Fraunhofer-Studie: Nordische Stromregion kann Energiekosten senken und Industrie stärken
Untersuchung zeigt Potenziale einer gemeinsamen Stromregion aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Westdänemark. IHK und Land Schleswig-Holstein stellen mögliches neues Marktdesign für wettbewerbsfähigen Wasserstoff vor.
Berlin, 14. Oktober 2026. Eine gemeinsame Stromregion aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Westdänemark könnte die Kosten der Energiewende senken, grünen Wasserstoff wettbewerbsfähiger machen und die deutsche Industrie stärken. Das zeigt eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE), die am heutigen Mittwoch auf gemeinsame Initiative der IHK Schleswig-Holstein und der schleswig-holsteinischen Landesregierung bei einem parlamentarischen Frühstück in Berlin vorgestellt wurde. Wirtschaft und Landespolitik ziehen an einem Strang, um die Vorteile eines neuen Strommarktdesigns mit einer solchen Nord-Stromregion für ganz Deutschland aufzuzeigen.
„Die Energiewende entscheidet sich nicht allein beim Ausbau erneuerbarer Energien. Entscheidend ist, ob es gelingt, erneuerbaren Strom dort in Wertschöpfung umzuwandeln, wo er in großen Mengen verfügbar ist. Die norddeutsch-dänische Energiekooperation bietet hierfür erhebliche Potenziale“, sagt Björn Ipsen, Hauptgeschäftsführer der IHK Schleswig-Holstein.
Dieser gesamtdeutsche Nutzen steht auch für die Landespolitik im Zentrum. Energiewende-Staatssekretär Joschka Knuth betont: „Das aktuelle Marktdesign verzerrt die Strompreise deutschlandweit: Es wird Fülle signalisiert, wo Knappheit ist und umgekehrt. Diese Ineffizienzen kosten uns alle jedes Jahr viel Geld. Und sie verhindern, dass Vorreiter-Regionen der Energiewende, wie Schleswig-Holstein, ihren Standortvorteil voll ausschöpfen können. Dabei könnte ganz Deutschland und insbesondere auch der industrieschwere Süden von Wasserstoff made in Germany profitieren, günstig und sicher. Ein modernes, marktorientiertes Preiszonenmodell liegt auf der Hand und sollte endlich umgesetzt werden.“
Nutzen für ganz Deutschland
Die Studie untersucht, wie sich eine gemeinsame Stromregion – die sogenannte Nordic Twin Sea Zone (NTSZ) – auf Strompreise, Netzkosten, Wasserstoffproduktion und industrielle Wertschöpfung auswirken könnte. Neben möglichen Kostenvorteilen bei Strom und Wasserstoff könnte die angedachte Stromzone Netzengpässe reduzieren, die Versorgungssicherheit stärken und öffentliche Haushalte entlasten.
Geringere Strompreiseffekte, günstigerer Wasserstoff
Erstmals vergleicht die Untersuchung die Nordic Twin Sea Zone mit alternativen Szenarien innerhalb der bestehenden deutschen Strompreiszone. Untersucht wurde dabei, wie sich ein zusätzlicher Ausbau von jeweils einem Gigawatt Elektrolyseleistung in Österreich oder Dänemark auf Strompreise und Systemkosten auswirken würde. Die Ergebnisse zeigen, dass zusätzlicher Elektrolyseausbau innerhalb des heutigen Strommarktdesigns die Stromkosten für deutsche Verbraucher erhöht:
- Ein Gigawatt Elektrolyse in Österreich: Der deutsche Strompreis steigt um rund 0,60 Euro je Megawattstunde.
- Ein Gigawatt Elektrolyse in Dänemark: Der deutsche Strompreis steigt um rund 0,50 Euro je Megawattstunde. Die Anlage in Dänemark wird zudem mit rund 1,3 Milliarden Euro durch Fördermittel des Bundeswirtschaftsministeriums bezuschusst.
- Nordic Twin Sea Zone: Hier beträgt der Anstieg des Strompreises durch ein Gigawatt zusätzliche Elektrolyseleistung nur rund 0,20 Euro je Megawattstunde.
Eine regionale Stromzone für Schleswig-Holstein, Hamburg und Westdänemark könnte damit einen zusätzlichen Elektrolyseausbau zu deutlich geringeren Kosten liefern und somit zugleich die Voraussetzungen für eine wettbewerbsfähige Produktion von grünem Wasserstoff verbessern. Davon könnte auch die deutsche Industrie profitieren.
Zugleich sieht die Studie Potenzial, grünen Wasserstoff in der Region zu Zielkosten von drei bis fünf Euro je Kilogramm zu produzieren. Damit könnte die Stromregion einen Beitrag leisten, die Industrie mit wettbewerbsfähigem Wasserstoff zu versorgen und die Integration erneuerbarer Energien zu verbessern.
Prof. Martin Braun vom Fraunhofer IEE, Mitautor der Studie, fasst die systemischen Effekte zusammen: „Die Nordic Twin Sea Zone zeigt, welches Potenzial in einer besseren Abstimmung von erneuerbarer Stromerzeugung, Netzen und flexibler Nachfrage liegt. Unsere Simulationen zeigen, dass regionale Strompreissignale und flexible Elektrolyse gemeinsam die Integration erneuerbarer Energien verbessern und Abregelung reduzieren können. Die Untersuchungen verdeutlichen zudem, dass Standortentscheidungen für Elektrolyseure über Ländergrenzen hinweg wirken. Deshalb müssen wir Strommarktdesign, Wasserstoffhochlauf und industrielle Wertschöpfung europäisch zusammendenken. Die Nordic Twin Sea Zone bietet einen vielversprechenden Ansatz, um unser Energiesystem effizienter und zukunftsfähiger zu gestalten.“
Weitere Infos unter folgendem Link: www.ihk.de/sh/modellregion-energie
