.

Aus Sicht des BUND reichen freiwillige Maßnahmen zur Verringerung der Nährstoffbelastung nicht aus. Notwendig sind verlässliche Daten über die tatsächlichen Nährstofffrachten in den Ostseezuflüssen und eine konsequente Verringerung der Einträge aus Landwirtschaft und Abwasser.

Schutzgebiete müssen tatsächlich schützen

Ein weiterer Schwerpunkt der BUND-Stellungnahme ist die Wirksamkeit von Meeresschutzgebieten. Schutzgebiete können ihre Funktion als Rückzugs-, Laich- und Aufwuchsgebiete nur erfüllen, wenn schädliche Nutzungen dort dauerhaft eingeschränkt und die Regelungen wirksam kontrolliert werden.

Der BUND SH fordert deshalb gemäß Bundesnaturschutzgesetz mindestens 51 Prozent verbindliche Nullnutzungszonen im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Grundberührende Fischerei soll zunächst aus allen Meeresschutzgebieten ausgeschlossen und langfristig beendet werden. Zugleich müssen Kontrollen ausreichend personell und technisch ausgestattet sein.

Auch bei Offshore-Windparks mahnt der BUND eine differenzierte Betrachtung an. Der Ausschluss grundberührender Fischerei kann örtlich Rückzugsräume für Fische und andere Meerestiere schaffen. Gleichzeitig gehen von Bau und Betrieb der Anlagen erhebliche Belastungen für andere Teile des Meeresökosystems aus. Windparks können deshalb keine Meeresschutzgebiete ersetzen.

Artenschutz und Fischerei zusammendenken

Beim Schutz von Schweinswalen und tauchenden Meeresenten fordert der BUND eine unabhängige Überprüfung der bestehenden freiwilligen Vereinbarungen anhand tatsächlicher Beifangzahlen. Wo freiwillige Maßnahmen nicht ausreichen, müssen verbindliche Schutzmaßnahmen und beifangärmere Fangmethoden folgen.

Auch beim Europäischen Aal sieht der BUND grundlegenden Handlungsbedarf. Angesichts des schlechten Bestandszustands fordert der Verband einen vollständigen Fangstopp und den Schutz natürlich einwandernder Aale. Öffentliche Mittel sollten vorrangig in die Wiederherstellung durchgängiger Gewässer und die Verringerung der Sterblichkeit an technischen Anlagen fließen statt in den Besatz mit zuvor gefangenen Glasaalen.

„Beim Aal zeigt sich besonders deutlich, dass gut gemeinte Maßnahmen nicht automatisch guter Artenschutz sind. Glasaale an einer Stelle zu fangen und andernorts auszusetzen, schafft keinen einzigen zusätzlichen Aal. Wir müssen die Ursachen angehen: Fangdruck reduzieren, Wanderwege wieder öffnen und dafür sorgen, dass die Tiere ihre natürlichen Lebensräume erreichen können“, sagt Rainer Borcherding vom BUND SH.

Wertschöpfung statt höherem Fischereidruck

Der BUND SH betont zugleich, dass die Transformation der Fischerei wirtschaftliche Perspektiven für ökosystemverträglich arbeitende Betriebe eröffnen muss. Eine höhere regionale Wertschöpfung, beispielsweise durch Direktvermarktung, kann dazu beitragen, Einkommen zu sichern, ohne den Fischereidruck zu erhöhen.

Öffentliche Förderung muss dabei nach Auffassung des BUND messbare ökologische Verbesserungen unterstützen. Wo eine ökosystemverträgliche Nutzung derzeit nicht möglich ist, sollten der Ausstieg aus belastenden Fangmethoden, die Umstellung von Betrieben und alternative Einkommensmöglichkeiten unterstützt werden.

Platt-Till abschließend: „Die Interessen von Fischerei und Meeresschutz sind langfristig keine Gegensätze. Gerade die Fischerei ist auf lebendige Meere angewiesen. Deshalb muss Politik heute die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich Fischbestände und Lebensräume erholen können – das ist die wichtigste Investition in die Zukunft der Fischerei.“

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