Tier, Natur & UmweltTipps & Informationen

Winter im Wattenmeer: Wie kommen Tiere und Pflanzen mit der Kälte klar?

Foto: NSH WattenmeerEisiger Ostwind, Frost, Schnee und gefrorene Wattflächen – der Winter hat auch den Nationalpark Wattenmeer aktuell fest im Griff. Während wir Menschen warm eingepackt die verschneiten Salzwiesen und glitzernden Eisschollen bestaunen, stehen die tierischen und pflanzlichen Bewohner der Wattenmeerregion vor besonderen Herausforderungen. Doch viele von ihnen sind erstaunlich gut an das Leben unter frostigen Bedingungen angepasst.

Überleben im eiskalten Schlick

Ein Drittel der im Watt lebenden bodenbewohnenden Organismen – das sogenannte Benthos – reagiert empfindlich auf niedrige Temperaturen. „Bei strengem Frost frieren die oberen Sedimentschichten tief durch, was für sesshafte Arten wie den Bäumchenröhrenwurm zur Überlebensfrage werden kann“, erklärt Dr. Ulrike Schückel, Biologin in der Nationalparkverwaltung.

Wandernde Eisschollen können Muschelbänke zusätzlich unter Druck setzen und sie buchstäblich abrasieren. Nach harten Wintern verändert sich die Zusammensetzung der benthischen Tiergemeinschaft deutlich: „Einige Arten erholen sich nur schwer, während andere – etwa Muscheln und kleine Borstenwürmer – von den neuen Bedingungen profitieren“, so Schückel weiter.

Das laufende Benthosmonitoring der Nationalparkverwaltung werde zeigen, ob der aktuelle harte Winter Folgen für die biologische Vielfalt im Watt hat.

Winterliche Ruhe unter Wasser

Auch die Fische des Wattenmeeres werden von der Winterkälte beeinflusst. Als wechselwarme Tiere passen Fische ihren Stoffwechsel an die Wassertemperatur an – bei Frost verlangsamt sich ihr Lebenstempo spürbar. Viele Arten ziehen sich aus den seichten Wattflächen in tiefere Bereiche zurück, wo das Wasser weniger stark abkühlt.

In extremen Wintern kann dies nicht nur ihre Verteilung, sondern auch die Nahrungsnetze beeinflussen: Wenn sich die Entwicklung von Plankton oder kleinen wirbellosen Tieren verzögert, fehlen den Fischen wichtige Nahrungsquellen.

Standhafte Salzwiesen

Salzwiesen im Nationalpark sind von Natur aus robust. Die verschiedenen Pflanzen sind das Extreme gewöhnt und kommen gut mit Frost, Wind und Eis klar. Dicke Eisschollen können zwar gelegentlich Vegetation abreißen, doch die Pflanzen erholen sich rasch. „Unsere Salzwiesen sind widerstandsfähige Lebensräume – was im Winter beschädigt wird, wächst im Frühjahr schnell wieder nach“, erklärt der Salzwiesen-Experte der Nationalparkverwaltung, Moritz Padlat.

Herausforderung für die Vogelwelt

Für viele Zug- und Rastvögel bedeuten Schnee und Eis Engpässe bei der Nahrungssuche. Wenn gefrorene Wattflächen den Zugang zu Würmern und Muscheln versperren, weichen einige Arten nach Südwesten aus. Andere bleiben, konzentrieren sich auf offene Wasserstellen und brauchen dann vor allem eines: Ruhe. Jede Störung kostet wertvolle Energie. Spaziergänger*innen werden daher gebeten, Abstand zu halten und Rückzugsräume zu respektieren.

Fischotter fühlen sich im Schnee wohl

Im Nationalpark-Zentrum Multimar Wattforum in Tönning zeigen sich die drei Eurasischen Fischotter aktuell von ihrer winterharten Seite. Im zugefrorenen Teich halten sie kleine Löcher im Eis offen und tauchen geschickt unter die gefrorene Oberfläche.

„Unsere Fischotter kommen mit der Kälte bestens klar und spielen gern im Schnee“, berichtet Nicole Pekruhl, Biologin im Multimar Wattforum. Das dichte Fell mit isolierendem Unterhaar schützt sie zuverlässig vor frostigen Temperaturen. „Im Winter beobachten wir bei unseren Ottern einen erhöhten Energiebedarf – bei den Fütterungen langen sie ordentlich zu“, so Pekruhl.

Der 1985 gegründete Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer schützt auf einer Fläche von 4.380 Quadratkilometern wertvolle Watt- und Meeresflächen, Strände und Salzwiesen. Er bietet etwa 10.000 Arten von Tieren und Pflanzen ein Zuhause, von denen viele nirgends sonst leben können. Millionen Brut- und Zugvögel machen das Wattenmeer zum vogelreichsten Gebiet in Europa.