Medizin & Gesundheit

Wenn Kinderseelen aus dem Gleichgewicht geraten KKH: Weniger Heranwachsende erhalten Psychopharmaka

Hannover, 8. Oktober 2026 – Ob durch ein traumatisches Erlebnis in der Familie, Mobbing, Stress, globale Krisen oder genetische Veranlagung: Seelische Erkrankungen können vielfältige, individuelle Ursachen haben. Und: Sie sind keine Frage des Alters. Schon Grundschüler können seelisch stark belastet sein und unter Angststörungen, Panikattacken, Depressionen, Überaktivität oder Essstörungen leiden.
Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse zeigen, dass der Anteil der sechs- bis 18-jährigen Kinder und Jugendlichen, denen Psychopharmaka verordnet wurden, von 2014 auf 2024 um rund 18 Prozent gestiegen ist. Damit bekamen rund drei von hundert Heranwachsenden dieses Alters Arzneimittel aus dieser Gruppe.

Die gute Nachricht: Tendenziell geht der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die Psychopharmaka erhielten, zurück – vor allem seit Corona. So lag der Anteil betroffener Sechs- bis 18-Jähriger beispielsweise im Jahr 2021 noch gut 34 Prozent höher als 2024. Während der Pandemie war die seelische Gesundheit etlicher Kinder durch Lockdowns, Kita- und Schulschließungen samt Homeschooling und fehlender sozialer Kontakte teils dramatisch aus dem Lot geraten.

Viele Kinderarzt- und Psychotherapiepraxen waren geschlossen, Vor-Ort-Termine nicht möglich. Die KKH-Daten können ein Hinweis darauf sein, dass in dieser Zeit häufiger auf medikamentöse Behandlungsoptionen zurückgegriffen wurde – möglicherweise auch vor dem Hintergrund einer eingeschränkten Versorgungslage. Aber auch in den Vor-Corona-Jahren war der Anteil unter den jungen Patienten hoch. „Der Rückgang von Heranwachsenden, denen laut unseren Daten psychisch wirksame Medikamente verordnet wurden, ist erfreulich“, sagt KKH-Apotheker Sven Seißelberg. „Da sich Kinder und Jugendliche noch in der Entwicklung befinden und langfristige Auswirkungen je nach Wirkstoff unterschiedlich gut untersucht sind, ist ein gezielter, sorgfältig abgewogener Einsatz von Psychopharmaka besonders wichtig.“

Nur wenige Psychopharmaka für Kinder zugelassen

Psychische Erkrankungen sind in der Regel gut behandelbar. Das gilt vor allem, wenn sie rechtzeitig diagnostiziert werden. Andernfalls kann die Erkrankung auch chronisch werden. Anzeichen für eine seelische Erkrankung können zum Beispiel Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Traurigkeit oder Rückzug sein, aber auch psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen. Je nach Diagnose stehen für Kinder und Jugendliche nur begrenzt zugelassene psychopharmakologische Optionen zur Verfügung. In der Praxis können deshalb auch Off-Label-Anwendungen eine Rolle spielen. Diese werden außerhalb von zugelassenem Anwendungsgebiet und zugelassener Patientengruppe verordnet.

Eltern geraten mitunter in eine verzwickte Situation. Da ist zunächst ihr Kind, dem es seelisch nicht gut geht und für das sie sich rasch Hilfe erhoffen. Auf der anderen Seite stehen lange Wartezeiten auf einen leitliniengerechten Psychotherapieplatz. „Wenn psychotherapeutische Angebote nicht zeitnah verfügbar sind, stehen behandelnde Ärztinnen und Ärzte vor der Herausforderung, betroffene Kinder und Jugendliche dennoch angemessen zu versorgen“, so Sven Seißelberg.

„Ob eine medikamentöse Behandlung sinnvoll ist, sollte immer individuell entschieden werden. Wie bei allen wirksamen Arzneimitteln können auch bei Psychopharmaka Nebenwirkungen auftreten. Umso wichtiger sind eine sorgfältige Aufklärung, regelmäßige Verlaufskontrollen und eine engmaschige ärztliche Begleitung.“ Mögliche Nebenwirkungen können je nach Wirkstoff unter anderem Gewichtszunahme, Stoffwechselveränderungen, Herzrhythmusstörungen, Bewegungsstörungen, Müdigkeit, Unruhe, emotionale Veränderungen oder – insbesondere bei Antidepressiva zu Therapiebeginn – eine Zunahme suizidaler Gedanken sein.

Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt von Diagnose, Alter, Schweregrad, Leidensdruck und individueller Situation ab. Häufig stehen psychotherapeutische, psychosoziale und familienbezogene Maßnahmen im Vordergrund. Bei schwereren Verläufen oder bestimmten Erkrankungen kann eine medikamentöse Behandlung jedoch ein wichtiger Bestandteil eines umfassenden Behandlungskonzepts sein.

Die KKH hat ein besonderes Augenmerk auf die psychosoziale Gesundheit von Heranwachsenden und setzt dabei auf die Stärkung der psychischen Widerstandsfähigkeit. Hierfür kooperiert die bundesweite Kasse mit dem Deutschen Zentrum für Präventionsforschung (DZP), und sie bietet vielfältige Präventionsprogramme für Kinder und Jugendliche an wie beispielsweise DUDE und MaiStep.

Hintergrundinformationen
Die KKH hat anonymisierte Daten von bundesweit mehr als 234.600 KKH-versicherten Sechs- bis 18-Jährigen erhoben, denen zwischen 2014 und 2024 Psychopharmaka verordnet worden sind. Im Jahr 2024 betraf dies rund 6.300 Mädchen und Jungen. Das waren 2,68 Prozent aller versicherten Heranwachsenden bis 18 Jahre.

Mit rund 1,5 Millionen Versicherten, einem Haushaltsvolumen von rund 8,7 Milliarden Euro und rund 4.000 Mitarbeitenden zählt die KKH Kaufmännische Krankenkasse als eine der größten bundesweiten Krankenkassen zu den leistungsstarken Trägern der gesetzlichen Krankenversicherung. Nähere Informationen erhalten Sie unter kkh.de/presse/portraet.

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