Politik & Wirtschaft

Wirtschaftsbündnis startet Protestaktion zur Aussetzung der EU-Verpackungsverordnung

IHK Schleswig-Holstein, UVNord, DIE FAMILIENUNTERNEHMER und der Verband der Unternehmerinnen in Deutschland erhöhen gemeinsam den Druck auf Brüssel – Unternehmen schicken EU-Abgeordneten symbolische Bevollmächtigungsaufträge.

Kiel, 11. September 2026 – Ein breites Bündnis der schleswig-holsteinischen Wirtschaft fordert Nachbesserungen an der neuen EU-Verpackungsverordnung (PPWR). Gemeinsam rufen die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein, UVNord, DIE FAMILIENUNTERNEHMER und der Verband der Unternehmerinnen (VdU) Unternehmen dazu auf, sich an der Aktion „Stop the Clock für die PPWR“ zu beteiligen. „Stop the clock“ meint: die vorübergehende Aussetzung der Gültigkeit der neuen Verordnung, bis bürokratische Belastungen nachgebessert und offene Praxisfragen geklärt sind.

Initiiert wurde die Aktion von der IHK Schleswig-Holstein. Die Idee: Unternehmen können EU-Abgeordnete symbolisch zu ihren Bevollmächtigten für Verpackungsfragen ernennen und ihnen den entsprechenden „Arbeitsauftrag“ zuschicken. So sollen die politischen Entscheider mit den Bevollmächtigungsaufträgen geradezu überschwemmt werden und sie so auf dem eigenen Schreibtisch erleben, welchen zusätzlichen Aufwand die Verordnung verursacht.

Grund ist unter anderem die vorgesehene Pflicht für Unternehmen, bei bestimmten grenzüberschreitenden Geschäften innerhalb der EU einen Bevollmächtigten für Verpackungsfragen im jeweiligen Zielland zu benennen.

„Wenn die EU-Politiker den Unternehmen diese Suppe einbrocken, dann sollen sie sie auch auslöffeln“, sagt Thomas Buhck, Präsident der IHK Schleswig-Holstein. „Bevor Unternehmen gezwungen werden, neue Strukturen für zusätzliche Bürokratie zu schaffen, muss die Politik für Klarheit und Praxistauglichkeit sorgen. Deshalb fordern wir ein ‚Stop the Clock‘ und Zeit für Nachbesserungen.“

Auch Kennzeichnungspflichten sorgen für Ärger

Handlungsbedarf sieht das Bündnis weit über diese Regelung hinaus. Problematisch sind beispielsweise Vorgaben zur Kennzeichnung der Verpackungen mit allen am Produkt beteiligten Herstellern und Dienstleistern. Besonders Handelsunternehmen und Großhändler im Versandhandel können betroffen sein: Müssen Kontaktdaten von Herstellern und Vorlieferanten auf Verpackungen erscheinen, werden interne Lieferantenbeziehungen offengelegt und somit Betriebsgeheimnisse für die Konkurrenz sichtbar gemacht.

Maria Erichsen, Referentin für Energie und Umwelt der IHK zu Kiel, verdeutlicht: „Unsere Unternehmen gehen bereits heute verantwortungsvoll mit Ressourcen um und setzen Ressourceneffizienz erfolgreich in der Praxis um, die PPWR sollte diese bestehenden Lösungen stärken und nicht durch unverhältnismäßige Vorgaben und Bürokratie erschweren.“

Dr. Philipp Murmann, Präsident des UVNord: „Europa will wettbewerbsfähiger werden und baut gleichzeitig neue bürokratische Hürden auf. Das passt nicht zusammen. Wenn Europa im Wettbewerb mit anderen Wirtschaftsregionen mithalten möchte, dann müssen wir schneller und flexibler und nicht komplizierter werden. Jede zusätzliche Pflicht bindet Personal, kostet Geld und verteuert am Ende Produkte. Die PPWR braucht einen Praxistest, bevor Unternehmen dafür neue Strukturen schaffen müssen. Es zeigt sich einmal mehr, dass gut gemeinte aber schlecht gemachte Entscheidungen am runden Tisch nicht in die betriebliche Praxis passen.“

Rüdiger Behn, Vorsitzender von DIE FAMILIENUNTERNEHMER in Schleswig-Holstein: „Unternehmer übernehmen jeden Tag Verantwortung – für Beschäftigte, Investitionen und ihre Betriebe. Was wir nicht brauchen, sind immer neue Beauftragte für immer neue Vorschriften. Wenn Brüssel uns diesen Job verordnet, geben wir den Arbeitsauftrag und die damit verbundene Verantwortung und Kostenbelastung diesmal einfach zurück. Wer wundert sich eigentlich noch über den Stimmenzugewinn extremer Parteien?“

Ute Regina Voß, Landesverbandsvorsitzende des VdU Hamburg/Schleswig-Holstein: „Es geht nicht darum, sinnvolle Umweltziele infrage zu stellen. Aber Regulierung muss verständlich, verhältnismäßig und auch für kleinere Unternehmen praktisch umsetzbar sein. Wenn dafür Nachbesserungen notwendig sind, muss die Politik sich jetzt die Zeit dafür nehmen.“

Konkrete Vorschläge liegen auf dem Tisch

Das Bündnis verbindet seinen Protest mit konkreten Lösungsvorschlägen. Bei der Kennzeichnung sollte die Angabe eines verantwortlichen Unternehmens genügen, ohne dass zwingend Kontaktdaten beteiligter Hersteller oder Vorlieferanten offengelegt werden.

Diese sogenannte „Responsible Economic Operator“-Lösung würde Behörden einen klaren Ansprechpartner garantieren und zugleich legitime Geschäftsinteressen schützen. Rückverfolgbarkeit und Marktüberwachung blieben gewährleistet.

„Wir sagen nicht: Weg mit der PPWR. Wir sagen: Macht sie praktikabel“, so Buhck. „Umwelt- und Ressourcenschutz sind wichtige Ziele. Gute Regulierung muss diese erreichen, ohne Unternehmen unverhältnismäßige hohe Kosten und Bürokratie aufzubürden und damit funktionierende Geschäftsmodelle zu gefährden.“

Unternehmen können über die Kampagnenseite einen Bevollmächtigungsauftrag ausfüllen und an ihre Europaabgeordneten schicken. Zusätzlich sind sie aufgerufen, einen Karton mit „STOP THE CLOCK“ zu beschriften, zu fotografieren und das Bild über Social Media zu teilen.

Bis zum 5. Oktober wollen die beteiligten Wirtschaftsorganisationen möglichst viele Unternehmen mobilisieren.

„Das ist keine Einzelmeinung einer IHK und kein Problem einer einzelnen Branche“, sagt Buhck. „Die Wirtschaft in Schleswig-Holstein sendet gemeinsam ein Signal nach Brüssel: Stoppt die Uhr und macht die PPWR praxistauglich.“

Weitere Informationen und Teilnahme an „Stop the Clock für die PPWR“

Kurzlink: https://www.ihk.de/sh/stoptheclock_ppwr

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