Landesaktionsplan Echte Vielfalt wird konsequent weiterentwickelt und fortgeschrieben
Dazu sagt der Sprecher für Queerpolitik der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Jasper Balke:
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,
stellen Sie sich vor, Sie müssen ständig verbergen, wer Sie sind. Irgendwann glauben sie selbst, dass etwas an Ihnen falsch ist. Sie fragen sich jeden Tag, ob Sie auf der Straße die Hand des Menschen halten können, den Sie lieben. Ob Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen erzählen können, mit welcher Ansprache Sie sich am wohlsten fühlen. Ob Sie Ihrer Familie anvertrauen können, wer Sie sind.
Für viele queere Menschen ist das keine Vorstellung, sondern gelebter Alltag. Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, welche psychischen Folgen es hat, wenn Menschen dauerhaft das Gefühl haben, einen Teil ihrer Persönlichkeit verstecken zu müssen. Wenn aus der Angst vor Ablehnung irgendwann Scham wird. Wenn aus Scham sozialer Rückzug und vielleicht sogar Selbsthass entsteht. Und wenn aus diesem Rückzug Einsamkeit wird.
Wir wissen aus zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen, dass queere Menschen ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen haben. Insbesondere für Depressionen, Angststörungen und Suizidalität. Nicht nur als angehender Mediziner ist mir eine Unterscheidung besonders wichtig: Nicht die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität macht Menschen krank. Es ist das Umfeld, es sind die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie leben müssen, die krank machen!
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben hier bereits im vorletzten Plenum über die Sicherheit queerer Menschen gesprochen und selbstverständlich brauchen wir eine starke Polizei, konsequente Strafverfolgung und einen Rechtsstaat, der Menschen vor Hasskriminalität und Gewalt schützt.
Aber Sicherheit und vor allem „In Würde leben“ bedeutet eben auch, Gewalt zu verhindern, ohne sich verstecken zu müssen. Sicherheit bedeutet, in der Schule nicht ausgegrenzt zu werden, sondern von Mitschüler*innen und der Lehrkraft unterstützt zu werden. In der eigenen Familie akzeptiert zu sein. Im Gesundheitswesen ernst genommen zu werden. Und im Sportverein oder am Arbeitsplatz einfach dazugehören zu können. Sicherheit ist nicht nur die Abwesenheit von Gewalt. Sicherheit ist auch die Gewissheit, ohne Angst man selbst sein zu dürfen und vor allem anderen Menschen dieses Recht auch zuzugestehen.
Und genau aus diesem Grund haben wir in Schleswig-Holstein seit Jahren unseren Landesaktionsplan Echte Vielfalt, dessen Aufgabe es ist, genau die Strukturen verbindlich zu vernetzen und zu fördern, die diesen erweiterten Sicherheitsbegriff mit Leben füllen. Mit Beratungsangeboten, queerer Jugendarbeit, Bildungsprojekten wie SCHLAU und einer Zivilgesellschaft, die Menschen auffängt, ihnen Orientierung gibt und vor allem eines vermittelt: Du bist nicht allein.
Und ich bin der Ministerin sehr dankbar für ihren mündlichen Bericht und die Weiterentwicklung des Landesaktionsplans Echte Vielfalt 2.0, mit dem wir diesen Ansatz bei uns im Land noch stärker machen und die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt noch stärker als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verankern. Denn es sind mitnichten „nur“ die Verbände wie lambda::nord oder HAKI, denen die alleinige Aufgabe überlassen werden darf. Wir brauchen eine noch bessere Implementierung queerer Lebensrealitäten zum Abbau von Stigmata und Schaffung von Akzeptanz in bestehende staatliche Systeme, insbesondere Bildungssystem, Gesundheitssystem, Sport und Polizei.
Und wir erleben gerade, dass gesellschaftliche Fortschritte keineswegs unumkehrbar sind. Dass Minderheiten wieder zunehmend zum Gegenstand politischer Stimmungsmache werden. Und dass vermeintlich abstrakte Debatten über Identität für die betroffenen Menschen ganz konkrete Folgen haben.
Dabei, liebe Kolleginnen und Kollegen, sprechen wir doch eigentlich über etwas zutiefst Menschliches. Über die Sehnsucht, geliebt zu werden. Über das Bedürfnis, dazuzugehören, akzeptiert zu werden. Und über die Freiheit, herauszufinden, wer man eigentlich ist. Denn Liebe ist doch etwas Wunderbares. Und die eigene Identität zu entdecken, sie anzunehmen in einem bestärkenden Umfeld und mit ihr glücklich zu werden, das sollte eine der schönsten Erfahrungen im Leben eines Menschen sein können.
Unser politischer Anspruch muss deshalb mehr sein, als Menschen lediglich vor Diskriminierung zu schützen. Durch unseren Landesaktionsplan Echte Vielfalt 2.0 unterstreichen wir unseren Anspruch, bei uns in Schleswig-Holstein eine Gesellschaft zu gestalten, in der Menschen nicht nur keine Angst haben müssen anders zu sein. Echte Vielfalt bedeutet verschieden sein zu dürfen aber immer gleich an Rechten, gleich an Freiheit und gleich an Würde!
