Vom „Bedrohungsraum“ zum „Sicherheitsraum Ostsee“ „Abend der Konsulate“ in Lübeck im Zeichen internationaler Zusammenarbeit
Fotos: Christina Braune · Inmitten der Meldungen über Krisen, Kriege und Katastrophen in aller Welt klingt die Nachricht von Daniel Günther überraschend: „Die besten Zeiten liegen vor uns.“ Beim „Abend der Konsulate“ warb Schleswig-Holsteins Ministerpräsident dafür, sich der eigenen Stärken bewusst zu sein und nicht alles schlecht zu reden. Schleswig-Holstein habe große Chancen für eine große Zukunft, das Land sei die Drehscheibe zwischen Mittel-, Nord- und Osteuropa und profitiere stark von offenen Grenzen und gemeinsamen Wirtschaftsräumen.

Die Arbeit des konsularischen Korps in Schleswig-Holstein sei daher ein wichtiges Zeichen für internationale Zusammenarbeit sowie für ein enges und vertrauensvolles Miteinander zwischen den Staaten, betonte der Ministerpräsident vor geschätzt fast 1000 Gästen in der Musik- und Kongresshalle Lübeck.

Der Doyen des Konsularkorps Schleswig-Holstein und Honorarkonsul von Finnland, Bernd Jorkisch, begrüßte unter anderen Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Dirk Schrödter, Finnlands Botschafter Kai Sauer, den Kommandeur des Landeskommandos Schleswig-Holstein, Oberst Michael Skamel, Lübecks Universitäts-Präsidenten Prof. Helge Braun, die Generalkonsuln aus den USA und Japan Scott Woodard und Shinsuke Toda sowie die Spitzen von Kommunen und Wirtschaft.
In Schleswig-Holstein engagieren sich 22 Honorarkonsulinnen und -konsuln für die Kooperation mit 17 europäischen, afrikanischen und asiatischen Staaten und damit die internationale Bedeutung des Landes zwischen den Meeren. „Sie stehen für Zusammenhalt. Ihre Arbeit stärkt die Beziehungen zwischen Schleswig-Holstein und vielen Ländern in aller Welt. Für unser Land sind diese Kontakte ausgesprochen wichtig und wertvoll“, sagte Günther zu den ehrenamtlich engagierten Honorarkonsulinnen und -konsuln. „Vor allem helfen sie, Chancen zu erkennen und zu nutzen.“
Konsul Bernd Jorkisch rief dazu auf, genau diese Chancen zu nutzen, um den „Bedrohungsraum“ Ostsee in einen „Sicherheitsraum“ zu wandeln. Die gegenwärtigen geopolitischen Herausforderungen für Sicherheit und Wirtschaft erforderten ein noch höheres Maß an internationaler Zusammenarbeit zwischen den freiheitlichen Demokratien. Auch Professor Dr. Henning Vöpel. Direktor des Centrums für Europäische Politik (cep) in Berlin, betonte in einer von ihm moderierten Diskussion mit Diplomaten, dass die Welt eine neue Ordnung suche, während sich in einigen Ländern der Wechsel von der bisherigen regelbasierten zur machtbasierten Ordnung vollziehe. „Wir kommen aus einer Welt, die vor allem für Deutschland gut funktioniert hat. Die Zeitenwende ist daher ein enormer Bruch“, betonte der renommierte Wirtschaftsexperte.
Shinsuke Toda, Generalkonsul von Japan und Doyen des Konsularkorps Hamburg, blickte mit Optimismus auf die europäische Wirtschaft. „Sie hat eine Riesenkraft, die Forschung ist ausgeprägt und es gibt viele Innovationen“, sagte er. Aber kein Land sei in der Lage, die Herausforderungen der Gegenwart allein zu lösen. „Abschottung ist keine Lösung. Japan will daher eng mit Europa als verlässlichem Partner zusammenarbeiten.“
Auch die USA hätten ein großes Interesse an einem starken und eigenständigen Europa, stellte der US-Generalkonsul in Hamburg, Scott Woodard, heraus. „Die USA wollen nationale Souveränität und wirtschaftliche Sicherheit. Bündnisse sind daher wichtig, aber alle Partner müssen die Lasten fair teilen.“ Zur Sicherheit gehörten auch internationale Lieferketten. „Diese dürfen nicht unter die Kontrolle von Ländern geraten, die unsere Werte nicht teilen. Das ist gefährlich.“ Einen Bruch in den transatlantischen Beziehungen gebe es nicht, Europa und die USA teilten dieselben Werte: Frieden und Wohlstand. Aber Europa müsse stärker auf eigenen Füßen stehen. Woodard: „Das ist keine Option mehr, sondern muss passieren!“ Die USA würden ausdrücklich anerkennen, dass Deutschland sich entschieden hat, eine stärkere militärische Rolle zu spielen. „Das unterstützen wir.“
Finnlands Botschafter Kai Sauer sieht ebenfalls viele Vorteile in der Kooperation im westlichen Bündnis. Sein Land habe sich vor rund 30 Jahren für den EU-Beitritt entschieden, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit auf dem europäischen Binnenmarkt zu stärken. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sei sein Land NATO-Mitglied geworden, um die gemeinsame Sicherheit zu stärken. „Bei meiner Arbeit merke ich, dass Sicherheit immer wichtiger wird, nicht nur militärisch, sondern auf allen Gebieten.“ Der Diplomat höre zudem häufig die Frage, „ob wir Angst vor Russland haben. Die Antwort lautet ‚nein‘, denn wir sind vorbereitet. Und unsere gesamte Gesellschaft nimmt an der Vorbereitung teil.“
Der Frieden sei keine Selbstverständlichkeit mehr, betonte auch Oberst Michael Skamel. „Der russische Angriffskrieg und die Drohnenanschläge führen uns vor Augen, wie es um die Sicherheit bestellt ist“, sagte er. „Wir alle sind Teil Europas und Teil von dessen künftiger Sicherheit. Daher müssen wir alle mitwirken.“ Europa brauche eine starke transatlantische Partnerschaft, müsse aber selbst stärker werden. „Da kommt Schleswig-Holstein ins Spiel. Das Land zwischen den Meeren ist entscheidend für den Umgang mit der veränderten Sicherheitslage: Wir haben Rüstungsindustrie und eine gut aufgestellte Wissenschaft.“ Er forderte dazu auf, „unser Europa sowie Frieden, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit mit starken Streitkräften zu schützen“. Einen Widerspruch sieht er darin nicht, denn für „Sicherheit brauchen wir starke Streitkräfte.“
„Gemeinsam klüger – die Kraft internationaler Hochschulkooperationen“, unter diesem Titel referierte Prof. Dr. Helge Braun als Präsident der Universität zu Lübeck über die nötige Internationalisierung von Lehre, Forschung und Wissenschaft auf dem Abend der Konsulate in einem gesonderten Saal.
