Einblicke in das Leben eines berühmten Pianisten: von Klavierkauf bis Wohnungssuche
Fotos: Brahms-Institut an der MHL · Lübecker Brahms-Institut erweitert Sammlung um wertvolle Postkarten
Zahlreiche Postkarten aus den 1870er- und 1880er-Jahren geben neue Einblicke in das Privatleben des Pianisten, Komponisten und Brahms-Vertrauten Theodor Kirchner. Das Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck (MHL) konnte das wertvolle, bislang in Privatbesitz befindliche Konvolut erwerben und damit den bereits vorhandenen Nachlass um persönliche Zeugnisse aus Kirchners Alltag ergänzen.‘

23 Postkarten, die das Brahms-Institut an der MHL jüngst erworben hat, enthalten kurze Nachrichten, die der Pianist, Komponist und Brahms-Vertraute Theodor Kirchner (1823–1903) seinem Bruder Otto schrieb. Die zwischen 1875 und 1883 entstandene Korrespondenz lässt erkennen, welch wichtige Rolle der Bruder als Vertrauter und Ratgeber in Kirchners Leben gespielt hat. Es geht um familiäre Angelegenheiten ebenso wie um praktische Fragen des täglichen und musikalischen Lebens: Otto unterstützt seinen Bruder bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung, wird bei der Auswahl eines Bechstein-Instruments in Berlin um Rat gefragt und gebeten, ein Titelblatt für eine Komposition Kirchners zu skizzieren.
Der Ankauf des Konvoluts wurde durch großzügige Unterstützung der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung und des Vereins zur Förderung des Brahms-Instituts ermöglicht, die jeweils ein Drittel der Kosten übernehmen. Die 23 Postkarten ergänzen die wertvolle Sammlung des Brahms-Instituts und den umfangreichen Kirchner-Bestand, zu dem bereits 36 Musikautografe, mehrere hundert Blatt mit Skizzen und Entwürfen, eine umfangreiche Sammlung von Kirchners Handexemplaren von Erst- und Frühdrucken seiner Werke sowie zahlreiche Schriftstücke und Lebensdokumente gehören.
„Die neu hinzukommenden Karten fügen dem Nachlass eine sehr persönliche Perspektive hinzu: Neben dem Komponisten und Musiker wird in ihnen auch der Privatmensch Theodor Kirchner greifbar“, sagt dazu die Brahms-Forscherin und kommissarische Geschäftsführerin des Brahms-Instituts Dr. Teresa Cäcilia Ramming. Kirchner ist eng mit den Künstlerinnen und Künstlern vernetzt, die die Musikwelt seiner Zeit prägen: Bereits als 15-Jähriger wird er Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy vorgestellt. Auf Mendelssohns Empfehlung studiert er in Leipzig und wird 1843 mit der Matrikelnummer eins als erster Student in das neu gegründete Leipziger Konservatorium aufgenommen.
Schumann zählt ihn zehn Jahre später in seinem berühmten Brahms-Aufsatz „Neue Bahnen“ zu den „hochaufstrebenden Künstlern der jüngsten Zeit“. Mit Johannes Brahms verbinden Kirchner eine langjährige Freundschaft und ein intensiver musikalischer Austausch. Den größten Teil seines Schaffens widmet Kirchner dem Klavier. Mehr als tausend Einzelstücke stammen aus seiner Feder, darunter vor allem kurze romantische Charakterstücke. Brahms schätzt einige dieser Kompositionen als „das Zarteste vom Zarten“. Dennoch gerät Kirchner nach seinem Tod für Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit.
Mit der Bewahrung und Erschließung seines Nachlasses trägt das Brahms-Institut dazu bei, das Werk des Komponisten und seine Bedeutung für die Musikkultur des 19. Jahrhunderts erneut sichtbar zu machen. Der bereits vorhandene Kirchner-Bestand wurde vollständig digitalisiert und über das Brahms-Portal öffentlich zugänglich gemacht, nach ihrer wissenschaftlichen Erschließung werden auch die neu erworbenen Postkarten digitalisiert und dort öffentlich zugänglich sein. Weitere Informationen unter www.brahms-institut.de und www.brahms-portal.de
