Als Lübeck 1946 nur knapp einer Katastrophe entging
Foto: © HL Blick auf die Lübecker Wallhalbinsel · Vor 80 Jahren verhinderten drei britische Soldaten vermutlich die Zerstörung großer Teile der Hansestadt. Ein Sommertag, der alles hätte verändern können: Der 20. August 1946 begann wie ein gewöhnlicher Sommertag. Doch innerhalb weniger Sekunden wurde er zu einem Datum, das die Geschichte Lübecks beinahe für immer verändert hätte.
Am Wallhafen erschütterte eine gewaltige Explosion die Stadt. Während der Verladung von Munition rutschte eine Fliegerbombe aus der Hebeschlinge eines Krans und detonierte. Acht Hafenarbeiter verloren ihr Leben, zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt. Rauch stieg über dem Hafen auf, Trümmer wurden durch die Luft geschleudert. Für die Menschen vor Ort war die Katastrophe bereits Wirklichkeit geworden. Doch das eigentliche Ausmaß der Gefahr wurde erst in den Stunden danach sichtbar.
Die unsichtbare Bedrohung
In unmittelbarer Nähe der Unglücksstelle auf dem Wallhafenkai standen zwei Güterzüge mit Tausenden weiteren Sprengkörpern bereit, ihre gefährliche Fracht sollte auf Klappschuten verladen und zur Versenkung in die Ostsee gebracht werden. Nach heutigen Erkenntnissen befanden sich dort mehr als 30 Tonnen hochexplosiver Sprengstoff.
Wäre es zu einer Kettenreaktion gekommen, hätten weite Teile der Lübecker Altstadt, die Untertrave und angrenzende Stadtgebiete verwüstet werden können. Die Folgen für die ohnehin vom Krieg gezeichnete Stadt wären kaum absehbar gewesen.
Lübecks Zukunft hing plötzlich an einem seidenen Faden.
Drei Männer gegen die Zeit
In dieser Situation trafen drei britische Soldaten am Wallhafen ein: der Bombenentschärfer Hubert Dinwoodie sowie seine Kameraden Roland Norman Garred und John William Hatton, sie waren als Experten für die Entschärfung von Bomben angefordert worden. Schnell wurde deutlich, dass mindestens elf weitere Bomben akut explosionsgefährdet waren.
Bereits kleinste Erschütterungen hätten genügt, um eine erneute Detonation auszulösen. Den Männern blieb kaum Zeit für Abwägungen. Sie entschieden sich für einen Einsatz, dessen Risiko kaum zu überschätzen war.
„Trotz dieser Gefahr entschieden sich die Männer für einen Einsatz, der selbst erfahrene Militärs sprachlos machte. Sie transportierten die hochsensiblen Bomben einzeln von Hand auf ein Boot, brachten sie aus dem Stadtgebiet heraus und machten sie anschließend unschädlich“, erklärt Dr. Dirk Rieger, Leiter des Bereichs Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck.
Vier Tage lang arbeiteten die Soldaten unter Bedingungen, bei denen jeder Handgriff der letzte hätte sein können. Hubert Dinwoodie und Norman Garred erhielten später in England hohe Auszeichnungen für ihre couragierte Tat.
Eine Geschichte, die fast vergessen wurde
„Mit ihrem Einsatz verhinderten sie vermutlich eine der schwersten Nachkriegskatastrophen Norddeutschlands“, sagt Pascal Straßer, Koordinator der Fachstelle Erinnerungskultur im Kulturbüro der Hansestadt Lübeck.
Dennoch geriet die Geschichte über Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit. Erst die akribische Recherche der Britin Barbara Tull ermöglichte es, die dramatischen Ereignisse von damals Schritt für Schritt zu rekonstruieren. Barbara Tull ist die Tochter von Sergeant Roy Tull, der als Mitglied der Royal Air Force 1945 in Lübeck für die Verklappung der Weltkriegsmunition verantwortlich war.
Sie stellte dem Museum für Regionalgeschichte der Gemeinde Scharbeutz die Unterlagen ihres Vaters sowie Dokumente von Peter Savage, dem Enkel des Bombenentschärfers Hubert Dinwoodie, zur Verfügung. Sie bildeten eine wichtige Grundlage für die weiteren Recherchen des Museumsteams und die Sonderausstellung „Munition im Meer – das explosive Erbe“. So kehrt jetzt, 80 Jahre später, diese außergewöhnliche Geschichte zurück ins öffentliche Bewusstsein.
Mut, Verantwortung und Menschlichkeit
Die Ereignisse des 20. August 1946 sind weit mehr als ein Kapitel der Lübecker Stadtgeschichte. Sie erzählen von Verantwortung, Menschlichkeit und außergewöhnlichem Mut in einer Zeit des Wiederaufbaus.
Vor allem aber erinnern sie daran, wie knapp die Hansestadt einer verheerenden Zerstörung entging. Ohne den selbstlosen Einsatz von Hubert Dinwoodie, Roland Norman Garred und John William Hatton würde das Gesicht Lübecks heute möglicherweise anders aussehen. Auch das einzigartige historische Stadtbild, das heute zum UNESCO-Welterbe gehört, hätte in seiner heutigen Form womöglich nicht erhalten werden können.
Mit dem Gedenken an die drei Soldaten und die Opfer der Explosion bewahrt die Hansestadt Lübeck die Erinnerung an Menschen, deren Handeln das Schicksal einer ganzen Stadt beeinflusste.
Gedenkveranstaltung am historischen Ort
Anlässlich des 80. Jahrestages fand am 20. August 2026 eine Gedenkveranstaltung am historischen Ort des Geschehens im Wallhafen statt, bei der die Opfer der Explosion sowie die Leistungen der drei britischen Soldaten gewürdigt wurden.
Es nahmen Vertreter:innen der Hansestadt Lübeck, des Regionalmuseums Scharbeutz sowie Nachkommen der beteiligten britischen Soldaten teil. Die Veranstaltung setzte ein Zeichen für Erinnerung, Versöhnung und die Bewahrung eines außergewöhnlichen Kapitels der Lübecker Stadtgeschichte.
