Feldhasen- statt Erdkrötentempo: Schutz der biologischen Vielfalt muss schneller gehen
Kiel. „In Schleswig-Holstein werden jährlich 1.800 Hektar Fläche mit Straßen, Gebäuden und Anlagen überbaut und gehen damit als Lebensraum für Tiere und Pflanzen verloren. Darüber können seitenlange Beschreibungen von Vertragsnaturschutz-Programmen oder Erfolgen der Stiftung Naturschutz nicht hinwegtäuschen“, sagt Gerd Simon vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Schleswig-Holstein e. V. (BUND SH) anlässlich der Präsentation des „Jahresberichts Biologische Vielfalt“ der Landesregierung Schleswig-Holstein. „In den vergangenen 20 Jahren sind die Hälfte der Biotope zerstört worden. Viele Tiere, die in meiner Jugend noch zu unserer Heimat gehörten, sind verschwunden. Übermäßiger Einsatz von Pestiziden tötet Insekten. Vögel und Fledermäuse, die sich von ihnen ernähren, finden keine Nahrung mehr.“
- BUND SH zum Jahresbericht Biologische Vielfalt: Wenige Erfolgsprojekte können täglichen Verlust an Naturflächen nicht ausgleichen
- Mehr Vertragsnaturschutz, schnellere Ausweisung von Schutzgebieten und Reduktion der Nährstoff-Überschüsse gefordert
- Weiteres Verzögern des konsequenten Handelns ist die teuerste Option für Schleswig-Holstein und seine Bürger
Der ehrenamtliche Naturschutz-Experte betont, dass der Bericht nur wenige ermutigende Erfolgs-Beispiele enthält. So konnten im Rahmen des BUND-Projekts „Artenreiches Grünland auf Föhr“ 35 Hektar Wiesen auf der Nordseeinsel so renaturiert werden, dass sie Uferschnepfen, Kiebitzen, Laufkäfern und Kuckuckslichtnelken wieder einen Lebensraum bieten. „Aber, wenn man bedenkt, mit welcher Geschwindigkeit die Zerstörung der Natur voranschreitet, ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, so Simon.
Bini Schlamann, BUND-Referentin für Agrar und Biodiversität, geht auf die im Bericht beschriebenen Vertragsnaturschutzprogramme ein: „Vertragsnaturschutzprogramme finden nur auf etwa fünf Prozent der landwirtschaftlichen Fläche statt. Das Ziel sind 10 Prozent bis 2030 – da müssen wir vom Erdkröten- in den Feldhasen-Gang schalten, um das zu schaffen!“ Sie fügt hinzu: „Schutzgebiete müssen schneller ausgewiesen werden, die Nährstoffproblematik ernsthaft angegangen werden. Gar nichts passiert bei der Reduktion von Pestiziden. Die gesamte Landesregierung muss die Verantwortung für die biologische Vielfalt übernehmen! Landwirtschaft, Naturschutz und die gesamte Politik müssen Hand in Hand agieren – unser Nachbar Dänemark macht es aktuell vor.“
In den vergangenen 12 Monaten wurde landseitig nur ein einziges, knapp 100 Hektar großes Naturschutzgebiet in Flensburg ausgewiesen. Zum Vergleich: Allein für Northvolt wurden innerhalb weniger Monate 200 Hektar Felder, Gräben und Knicks planiert.
„Während die Planung von Energie-Anlagen, sogar für umweltschädliches LNG-Gas, beschleunigt wird, mahlen die Mühlen für den Schutz unserer Lebensgrundlagen gefährlich langsam“, mahnt Joachim Schulz vom BUND SH und ergänzt: „Schleswig-Holstein kultiviert immense Vollzugsdefizite im Naturschutz und natürlichen Klimaschutz. Damit gefährdet das Land die Lebensgrundlagen für die Allgemeinheit. Wir bürden durch die rasante Zerstörung unseren nachfolgenden Generationen einen dauerhaften Schaden besonders teuer auf.“